Pflegenotstand : Der Wunsch nach Wertschätzung

Pflegekräfte arbeiten hart und bekommen dafür wenig. Überall fehlt Personal. Dabei wird das, was sie leisten, immer wichtiger.

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Notwendige Fürsorge. Statt die älteren Menschen, die Hilfe brauchen, in Ruhe zu waschen, müssen Fachkräfte im Alltag oft hetzen. Foto: Fred Froese/ iStock
Notwendige Fürsorge. Statt die älteren Menschen, die Hilfe brauchen, in Ruhe zu waschen, müssen Fachkräfte im Alltag oft hetzen....Foto: Getty Images

Als sie sah, wie der alte Mann gezwungen wurde, am Tisch sitzen zu bleiben, wie ihre Kollegin ihn festhielt, ihm schroff sagte, er solle aufhören, zu zappeln, machte Katja M.* das so wütend, dass sie am liebsten gegangen und nicht wieder gekommen wäre. Das Verhalten der anderen Altenpflegerin war nicht richtig, aber das war es gar nicht, was sie so aufbrachte. Es waren die Umstände, die dazu geführt hatten: Ihre Kollegin war ewig nicht im Urlaub gewesen. Sie hatte zwölf Tage am Stück geschuftet, mal früh, mal spät, mal nachts, war müde, gestresst, weil zu viel Arbeit auf zu wenigen Schultern lastete. Und so kam es, dass eine stets freundliche Frau, ohne es zu wollen, unwirsch und ruppig wurde.

Katja M.* ist eine von geschätzt 1,2 Millionen meist weiblichen, oft in Teilzeit Beschäftigten in der Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpflege – was mehr sind als in der deutschen Automobilbranche. Wobei der Deutsche Pflegerat in der Summe nur jene mitzählt, die mindestens eine dreijährige Ausbildung absolviert haben. Hinzu kommen noch etliche Altenpflegehelfer, für die keine oder eine Lehre von weniger als zwei Jahren erforderlich sind. „Allerdings übernehmen sie im Alltag oft Aufgaben, die eigentlich nur Fachkräfte ausüben dürfen“, sagt Katja M., „aber anders geht es eben nicht.“

Stellen sind im Schnitt 167 Tage unbesetzt

Schon jetzt gibt es bundesweit viel zu wenig Pflegerinnen und Pfleger. Stellenangebote für ausgebildete Fachkräfte sind laut der Bundesagentur für Arbeit im Schnitt 167 Tage lang unbesetzt was 67 Prozent mehr sind als der Durchschnitt aller Berufe. Und die Situation wird sich weiter verschärfen, denn der demografische Wandel betrifft die Pflege doppelt: Mit der Alterung der Bevölkerung steigt die Nachfrage nach professioneller Pflege. Gleichzeitig sinkt das Arbeitskräftepotenzial.

In den letzten Jahren wurden deswegen verstärkt Altenpfleger aus dem Ausland angeworben – aus Osteuropa wie von den Philippinen. Lag der Anteil der Ausländer an den beschäftigten Altenpflegern 2013 bei 6,8 Prozent, erhöhte er sich bis 2015 auf 8,5 Prozent – was 44 000 Beschäftigte sind. Weil etwa das Geschäft mit Helferinnen aus Polen boomt, sind – zum Teil dubiose – Vermittlungsagenturen entstanden, die vom deutschen Notstand profitieren. Viele der Polinnen, die bei den Alten zu Hause einziehen und sie rund um die Uhr betreuen, werden schwarz beschäftigt, sind nicht abgesichert, bekommen weniger Lohn als erlaubt ist.

Ein Pflegeheim hingegen können sich viele gar nicht leisten. Fast die Hälfte der rund 14 000 Heime in Deutschland wird von privaten Trägern betrieben, also von Unternehmen, deren Zweck es ist, Gewinne zu erwirtschaften. Bei den ambulanten Diensten sind es 65 Prozent. Im Bundesschnitt müssen Heimbewohner für ihre Pflege im Monat 581 Euro aus eigenen Mitteln zahlen. In Berlin sind es sogar 856 Euro, wie kürzlich aus einer Antwort des Bundesgesundheitsministeriums auf eine Anfrage der Linksfraktion hervorging. Dazu kommen Kosten für Unterkunft und Verpflegung.

Erst Schlafstörungen, dann depressive Episoden

Zurück zu Katja M. Sie hatte ihre Ausbildung zur Altenpflegerin vor zehn Jahren begonnen. Sie fand es toll, Menschen zu helfen, ging mit diesem Gefühl zufrieden nach Hause, nahm das geringe Gehalt dafür hin. Doch dann machte sich das Schichtsystem bemerkbar. Es fing mit Schlafstörungen an, entwickelte sich zu depressiven Episoden, wie sie sagt. „Dazu kamen die Rückenschmerzen vom Hochheben, Umlegen der Alten, und das nagende schlechte Gewissen.“ Gegenüber den Patienten, die ihre Aufmerksamkeit und Fürsorge brauchten, aber die sie „wie am Fließband abarbeiten“ musste, und gegenüber den Angehörigen, die Fragen hatten, wofür ebenfalls die Zeit fehlte. Über drei Jahre hinweg wurde die 28-Jährige immer unzufriedener. Dann entschied sie sich für ein aufbauendes Studium. „So kann und möchte ich nicht für immer arbeiten“, sagt sie. „Auch wenn es ein toller Beruf ist.“

Dass die Pflege zum Wahlkampfthema geworden ist, freut Katja M. „Ich glaube aber, dass die Politik die Probleme noch so lange vor sich her schieben wird, bis es richtig knallt. Und das wird es.“ Das Thema gewann vor zwei Wochen an Aufmerksamkeit, als der angehende Krankenpfleger Alexander Jorde in der ARD-„Wahlarena“ Kanzlerin Angela Merkel (CDU) mit seinem Berufsalltag konfrontierte. Die Würde des Menschen werde in Deutschland „tagtäglich tausendfach verletzt“. Es gebe Menschen, „die liegen stundenlang in ihren Ausscheidungen.“ Der Grund: zu wenig Personal.

Krankenschwestern und Altenpfleger rackern hierzulande noch härter als in anderen Ländern: Auf einer deutschen Klinikstation kümmert sich eine Pflegekraft im Schnitt um 13 Patienten pro Schicht, in der Schweiz und Schweden sind es knapp acht, in den USA 5,3. Dazu kommt, dass vor allem die Beschäftigten in der Altenpflege schlecht bezahlt werden was sie zusätzlich frustriert und ihnen das Gefühl gibt, ihr Job sei nicht viel Wert. Verdient ein Krankenpfleger bis zu 3300 Euro brutto im Monat, sind es beim Altenpfleger im Durchschnitt rund 2400 Euro.

Gewerkschaft Verdi nennt Zustände "gefährlich"

„Der Altenpflegeberuf ist für mich ein gutes Beispiel für den Irrsinn, mit dem derzeit über Leistungsträger und deren steuerliche Entlastung diskutiert wird“, sagt Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. „Gemeint sind dabei immer nur die Besserverdienenden. Aber ich finde, Altenpfleger sind die wirklichen Leistungsträger.“ Die Ausbildung sei hart, die Arbeit psychologisch anspruchsvoll. Das schaffe kaum einer 45 Jahre lang – dabei wachse der Bedarf. „Wir werden bis zum Jahr 2040 rund eine weitere Million an Fachkräften in der Pflege brauchen“, glaubt Fratzscher.

Die Gewerkschaft Verdi nennt die Zustände „gefährlich“. Die Folgen des Personalmangels seien überarbeitete und kranke Mitarbeiter, die sich in der Hektik oft nicht einmal vernünftig die Hände desinfizieren könnten. Nachdem Verdi dazu aufgerufen hatte, streikten in dieser Woche bundesweit Pflegekräfte gegen die „permanente Überlastung“ – auch an der Charité in Berlin.

Nach Monaco und Japan hat Deutschland die drittälteste Bevölkerung der Welt und sie wird weiter altern. Nach einer Prognose des Gesundheitsministeriums könnte die Zahl der Pflegebedürftigen von aktuell 2,9 Millionen bis 2050 auf 5,3 Millionen steigen. Was nicht nur die Pflegekräfte betrifft: Drei Viertel der Betroffenen werden zu Hause umsorgt. Im Schnitt zehn Jahre lang. Entweder übernimmt das der Partner, selbst schon wackelig auf den Beinen, oder ein Kind, vielleicht mit einer eigenen Familie, berufstätig – und zermürbt zwischen den Ansprüchen.

* Name von der Redaktion geändert

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