Pin AG kämpft gegen Streik der Zusteller : Polizei, Hausverbot und Prämie

Die Pin AG wehrt sich gegen den Ausstand der Zusteller. Vorstandschef Axel Stirl bietet all jenen, die den Streik niederlegen, sogar eine Prämie an. Ein Tarifangebot gibt es aber nicht. Inzwischen wächst auch der politische Druck auf das Unternehmen.

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Uneinig. Die Tarifverhandlungen bei Pin kommen nicht voran. Auch die Zusteller sind uneins. Nur 220 von 850 sind im Streik.
Uneinig. Die Tarifverhandlungen bei Pin kommen nicht voran. Auch die Zusteller sind uneins. Nur 220 von 850 sind im Streik.Foto: picture-alliance/ dpa

„Finanziell sind die Auswirkungen dieses Streiks Horror“, sagt Axel Stirl, Vorstandschef der Pin AG. Neben ihm im vierten Stock des Unternehmenssitzes in Moabit sitzt Christina Lier, Herrin über die Pin-Finanzen, und nickt eifrig. Bereits seit zehn Tagen wird der private Postdienstleister bestreikt. Viel länger als Stirl gedacht hatte. Eine Prämie hatte er den Mitarbeitern versprochen, die nicht streiken. Und auch Gehaltserhöhungen – nur eben keinen Tarifvertrag. Auf den Streik reagierte Stirl dann mit Hausverboten für die Streikenden und rief sogar die Polizei. Genutzt hat es nichts. Der Streik geht weiter. Und Stirl legt noch einmal nach, es gehe ums Überleben.

220 von 850 Zustellern streiken

Es liest sich flehentlich: „Ich möchte Sie wirklich ernsthaft bitten, Ihren Streik abzubrechen“, schreibt Stirl in einem Brief an die Streikenden, die alle bei der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi organisiert sind. „Wenn Sie Ihrem Depotleiter morgen mitteilen, dass Sie den Streik dauerhaft beenden, haben Sie noch die Möglichkeit ... eine Streikabbruchprämie zu erhalten.“ Wie viel Geld fließt, schreibt er nicht. 550 Euro brutto hatte Stirl in der Vorwoche noch geboten. 300 Euro Abschlag sogar noch vor Weihnachten.

Robert Pinkus, Pin-Zusteller und Verdi-Mitglied, will von dem Geld nichts wissen. Er und rund 220 von insgesamt 850 Zustellern streiken weiter. Sie fordern 10,5 Prozent mehr Lohn. Momentan liegt er laut Pin bei 8,54 Euro pro Stunde. Verdi will 9,37 Euro durchsetzen. In der Verdi-Zentrale in Mitte ergreift Pinkus das Wort, er hat den Gewerkschaftssprech schon übernommen: „In den vergangenen Jahren kam es zu einer Leistungsverdichtung“, sagt er etwas umständlich ins Mikrofon. Mehr Arbeit also fürs gleiche Geld. Die Gewerkschaft hat ihn zur Pressekonferenz dazugeholt, als Kronzeuge für die wirtschaftlichen Zwänge der Pin-Beschäftigten.

Pin sieht sich als Opfer

Auch Pin sieht sich als Opfer wirtschaftlicher Zwänge. „Mehr als zuletzt angeboten ist nicht aus dem Unternehmen herauszupressen“, sagt Stirl. Doch ein konkretes Angebot hat er Verdi noch nicht vorgelegt. Er spricht lieber von Sondierungsgesprächen, nicht von Tarifverhandlungen. Immerhin hat Roland Tremper, der für Verdi die Verhandlungen führt, am Montag eine E-Mail bekommen. Angehängt war eine Exceltabelle, mit der er selbst ausrechnen konnte, welche Lohnerhöhungen Pin wirtschaftlich vertragen kann. Ein Angebot sei das nicht, heißt es bei Verdi. Auch in einem schriftlichen Gesprächsangebot, das Pin im November machte, stehen keine konkreten Zahlen.

Pin braucht neuen Auftrag durch Senat

Sicher ist, dass Pin sich in Kürze bewegen muss. Schon jetzt führt der Streik zu Verspätungen bei der Lieferung, Kunden seien abgesprungen, wichtige Briefe müssen teuer über die Konkurrenz der Deutschen Post versandt werden. Gerade jetzt, da die Weihnachtspost verschickt wird. „Arbeitsplätze sind akut bedroht“, schreibt der Pin-Chef. Noch mehr Druck kommt aber von politischer Seite. Da Pin die gesamte Behördenpost in Berlin zustellt, beobachtet man die Verhandlungen auch im SPD-geführten Senat mit Sorge, mischt sich aber offiziell nicht ein.

Deutlicher wird der Berliner SPD-Chef Jan Stöß, der die Pin AG auffordert, „im laufenden Tarifstreit zu einem fairen und zeitgemäßen Umgang zurückzukehren“. Die ergriffenen Maßnahmen, wie etwa die Aussperrung Streikender, seien „völlig überzogen“. Pin braucht den Auftrag des Senats, der in Kürze neu ausgeschrieben wird, unbedingt. 170 Jobs hingen direkt davon ab, sagt Stirl. Bedingung für den neuen Auftrag ist unter anderem ein Mindestlohn von 8,50 Euro. Theoretisch sei es möglich, dass dieser Lohn vereinzelt noch unterschritten werde, gibt Finanzchefin Lier zu. Eine Einigung eilt also – und ist dennoch nicht in Sicht.

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