Schnapshersteller Berentzen aus dem Emsland : Von der Destille zum Saftladen

Weniger Apfelkorn, mehr Orangensaft: Der Spirituosenhersteller aus dem Emsland will neue Märkte erschließen.

Michel Penke
Berentzen hat sich auf einen stagnierenden Spirituosenmarkt eingestellt und will stärker auf alkoholfreie Getränke setzen.
Berentzen hat sich auf einen stagnierenden Spirituosenmarkt eingestellt und will stärker auf alkoholfreie Getränke setzen.Foto: dpa

Es ist ein lange, wechselhafte Geschichte, auf die der Spirituosenhersteller Berentzen zurückblickt. Während in den 90er-Jahren die Spirituosen der Emsländer auf keiner Party fehlen durften, mussten 2008 gar die Feierlichkeiten zum 250-jährigen Firmenjubiläum ausfallen, weil angesichts einer miesen Bilanz keine Feierstimmung aufkommen wollte. Auf rund elf Millionen Euro belief sich damals der Verlust. Doch seitdem hat das Unternehmen einen fundamentalen Wandel durchlaufen: weg von der Destille, hin zum Saftladen.

Es war ein schmerzlicher Schritt – rangt sich der Gründungsmythos von Berentzen doch seit je um das Hochprozentige. Fusel-lünne nennen die Menschen der Umgebung den Ort mit der jahrhundertealten Schnapstradition. Der Schmied Johann Bernhard Berentzen betreibt dort Mitte des 18. Jahrhunderts eine kleine Fuselbrennerei, dank der er „Kloaren“ oder „Strohgelben“ an die Durstigen verkauft. Das Geschäft mit dem Korn brummt. 1898 wird „Berentzen vom Faß“ als eine der ersten deutschen Spirituosen als Marke eingetragen.

Gut siebzig Jahre später ergattert Berentzen die Pepsi-Cola-Konzession für Deutschland. Ein neues Standbein zwar, doch im Kern bleibt Berentzen den Traditionsrezepten aus früheren Tagen verbunden. Das ändert sich erst, als die Brüder Friedrich und Hans Berentzen 1976 den damals revolutionären Schritt wagen und Korn mit Apfelsaft vermischen. Der „Berentzen Apfel“ geht um die Welt. Als Partygetränk findet er Abnehmer in England, den USA und gelangt sogar bis nach Japan.

Der Produkt- und Marktexpansion folgt auch die Expansion der Bilanz. Die 90er-Jahre sind die goldenen Jahre der Firma. 1994 wagen sich die Berentzen-Brüder an die Börse, um mit mehr Kapital die Expansion voranzutreiben. Dann folgt der Absturz. Mehr als 90 Prozent verliert die Berentzen-Aktie gegenüber ihrem Allzeithoch. Der Spirituosenmarkt in Deutschland stagniert. Andere Produkte drängen auf den Markt: Campari-Red-Bull oder Bacardi-Bionade werden von der Jugend nun zum Vorglühen vor dem Clubbesuch getrunken. Der Apfel verschwindet fast komplett. Um die Bilanz zu retten, produziert Berentzen zunehmend No-Names für Billigdiscounter – und zerstört damit das eigene Geschäft.

67,7 Millionen Billigmixflaschen sind es 2007, während die margenstarken, hauseigenen Marken verdrängt werden. Darum bricht die Unternehmensführung mit der uralten Familientradition: Die bisherigen Berentzen-Eigentümer verkaufen rund 75 Prozent der Stammaktien und ziehen sich aus dem Unternehmen zurück. Erst dann beginnt der Strukturwandel. Auf den Stuhl des Vorstandsvorsitzenden hievt der Münchener Finanzinvestor Aurelius den Gelsenkirchener Stefan Blaschak, der eigentlich aus der Käsebranche stammt.

Dieser verordnet dem Unternehmen einen harten Sparkurs, um sich auf dem umkämpften Spirituosenmarkt zu behaupten. 142 Mitarbeiter müssen gehen. Die Verwaltung wird verschlankt, verlustträchtige Produkte eliminiert. 17 Millionen Euro an Kosten spart die neue Führung ein. Die verbliebenen 487 Mitarbeiter bringen das Unternehmen wieder in die Profitzone. Auch geografisch sucht Berentzen nach neuen Erlösquellen, weil der deutsche Markt bei unter sechs Litern Schnapsverbrauch pro Kopf im Jahr stagniert. Ende 2012 übernimmt Frank Schübel den Posten des Vorstandsvorsitzenden und führt den Kurs seines Vorgängers fort. Auch in China, Österreich und den Niederlanden vertreibt das Unternehmen nun seine Produkte. In der Türkei wächst der Absatz 2014 um 37 Prozent. Doch statt der alten Spirituosenmarken stehen nun mehr und mehr Obstsaftpressen im Angebot. Über die Tochtergesellschaft Citrocasa verkauft das Unternehmen die Pressen der Reihe „Fantastic“ für bis zu 10 000 Euro, zusammen mit einem Jahresabo für Früchte: acht Monate Orangen aus Spanien, vier Monate Früchte aus Südafrika.

Kunden sollen sich frischen Saft in Supermärkten selber pressen. Damit verspricht sich Berentzen größeres Wachstumspotenzial, denn der Trend geht hin zu frischen, unbehandelten Lebensmitteln. Die alten Glanzzeiten von „32 % vol“ kommen nicht wieder, ist man sich bei Berentzen sicher.

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