Smart City : Wie neue Technik die Städte verändert

Ladesäulen für E-Autos und vernetzte Müllcontainer: Smart City ist die Zukunft der Stadt. Die Ansprüche an das Konzept sind jedoch so verschieden wie Berlin und Bangalore.

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Wenn Städte wachsen, muss auch die Infrastruktur angepasst werden.
Wenn Städte wachsen, muss auch die Infrastruktur angepasst werden.Foto: imago

Was da in der Wüste steht, ist keine Lösung. Masdar ist eine Smart City aus Tausendundeiner Nacht. Die Dächer tragen Solarzellen, Windtürme sorgen für die nötige Abkühlung. Die 45.000 Einwohner der Modellstadt, die für Dutzende Milliarden Euro bis Mitte des kommenden Jahrzehnts wenige Kilometer östlich von Abu Dhabi entsteht, sollen ohne Autos auskommen. „Projekte wie Masdar City oder Songdo in Südkorea sind keine Referenz für bestehende Städte“, sagt Jens Libbe. Das Smart-City-Prinzip, also die vernetzte Stadt, sei in bestehenden urbanen Strukturen viel schwieriger zu verwirklichen als in einer Planstadt. Libbe beschäftigt sich als Infrastrukturexperte am Deutschen Institut für Urbanistik in Berlin intensiv mit Smart-City-Konzepten.

Die Zahl der Menschen, die in Städten leben, wächst

Diese Woche treffen sich Fachleute wie er auf dem Berliner Messegelände zur Metropolitan Solutions. Im City-Cube präsentieren rund 100 Unternehmen Technologien für die Zukunft der Städte. Und die könnte schneller kommen, als vielen Stadtplanern lieb ist.

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (vorn, SPD) besucht das nachhaltige Städtebauprojekt Masdar City in Abu Dhabi.
Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (vorn, SPD) besucht das nachhaltige Städtebauprojekt Masdar City in Abu Dhabi.Foto: dpa

Bis zur Mitte des Jahrhunderts werden nach Schätzungen der Vereinten Nationen rund 70 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben. „Die Endlichkeit der Ressourcen, die Demografie und der Klimawandel werden zu den bestimmenden Faktoren für die Städte“, sagt Elke Pahl-Weber von der TU Berlin. Die Leiterin des Instituts für Stadt- und Regionalplanung definiert Smart City als „guten Ansatz zur Erneuerung der Infrastruktur“. Weil der Staat jahrzehntelang zu wenig in Straßen, Energieversorgung und Entsorgungssysteme investiert hat, sind diese vielerorts marode. Eben erst hat die Bundesregierung angekündigt, in den kommenden Jahren zehn Milliarden Euro zusätzlich für die Erneuerung der öffentlichen Strukturen zur Verfügung zu stellen. Für Forscher wie Pahl-Weber ist dabei entscheidend, dass tatsächlich erneuert wird. „Infrastrukturmaßnahmen haben einen Abschreibungshorizont von 30 Jahren. Wenn wir jetzt nur flicken statt zu gestalten, werden wir die Herausforderungen der nahen Zukunft nicht bewältigen können.“

Forscher werten Unmengen von Daten aus

Grundsätzlich geht es um die intelligente Steuerung städtischer Systeme. Wie können sich Menschen freier in der Stadt bewegen, ohne dass die Gefahr des Verkehrsinfarkts wächst? Wie lässt sich trotz wachsender Zahl der Abnehmer der Energiebedarf senken? Wie können Städter weniger Trinkwasser verbrauchen, ohne dass gleichzeitig der Abwasserkreislauf zum Erliegen kommt? Wie wird aus Müll neue Energie? Neu sind diese Fragen nicht, nur die Art, ihnen zu begegnen. Durch die zunehmende Digitalisierung entstehen Unmengen an Daten, die ausgewertet, zusammengeführt und zu intelligenten – also: smarten – Lösungen entwickelt werden können.

Schon jetzt sind Elektroautos und die passende Infrastruktur ein großer Markt.
Schon jetzt sind Elektroautos und die passende Infrastruktur ein großer Markt.Foto: imago

Ein Milliardenmarkt sind Schnellladestationen für Elektroautos oder Blockheizkraftwerke für Bürogebäude schon heute. Fachleute erwarten, dass sich die Entwicklung enorm beschleunigen wird. Im laufenden Jahr werden in den Smart Citys dieser Welt rund 1,1 Milliarden Ampeln, Stromzähler, Müllcontainer mit Sensoren ausgestattet und vernetzt sein, glauben die Marktforscher von Gartner. Schon 2017 werde sich die Zahl der Geräte und Gegenstände auf 2,7 Milliarden mehr als verdoppelt haben. Nicht allein mit den Geräten selbst lässt sich Geld verdienen, vor allem Dienste und Apps, die sich aus den Daten entwickeln lassen, gelten unter dem Begriff Smart Services als Geschäft der Zukunft. Das Beratungshaus Frost & Sullivan schätzt den Wert des Smart-City-Marktes bis zum Ende des Jahrzehnts auf 1,5 Billionen Dollar.

Die Probleme sind von Stadt zu Stadt verschieden

Kritik, Unternehmen nutzten Smart City vor allem als Label, um ihre Produkte besser verkaufen zu können, hält Volkswirt Libbe für zu stark. „Viele Unternehmen haben erkannt, dass sie für jede Stadt individuelle Lösungen anbieten müssen.“ Megacitys mit mehr als zehn Millionen Einwohnern in Entwicklungs- oder Schwellenländern haben ganz andere Anforderungen als entwickelte Städte in Europa oder in den USA. Ein Standardprodukt, das eins zu eins in Berlin wie in Bangalore funktioniert, gebe es nicht, sagt auch Martin Powell, Leiter der Stadtentwicklung bei Siemens in London. „In Asien haben Sie häufig das Problem, dass Sie zu wenig Platz haben.“ In einer ohnehin überbevölkerten Stadt lähme etwa der notwendige Bau einer U-Bahn den Verkehrsfluss noch zusätzlich. In einer europäischen Metropole hingegen werde die Erneuerung ganzer Energieversorgungssysteme zur Herausforderung.

Neben Siemens bespielen längst auch andere das Feld der intelligenten Stadt – von Cisco über Bosch und IBM bis SAP. Während Berlin im April seine Smart-City-Strategie verabschiedet hat und sich unter anderem in Europa um Fördergelder bewirbt, um gemeinsam mit der Wirtschaft und Forschungsinstituten die Gartenstadt Lichterfelde Süd zu einem vernetzten Vorzeigekiez zu päppeln, sind die Dimensionen anderswo ganz andere. Indiens Premier Narendra Modi beispielsweise will im Zuge seiner Modernisierungsoffensive 100 Smart Citys errichten. Diese Art Leuchtturmprojekte werden auch in den kommenden beiden Asien-Pazifik-Wochen in Berlin eine große Rolle spielen. Auf Konferenzen und bei Vorträgen treffen hier Akteure aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft zusammen, um über die Vision von der vernetzten Metropole zu diskutieren – und über millionenschwere Verträge zu verhandeln.

Ohne die Beteiligung der Bürger geht es nicht

Dabei geht es bei Smart Citys gar nicht ausschließlich um den Einsatz von Hochtechnologie. Ein wichtiger Aspekt ist die Bürgerbeteiligung. „Der gesellschaftliche Trend geht in Richtung Beteiligungskultur“, sagt Jens Libbe. Die Menschen wollten wissen, wie die Infrastrukturen künftig ausgelegt sein werden. Und gerade dort, wo Städte wild wachsen, wo die Landflucht enorm ist, in Asien oder Afrika, geht es um einfache, aber effektive Lösungen für Wasserversorgung, Müllentsorgung, Elektrifizierung. „Global gesehen ist Smart City ein Thema, das sich unbedingt der Armutsbekämpfung widmen muss“, appelliert Stadtforscherin Pahl-Weber.

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