Social Trading : Die Masse macht’s

Immer mehr Sparer hören bei Geldanlage-Entscheidungen auf die Internet-Community. Wie sich das Wissen der Vielen für das eigene Portfolio nutzen lässt.

Julia Rotenberger

Geld als Privatsache – das war einmal. Wer heute eine Anlageentscheidung trifft, hört auch auf den Rat der Internet- Community. „Social Trading“ heißt das Phänomen, bei dem Sparer das Wissen der Vielen zu Barem machen. Auf Internetseiten wie Sharewise, Moneymeets oder Wikifolio können Anleger ihre Strategien veröffentlichen und vergleichen, einander Empfehlungen geben und in die Strategien anderer investieren. In Europa gibt es die ersten Plattformen bereits seit 2006, in Deutschland sind sie seit vergangenem Jahr im Fokus der Sparer. „Das Interesse ist groß“, sagt Adrian Englschalk, Anlageberater bei der Verbraucherzentrale Hessen. Viele seiner Kunden ziehen Social Trading inzwischen in Betracht, wegen höherer Rendite. „Die Leute wollen die Inflation knacken und da kommen ihnen solche Plattformen gelegen.“

Wer das Wissen der Internet-Crowd für sich nutzen möchte, kann zum einen schlicht mitlesen und mitdiskutieren. Das geht zum Beispiel auf Sharewise. Die Internetseite sieht aus wie eine Art Finanz-Facebook: Die Nutzer registrieren sich und legen Profile an. In einem Nachrichtenstream sehen sie, was andere Anleger empfehlen und können – ganz wie die Profis – selbst Kauf- und Verkaufstipps abgeben. Wer auf einen einzelnen Wert, zum Beispiel „Sharp“, klickt, kann sehen, wie viele der Nutzer die Aktie kaufen oder abstoßen möchten. Geld fließt da erst mal nicht.

Mit 155 000 registrierten Nutzern gehört Sharewise zu den größten Social-Trading-Plattformen. Wie verlässlich die Schwarmintelligenz bei Anlageentscheidungen ist, haben Wissenschaftler von der TU Darmstadt untersucht. Sie haben über 10 000 Kauf- und Verkaufsempfehlungen zu Aktien der Top 30 Dax-Unternehmen der Sharewise-Nutzer mit jenen von 40 Bankenanalysten verglichen. Das Ergebnis: Im gleichen Zeitraum erzielte die Masse im Schnitt 0,59 Prozent mehr Rendite. „Das Wissen, das man aggregiert, führt zu einem sehr guten Ergebnis“, schlussfolgert Oliver Hinz, Professor für Wirtschaftsinformatik an der TU Darmstadt. Die Masse punkte mit Insiderwissen und mit Unabhängigkeit – schließlich stehen die einzelnen Nutzer anders als Bank- und Anlageberater nicht unter Zwang, wegen der Provision bestimmte Finanzprodukte zu verkaufen. Allerdings betont der Forscher, dass der Wert lediglich ein Durchschnittswert sei. Im Einzelfall könne sich die Crowd auch irren. Und: Die Motivation der Nutzer, ihre Geld-Entscheidungen öffentlich zu machen, ist nicht immer klar. „Bei Nebenwerten können Empfehlungen den Kurs nach oben treiben“, warnt Hinz. Es sei nicht ausgeschlossen, dass die Empfehlenden den heißen Tipp im eigenen Portfolio haben. Andererseits seien viele der User auch intrinsisch motiviert und wollen Anlegern helfen.

Bei Plattformen wie Wikifolio, Ayondo oder Etoro geht Social Trading über Empfehlungen hinaus. Die Seiten sind Copy-Trading-Portale. Dabei können Sparer die Anlagestrategie von anderen Nutzern nachahmen und in Zertifikate, die eine bestimmte Handelsstrategie abbilden, investieren.

So wie bei Wikifolio. Die 2012 gegründete Plattform bietet Anlegern die Möglichkeit, in Handelsstrategien anderer zu investieren. Das funktioniert so: Ein Nutzer veröffentlicht seine Strategie zur Geldanlage, ein „Wikifolio“. Findet das Wikifolio mehr als zehn Unterstützer, wird es als ein Index-Zertifikat bei der Lang & Schwarz Aktiengesellschaft abgebildet und an der Stuttgarter Börse gelistet. Dabei sollen die Sparer von der Entwicklung der im Zertifikat aufgenommenen Werte und von dem Wissen des Wikifolio-Händlers profitieren.

Zu kompliziert, findet Verbraucherschützer Englschalk. „Die Social-Trading-Seiten sind zwar seriös“, sagt er. „Die Produkte sind aber für die Kunden kaum greifbar.“ Wirklich nachhaltig seien die Investitionen in Wikifolio und Co. nicht. „Die Anlage kann schon morgen umstrukturiert sein“, so der Berater. Viele Sparer seien da einfach nicht nah genug am Ball. Zudem unterliegen die Plattformen nicht der Bankenaufsicht, kritisiert Englschalk. Lediglich an die Regeln der Gewerbeaufsicht müssten sich die Portale halten. Eine Beratung, wie sie bei Banken Pflicht ist, würden die Internetseiten meiden. Und auch die Nutzer selbst haften nicht für ihre Tipps. „Es gibt bei den Plattformen großes Potenzial, Geld zu verlieren“, sagt Englschalk.

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