Wirtschaft : Tilla Kleinau

(Geb. 1909)||„In Deutschland fragt man eine Frau über 30 niiiiemals nach dem Alter!“

David Ensikat

„In Deutschland fragt man eine Frau über 30 niiiiemals nach dem Alter!“ Als Tilla Kleinau vom Tode ihres Mannes, des ersten großen Defa-Filmstars und Nationalpreisträgers Willy A. Kleinau, erfuhr, welcher bei einem Autounfall an der Seite seiner Geliebten dahingeschieden war, saß sie gerade in einer Bar in West-Berlin. Sie legte die flache Hand aufs Dekolleté und rief: „Waaas? Der Willy ist tot? Ich hab’ doch gar keinen schwarzen Nerz!“ In ihrer Alt-Stimme klang viel Tragik mit. Aller- schönste Tragik.

Es ist dies eine jener Anekdoten, die gar nicht wahr sein müssen, um zu stimmen. Fragte man Tilla: „War das denn wirklich so?“, dann rollte sie mit den Augen und flötete: „Kann schon sein. Warum denn nicht?“ Hauptsache ist doch, dass die Geschichte gut ist. Und diese hier erzählt auch noch von Tillas wichtigster Begabung: Das Leben schönen, das gegenwärtige wie das gelebte. Was nicht schön war, wird nicht erzählt oder zumindest so, dass die Leute Spaß dran haben. Ihren 1957 ums Leben gekommenen Gatten hat sie auf dem Friedhof nie besucht. Nie wäre sie auf die Idee gekommen, einen Friedhof zu betreten.

Dass ihr Leben zu kurz gewesen sei, um sich lang mit Problemen zu befassen, kann man nicht sagen. 96 Jahre ist sie alt geworden. Dabei hat sie sich um ein langes Leben gar nicht bemüht. Sie hat wahnsinnig gern wahnsinnig viel Wein getrunken, geraucht hat sie sowieso, schon weil das so elegant aussieht. Wie sollte man sich auch eine Partykönigin vorstellen ohne Weinglas – „Komm Jüngelchen, mach’ mal richtig voll!“ – und ohne Zigarette zwischen den zur Decke gestreckten Fingern?

Ihre Partys waren nämlich legendär. Dabei waren das nicht ihre Partys, weil sie die Gastgeberin gewesen wäre, Gott bewahre. Wenn sie auftauchte, die Arme weit auseinander, „Ihr Liiiiiiiieben!“, dann war jede Party ihre Party, ganz automatisch. Es soll sogar Feste gegeben haben, die ganz von ihr bestimmt waren, ohne dass sie zugegen gewesen wäre. Es brauchte nur ein gutes Medium, welches ihre Anekdoten kannte und mit angemessener Geste, also sehr großer, zum Besten geben konnte.

Wie zum Beispiel diese hier: Tilla war nach dem Verscheiden des Gatten lange kein Mädchen mehr und erst recht kein Mädchen von Traurigkeit. Ihre Liebhaber, sie sagte „Lover“, suchte sie sich vornehmlich in Bulgarien, da gab es die südländischsten, die der Ostblock zu bieten hatte. Sie war bereits in einem Alter, in dem andere sich längst vom anstrengenden Liebesleben verabschiedet haben, da erklärte sie den verblüfften Freunden vor der Abreise: „Ich werde nicht trinken! Ich werde nicht rauchen! Ich werde diesmal nur Liebe machen!“ Sie kehrte heim und alle fragten: „Und?“ – Darauf sie, gut vorbereitet: „Was habe ich gesoffen! Was habe ich geraucht! Dieses Jahr hatten die Bulgaren nuuuur Interesse an Frauen unter 30!“

Überhaupt das Alter. Bis sie 85 war, gab sie kein offizielles Geburtsjahr bekannt. Ein ahnungsloser Jüngling wagte sie einmal zu fragen, wie alt sie sei. Man mag sie damals auf Mitte 60 geschätzt haben. Sie antwortete: „Mein liiieber junger Mann. In Deutschland fragt eine Frau über 30 niiiiemals nach dem Alter. Und glauben sie mir, 30 bin ich schon.“

Ein Freund, dem sie auf einer Reise mal furchtbar auf die Nerven ging – so etwas konnte sie natürlich auch – dachte lange nach, was er ihr Schlimmes sagen könnte. Er entschied sich für: „Du bist eine böse alte Frau!“ Das wirkte, es folgte eine lange Funkpause zwischen den beiden. Nach einem halben Jahr gab die nur noch ein wenig schmollende Tilla dem Freund zu verstehen: „Hör mal, ,böse Frau’ kannste ja sagen. Aber ,alte Frau’ will ich nie wieder hören!“

Dabei war die große schlanke Dame mit dem eher herben Gesicht die Hälfte ihres Lebens Rentnerin – dank ihres verstorbenen Nationalpreisträgergatten. Nach dessen Tod musste sie lediglich aus der Villa in Grunewald nach Ost-Berlin übersiedeln. Als man ihr anbot, nach Pankow zu ziehen, wusste die verwöhnte Großstadt- Tilla gar nicht, wo das liegt. „Ich zieh’ doch nicht aus Berlin raus“, soll sie gesagt haben. Also bekam sie eine Dreizimmer-Wohnung in Prenzlauer Berg.

Dort lebte sie mit ihren Boxerdamen. Wenn eine Hündin starb, die Pippi geheißen hatte, besorgte sich Tilla eine neue und nannte sie ebenfalls Pippi. Tilla ohne Pippi – das gab es selten, höchstens mal, wenn eine Party in einer eher kleinen Wohnung stattfand. Wenn sich jemand über die Sabberei der Boxerin aufregte, dann sagte Tilla nur: „Bitte! Nimm das doch nicht so ernst.“

Dass sie keine große Tänzerin geworden war, weil sie eine zu große Frau war, einen Meter achtzig hoch, das war schließlich auch nicht schlimm. Immerhin konnte sie, bis sie 90 war, noch das Bein gestreckt in die Höhe heben und ihr Knie küssen. Wenn eine Festgesellschaft zu erlahmen drohte, wirkte das oft Wunder. Und sie konnte erzählen, dass sie mal im Pariser „Olympia“ aufgetreten war – wer wollte das schon nachprüfen? Wenn jemand einwandte: „Du konntest doch höchstens die Königinmutter geben, einmal weg vom Thron, einmal wieder zurück“, dann lachte sie am lautesten.

Die Spuren des schönen Lebens verbarg Tilla höchst souverän. In den Achtzigern erlitt sie eine schlimme Verletzung am linken Auge. Das geschah beim Öffnen einer Sektflasche. Von nun an trug sie mondäne Sonnenbrillen. Verstärken konnte sie den Frau-von-Welt-Eindruck noch, als ihre Haare, die sie immer rotblond färbte, etwas dünner wurden. Sie band ein Tuch wie einen Turban um den Kopf. So eine Turbandame mit großer Sonnenbrille auf der Nase und Boxerdame an der Leine – auf den Straßen Ost-Berlins wirkte das wie eine Drag Queen in Pjöngjang.

Ans Ende einer solchen Geschichte gehört natürlich eine letzte Anekdote, die Lebensend-Anekdote gewissermaßen – wenn auch eine, die sich garantiert nicht zugetragen hat. Denn Tilla befand sich schon an einem Ort, an den sie überhaupt nicht hingehörte. Sie war gestürzt, hatte einen Schlaganfall erlitten und lag gelähmt auf der Pflegestation. Hätte sie erfahren, was auf dem Schild ihrer Zimmertür stand, sie wäre außer sich geraten. „Liiiiebes“, hätte sie die Schwester angezischt, „wie können Sie? Einer Dame den Vornamen vorhalten, den ihr zufällig die Eltern gegeben haben! Wie können Sie!“

„Mathilde Kleinau“ stand auf der Tür. Mathilde passte wirklich nicht zu ihr. Tilla dagegen sehr.

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