Türkei : Autohersteller bauen auf Bursa

Internationale Autohersteller und Zulieferer haben die Stadt Bursa entdeckt. Renault baut dort jetzt sogar ein Elektroauto.

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Nilüfer – Seerose – heißt das Viertel, und vielleicht war es hier ja wirklich irgendwann einmal so ruhig und beschaulich, wie es der Name erwarten lässt. Heute donnern schwer beladene Autotransporter und Containertrucks über Straßen voller Schlaglöcher in Richtung Autobahn. Aus Hunderten von Fabriken am Straßenrand dröhnen Maschinen. In einem breiten Graben in der Nähe fressen sich Bagger einer Metrobaustelle in die Erde, um die Ecke wird eine Wohnsiedlung hochgezogen. „Es ist gigantisch, was hier gebaut wird“, sagt Michael Hörmann. „Vor zwei Jahren fuhr ich hier durch leere Straßen.“

Hörmann ist Produktionsmanager des baden-württembergischen Mittelständlers Michelfelder, der sich in Nilüfer in einer Halle eingemietet hat und Edelstahlrohre für die Autoindustrie fertigt. Als die Firma vor zwei Jahren beschloss, ihre erste Auslandsvertretung zu eröffnen, schickte sie Hörmann hierher: nach Bursa im Nordwesten der Türkei.

Die ehemalige osmanische Hauptstadt rund hundert Kilometer südlich von Istanbul und auf grünen Hügeln zwischen dem Marmarameer und dem Berg Uludag gelegen, ist das Zentrum der türkischen Autoindustrie. Zwei Drittel der rund 800 000 Fahrzeuge, die türkische Fabriken pro Jahr in alle Welt exportieren, werden hier gebaut. Insgesamt produziert Bursa, das auch ein wichtiger Standort der Textilwirtschaft ist, 20 Prozent der türkischen Ausfuhren, die 2009 trotz globaler Krise bei 100 Milliarden Dollar lagen und im kommenden Jahr laut den Erwartungen türkischer Experten auf 130 Milliarden Dollar steigen könnten.

Nicht nur Mittelständler wie Michelfelder haben Bursa für sich entdeckt. Bosch betreibt hier ein großes Werk für Dieseltechnik, Fiat hat in den vergangenen zehn Jahren in Bursa eine Million Stück seines Doblo gefertigt und drei Viertel davon exportiert. Renault, ein weiterer Gigant im Industriegebiet von Bursa, will hier ab dem kommenden Jahr die Elektroversion des Fluence für den Weltmarkt produzieren lassen.

Für den Fluence installiert Renault in Bursa Technik vom Feinsten, wie der EU-Botschafter in der Türkei, Marc Pierini, bei einer Europatagung in Istanbul anerkennend berichtete: „Was in Bursa geschieht, geht über alles hinaus, was Renault in anderen Ländern tut.“

In der Türkei wurde die Entscheidung des französischen Großkonzerns mit Genugtuung aufgenommen – schließlich gilt das Land bei vielen im Westen nicht gerade als Hightech-Standort, sondern immer noch als arm und rückständig. Renault habe sich „Sarkozy zum Trotz“ für Bursa entschieden, freut sich ein Beamter in der Stadt. Der Fluence wird hier nicht nur als Auszeichnung für Bursa, sondern auch als Antwort auf die Türkeikritik des französischen Staatspräsidenten verstanden. „Aus Bursa in die Weltarena“, verkündet ein riesiges Transparent am Renault-Fabrikgebäude.

Der Konzern schätzt unter anderem die gut entwickelte Zulieferindustrie und die Verfügbarkeit von gut ausgebildeten Mitarbeitern in der Gegend mit ihren vielen Berufsfachschulen. Damit sei Bursa einer der Motoren für die Entwicklung der Türkei insgesamt, erklärte Renault.

Nach der Fluence-Entscheidung richten sich auch in der Türkei die Blicke mehr als zuvor auf Bursa, das mit seinen 1,9 Millionen Einwohnern zwar eine lange Tradition als Industriestandort hat, aber bisher im Schatten des glitzernden Nachbarn stand, der Zwölf-Millionen-Metropole und Weltstadt Istanbul.

Sahabettin Harput will das ändern. Von seinem Amtssitz in der Altstadt von Bursa aus steuert der 61-jährige Gouverneur die Öffnung der Provinz für die Welt. Demnächst will er eine Partnerschaftsvereinbarung mit dem Land Hessen unterzeichnen. Bursa soll „seine eigene Marke“ sein, sagt er. Dass Leute in der Türkei neuerdings aufhorchen, wenn der Name der Provinz fällt, sei nur recht und billig, findet er. Schließlich stimme es ja, dass sich hier etwas getan habe: „Es gab zweifellos eine Explosion in Bursa“, sagt Harput und lächelt zufrieden unter seinem graumelierten Schnurrbart. „Es gibt eine neue Dynamik.“

Der Gouverneur meint damit nicht nur die tausenden Fabriken am Stadtrand, und nicht nur die mehr als 400 ausländischen Unternehmen, darunter 107 aus Deutschland, die sich hier angesiedelt haben. Er meint auch die steigende Zahl der arabischen Touristen, die im alten Bursa die Gräber der ersten osmanischen Sultane besuchen, sich die grünen Hänge und Täler am Uludag anschauen und die auf die Antike zurückgehenden Thermalbäder in der Gegend besuchen. Derzeit entstehen in der Stadt Hotels mit 3000 neuen Betten, um den steigenden Besucherstrom bewältigen zu können.

All das hat Bursa ein neues Selbstbewusstsein gegeben. Und da ist noch ein Ereignis, das die Menschen vom Gouverneur bis zum Straßenfeger stolz macht: Bursaspor, der Fußballverein der Stadt, wurde in der letzten Saison türkischer Meister – als erster Nichtistanbuler Club seit Jahrzehnten. Wie die steigenden Exportzahlen der Industriegebiete ist der Meistertitel ein weiterer Schritt aus dem dem Schatten des großen Istanbuls. „Die Leute sagten immer, Anatolien kann dies nicht und kann das nicht“, sagt Harput. „Das ist jetzt vorbei.“

Für die Zukunft hat der Gouverneur Großes vor. Mit konventionellen Fabriken kann man ihn nicht mehr begeistern. „Davon haben wir genug.“ Willkommen wären Hightech-Firmen wie Nanotechnologie-Unternehmen. Bis zum Jahr 2023, dem hundertjährigen Jubiläum der türkischen Republik, soll das Durchschnittseinkommen der Einwohner von Bursa bei 30 000 Dollar im Jahr liegen, sagt der Gouverneur, das wäre EU-Niveau und etwa doppelt so hoch wie derzeit. „Es lohnt sich, Bursa im Auge zu behalten.“

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