Überschätztes Gürteltier : Ludwig-Erhard-Haus ist weniger wert als gedacht

Das Ludwig-Erhard-Haus der Berliner Wirtschaft ist wohl viel weniger wert als vermutet. Die IHK will Umbaupläne auf Eis legen.

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Ärger wie beim BER. Das Ludwig-Ehrhard-Haus in Charlottenburg wurde 1991 entworfen und 1998 eingeweiht.
Ärger wie beim BER. Das Ludwig-Ehrhard-Haus in Charlottenburg wurde 1991 entworfen und 1998 eingeweiht.Foto: IHK Berlin

An diesem Freitagabend ist der Neujahrsempfang der IHK Berlin und der Handwerkskammer: Da muss das „Gürteltier“, der tonnenförmige Bau an der Charlottenburger Fasanenstraße, wieder rund 1600 Gäste schlucken. Die Vertreter aus der Berliner Wirtschaft und Politik werden durch das Erdgeschoss und Tiefparterre des Ludwig-Erhard-Hauses, wie es offiziell heißt, flanieren, anstoßen und plaudern. Gesprächsstoff gibt es genug: Angefangen bei der Frage, ob, wann und wie der im Dezember zurückgetretene Finanzsenator Ulrich Nußbaum in die Führungsriege der IHK aufsteigen könnte. Ein weiteres mögliches Thema zum Sekt: das Schicksal des Gürteltiers selbst. Dessen Geschichte ist nämlich ähnlich lang, nicht enden wollend und traurig wie die des BER.

Der Bau, so genannt wegen seiner Form und die an Schuppen erinnernde Fassade, beschäftigt Gremien und Gerichte seit dem Mauerfall und der Amtszeit von Horst Kramp, der die damals klamme Kammer von 1984 bis 1997 als Präsident führte. Er verstarb 2010. Unter ihm wählte die IHK 1991 den Entwurf des britischen Architekten Nicholas Grimshaw aus. 1998 wurde das Haus eingeweiht. Seither gibt es Ärger, weniger wegen der Brandschutzanlage als wegen des komplexen Finanzierungskonstrukts.

50.000 Euro Miete pro Mitarbeiter

Fragen darum werden die 98 Delegierten der IHK-Vollversammlung auch in ihrer Sitzung vor der großen Party wieder „vertieft diskutieren“ müssen, wie Hauptgeschäftsführer Jan Eder in seinem Einladungsschreiben angekündigt hat. Daran hängt auch mittelbar die Frage, wann endlich die große Erdgeschoss-Passage mit dem Charme eines Flughafenterminals so umgestaltet werden kann, dass sie den Bedürfnissen der rund 200.000 Mitglieder und Neu-Unternehmer entspricht, die bei der IHK und den Berlin Partnern Rat suchen. Eigentlich will die Kammer dort rund fünf Millionen Euro investieren, um unter anderem ein „Business Welcome Center“ einzurichten. Dort sollen Mitglieder alle wichtigen Fragen klären können, ohne sich erst nach den Fahrten in den Glasfahrstühlen im Inneren des Gürteltiers zu verlieren.

Diese Pläne solle man erst mal auf Eis legen, wird „Hausmeister Eder“ den Delegierten heute vorschlagen. Zumindest so lange bis Gerichte Ordnung in die alten Verträge der IHK mit dem Immobilienfonds, dem das Haus gehört, gebracht haben. Der Fonds kassiert derzeit rund zwölf Millionen Euro Miete im Jahr. Das sind umgerechnet 48.000 Euro für jeden der 250 Mitarbeiter der Kammer. Viel zu viel, monieren viele Mitglieder bei jeder guten Gelegenheit – und Hauptgeschäftsführer Eder gibt ihnen recht.

Feiern im Ambiente der 90er

Zwar hatte die IHK vor bald acht Jahren ein etwas abenteuerliches Konstrukt gefunden, wie sie selbst den damaligen Finanzierer des Immobilienfonds ablösen konnte. Seither ist die Kammer quasi Mieter und Finanzierer der Immobilie zugleich. Das half, die Zinslast zu senken. An dem Grundproblem hat sich aber nichts geändert: Die Finanzierungskosten blieben zu hoch. Mitentscheidend ist der angenommene Restwert der dann 30 Jahre alten Immobilie am Ende des laufenden Leasingvertrages im Jahre 2027. Der Immobilienfonds ging einst davon aus, dass der Verkehrswert des Hauses dann noch bei gut 52 Millionen Euro liegen wird. Nun hat die Kammer selbst Gutachter beauftragt. Die ermittelten einen Restwert von nur gut 27 Millionen 2027. Um diese Differenz von 25 Millionen Euro aus den Büchern zu bekommen, will das IHK-Präsidium nun eine Teilwertabschreibung vornehmen lassen.

Über diese und andere Zahlen will die IHK-Führung ab Februar vor Gericht streiten. Das könne sich drei bis fünf Jahre hinziehen, kündigt Eder an. „Wenn nötig gehen wir damit bis nach Karlsruhe. Und so lange wir nicht wissen, was mit dem Haus wird, macht es wenig Sinn, größere Umbauten vorzunehmen.“

Das heißt: Auch bei kommenden Neujahrsempfängen der Kammern werden die Gäste wohl noch im Ambiente der 1990er feiern müssen – und vielleicht immer noch über Ex-Finanzsenator Nußbaum reden. Denn auch seine mögliche Berufung ins Präsidium würde sich wohl hinziehen: Noch ist Nußbaum als Unternehmer nämlich nur in Bremen registriert. In Berlin habe der Mann bisher kein Gewerbe angemeldet, hieß es.

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