Überwachung : Der Spion, der aus der Lochwand kam

Lidl ist kein Einzelfall. Die Kontrolle von Mitarbeitern ist im Einzelhandel normal. Sogar Statistiken werden darüber geführt. Die Methoden erinnern mitunter an schlechte Spionagefilme.

Maren Peters,Antje Sirleschtov
Lidl
Immer im Blick. Mit Kameras und Detektiven versuchen Händler, ihre Mitarbeiter beim Klauen zu erwischen. -Foto: ddp

BerlinSabine Sutter* kennt sich aus mit Bespitzelung. „Ich hab das früher selbst machen müssen“, sagt die Schlecker-Mitarbeiterin, die seit zwei Jahrzehnten im Geschäft ist. Da war zum Beispiel die Sache mit den Windeln. „Ich musste Pakete mit Windeln in der Filiale so stapeln, dass in der Mitte ein kleines Loch blieb“, erzählt sie. „Und mittendrin saß ich.“ Sie sollte im Auftrag ihres Arbeitgebers kontrollieren, ob die Verkäuferin ihre Arbeit richtig erledigt.

Der Einsatz von Spitzeln, Detektiven und verdeckten Kameras zur Überwachung von Kunden und Mitarbeitern ist im deutschen Einzelhandel durchaus üblich – nicht nur beim Discounter Lidl. Das zeigen Untersuchungen des Handelsverbandes HDE. Die Videoüberwachung von Verkaufsräumen sei „zur Verhinderung und Aufklärung von Diebstählen und Raubüberfällen unverzichtbar“, heißt es beim HDE. Grund dafür sind Inventurdifferenzen von gut vier Milliarden Euro, die den Einzelhandel jedes Jahr belasten. Eine Milliarde Euro davon verschwindet nach Untersuchungen des Kölner Einzelhandels-Institutes EHI jedes Jahr durch Diebstahl von Mitarbeitern – entweder in Form von Ware oder von Geld.

Es ist üblich, einen Mitarbeiter hinter der Lochwand zu verstecken

Was Einzelhändler sich einfallen lassen, um Mitarbeitern auf die Schliche zu kommen, erinnert mitunter an einen schlechten Spionagefilm. Lidl hatte seine Leute durch Detektive systematisch überwachen lassen – bis hin zum Toilettengang. Auch Edeka und Plus hatten Protokolle über private Angelegenheiten von Beschäftigten erstellt, wie die Unternehmen inzwischen selbst bestätigt haben.

Bei Schlecker, so erinnert sich Sabine Sutter, sei es zu ihrer Zeit üblich gewesen, Mitarbeiter hinter der Lochwand zu verstecken, die in Kassennähe angebracht ist. Zwischen dieser mit kleinen Löchern versehenen Wand und der Außenwand sei in der Regel noch ein halber Meter Platz. „Wir haben dann jemanden gesucht, der schlank ist und ihn morgens vor Ladenöffnung dahinter versteckt“, sagt Sutter, die am Telefon nicht klingt, als würde sie zu Übertreibungen neigen. Abends nach Ladenschließung sei der Spion dann wieder ausgebaut worden.

Dass die Hausspionage nicht nur für die Beobachteten eine Zumutung ist, kann Sabine Sutter aus eigener Erfahrung bestätigen. Auch sie hat Stunden hinter der Lochwand verbracht. „Ich konnte schon am Abend vorher nichts mehr trinken, um tagsüber nicht auf die Toilette zu müssen.“ Mit ihrem verdeckten Einsatz sollte sie beobachten, ob die Kassiererin Ware einsteckt oder Geld unterschlägt. „Ich gehe davon aus, dass es solche Einsätze immer noch gibt“, sagt Sutter, die inzwischen Betriebsrätin ist.

Die Händler haben keine Hemmungen versteckte Kameras einzusetzen

In anderen Filialen habe Schlecker auch Kameras direkt über der Kasse anbringen lassen, „um herauszufinden, ob die Kollegin etwas eingesteckt hat“. Sechs bis sieben Mal im Jahr sei das vielleicht passiert, erzählt die frühere Bezirksleiterin. Die ertappten Mitarbeiter seien per Aufhebungsvertrag verabschiedet worden. Schlecker wollte den Bericht auf Anfrage nicht kommentieren.

Zur Bekämpfung von Inventurdifferenzen nutzen nach einer Umfrage des Handelsforschungsinstituts EHI gut 80 Prozent der Lebensmittelhändler nicht nur den Service spezieller Detektive, die den Mitarbeiter-Klau aufdecken sollen. Beinahe jeder Händler, den das Brancheninstitut Jahr für Jahr befragt, hat auch keinerlei Berührungsängste mit der verdeckten Kameraermittlung. 72 Prozent der befragten Unternehmen gaben an, mit verdeckter Kameraüberwachung zu arbeiten.

Zwar sagt EHI-Forschungschef Frank Holst, dass solche versteckten Kameras nur bei Verdachtsmomenten gegen Mitarbeiter und auch nicht flächendeckend eingesetzt werden. Jedoch spricht die große Akzeptanz dieser Methode in der Branche (83 Prozent) dafür, dass die Händler die daten- und persönlichkeitsrechtliche Brisanz eines verdeckten Kamera-Einsatzes keineswegs als Problem ansehen.

Auch der Spind und der Kofferraum wurden durchsucht

„Die Mitarbeiter stehen unter Generalverdacht“, sagt ein Betriebsrat des Discounters Plus. Angesichts der hohen Inventurverluste vermute das Unternehmen „hinter jedem Mitarbeiter erstmal einen potenziellen Dieb. Selbst wenn jemand welke Kohlblätter aus dem Müll für sein Kaninchen mitnimmt, ist das für den Arbeitgeber Diebstahl.“

Um den zu verhindern, greift der Discounter hart durch: Aus Kontrollgründen habe Plus Taschen, Spinde und nach Feierabend auch den Kofferraum privater Pkw seiner Mitarbeiter „ständig“ kontrolliert, berichtet der Betriebsrat. „Das ist bei Discountern gang und gäbe“, sagt Heiner Schilling, für den Einzelhandel zuständiger Verdi-Vertreter aus Niedersachsen. Bei Plus darf der Arbeitgeber allerdings nur noch dann an den Spind oder den Kofferraum, wenn er einen „begründeten Verdacht“ hat – und der Mitarbeiter seine Zustimmung zur Kontrolle gibt. Darüber haben sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber inzwischen in einer Betriebsvereinbarung geeinigt. In mitbestimmten Betrieben muss der Betriebsrat auch der Videoüberwachung zustimmen – was dieser „in aller Regel“ auch mache, wie es beim Handelsverband HDE heißt.

Bei Schlecker gibt es nur in wenig mehr als 100 der 10 800 deutschen Filialen einen Betriebsrat. Und das macht die Sache wohl so schwierig. Trotzdem: Warum bespitzelt ein mündiger Mensch seine Kollegen mit fragwürdigen Mitteln, und warum lassen sich andere das gefallen? „Ich war alleinerziehend und auf das Geld angewiesen“, sagt Sabine Sutter. Sie habe auch nicht schlecht verdient dabei. Und schiebt dann noch zögerlich hinterher: „Wenn’s einem selbst an den Kittel geht, dann macht man sowas.“


* Name von der Redaktion geändert

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