Wirtschaft : Und das ist auch gut so

Auf einer Messe werben Konzerne damit, dass sie offen mit dem Thema Sexualität umgehen. Sonst gehen ihnen Talente verloren

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An dem Abend, an dem Dagmar Kohnen beschloss, dass sie von jetzt an eine Frau sein würde, trug sie einen knielangen grauen Rock mit Karomuster, eine schwarz-weiß gestreifte Bluse und Schuhe mit zwölf Zentimeter hohen Absätzen. Es war Sonntag, der 1. August 1999. Sie war 34 Jahre alt und zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte sich alles richtig an. Fast alles. Am nächsten Morgen würde der Bart, den sie so sorgfältig rasiert hatte, wieder nachgewachsen sein. Später würde sie in Hemd und Jeans in der Werkstatt stehen, so wie sie es seit vielen Jahren machte. Als Mann. Sie würde es ihrer Familie, ihren Freunden, den Kollegen sagen müssen. Sie würde zu ihrem Chef gehen müssen. „Du Chef“, sagte sie schließlich, „ich habe eine gute Nachricht: Bald wirst du eine Frau in Deiner technischen Abteilung haben. Die schlechte Nachricht ist: Ich werde eine Weile ausfallen. Ich lasse mich umoperieren.“

Heute trägt sie eine rosafarbene Bluse, unter der sich Brüste wölben. Sie hat Ohrringe und schulterlanges blondes Haar. Wenn sie spricht, streicht sie sich häufig eine Strähne mit der Hand aus dem Gesicht. Weibliche Gesten wie diese hat sie geübt. Sie trainiere immer noch, sagt sie. Ihre Stimme zum Beispiel, die tiefer ist als die von anderen Frauen. Auch wenn sie schnell geht, erinnert das noch an den Mann, der sie einmal war. Und dann hat sie noch etwas, was die meisten Frauen nicht haben: Ein Diplom als staatlich geprüfte Elektrotechnikerin. Sie kann Schaltungsanlagen für Züge konstruieren. Viele Männer können das auch nicht.

Weil es Menschen wie Dagmar Kohnen gibt, gibt es die Milk, die Karrieremesse für Schwule, Lesben und Heteros, die an diesem Wochenende zum zweiten Mal stattgefunden hat, diesmal in Berlin. Im letzten Jahr in München waren es erst 15 Aussteller, am Samstag haben sich schon 45 Unternehmen in einem gläsernen Toyota-Autohaus am Spreeufer in Friedrichshain eingefunden. Darunter große Namen wie die Telekom, die Deutsche Post und die Deutsche Bank, McKinsey und ATKearney, Cisco, SAP und IBM, der Hauptsponsor der Veranstaltung. Sie alle präsentieren sich als Arbeitgeber, die offen mit dem Thema Sexualität umgehen.

In Deutschland herrscht Fachkräftemangel. Die Konzerne kämpfen um die Talente. Längst haben sie dabei auch die Minderheiten entdeckt. So würde das natürlich niemand sagen. Die Personalchefs nennen es „Diversity Management“. Es geht um das Miteinander von Jung und Alt, von Männern und Frauen, von Menschen mit Behinderung, mit einer anderen Hautfarbe oder einer anderen sexuellen Orientierung. Diversity heißt Vielfalt. Es gibt Schwule und es gibt Lesben, es gibt Männer, die Röcke tragen, aber nicht schwul sind, und Frauen, die lieber ein Mann wären, aber Männer lieben, oder Frauen, oder beides.

Menschen, die in einem anderen Geschlecht geboren sind, als dem, dem sie sich zugehörig fühlen, nennt man transsexuell. Dagmar Kohnen ist eine transsexuelle Frau. Und lesbisch. Je nachdem, wen man fragt, sind zwischen drei und zehn Prozent aller Deutschen homo- oder bisexuell. Genaue Zahlen gibt es nicht. Nicht jeder will sich outen. Aus gutem Grund. Immer noch gibt es jedes Jahr hunderte brutale Übergriffe auf Schwule, Lesben und Transsexuelle. Angriffe auf die Seele gibt es jeden Tag, ein dummer Spruch in der Straßenbahn, ein hässliches Schimpfwort an irgendeiner Hauswand oder ganz gezieltes Mobbing im Büro.

„Ich freue mich, dass sich hier so viele Unternehmen präsentieren. Aber es gibt noch viel mehr, die es nicht tun, weil sie Angst haben, es könnte ihrem Image schaden“, sagt Klaus Wowereit. Berlins Regierender Bürgermeister ist Schirmherr der Milk-Messe und einer der ersten Politiker in Deutschland, die sich zu ihrer Homosexualität bekannt haben. Im toleranten Berlin hat ihm das viele Sympathien eingebracht. Das ist nicht überall selbstverständlich.

In Hückelhoven zum Beispiel, einer kleinen Stadt am Rande von Nordrhein-Westfalen. Früher gab es dort noch eine Zeche. Da hat Dagmar Kohnen ihre erste Ausbildung gemacht. 15 war sie damals, oder besser gesagt: er, doch den alten Vornamen will sie nicht mehr aussprechen. Irgendetwas war anders mit ihr, was es war, wusste sie nicht. Mit den anderen Kumpels duschen fand sie unangenehm. Prügeleien, Saufereien und wie die Männer mit den Frauen umgingen, all das war ihr zuwider. „Das waren echte Kerle. Um da nicht unterzugehen, musste man den Kerl raushängen lassen. Aber das war ich nicht. Das war nur Schauspiel.“ In Hückelhoven gab es offiziell keine Transsexuellen, das Internet war noch nicht erfunden. Dagmar Kohnen war viel allein.

Wen man liebt und in welchem Geschlecht man sich wohl fühlt, ist eigentlich eine sehr private Angelegenheit. Aber was macht die lesbische Führungskraft, wenn die Kollegen am Montagmorgen erzählen, was sie am Wochenende mit der Familie gemacht haben? Schweigen? Will sie lieber als unnahbar und verschlossen gelten oder riskieren, dass man Witze über sie reißt? Wie reagiert der schwule Vertriebsmitarbeiter, wenn die betrunkenen Kollegen ihn bei der Betriebsfeier drängen, endlich mal die süße Schnecke aus der Personalabteilung anzusprechen? Es gibt Studien, die gezeigt haben, dass Homosexuelle, die sich nicht outen, permanent 15 Prozent ihrer Energie darauf verwenden, sich zu verstecken.

Als Dagmar Kohnen zu sich selbst fand, hatte sie Hückelhoven längst verlassen. Mittlerweile arbeitete sie in einem internationalen Großkonzern, der unter anderem Züge herstellt. Nachdem sie sich geoutet hatte und mit der Hormonbehandlung begann, versetzte sie ihr Chef nach Bayern. Er hatte Angst davor, wie die Kollegen mit der neuen Situation umgehen würden, glaubt sie.

Der Leiter in ihrer neuen Abteilung konnte gar nicht damit umgehen, dass sie immer noch aussah wie ein Mann, aber behauptete, eine Frau zu sein. Er drohte, sie rauszuwerfen. Da hat sie sich gewehrt. In der nächsthöheren Ebene gab es eine Frau, die nicht nur Verständnis hatte, sondern auch noch Tipps gab, zum Beispiel wo es gute Kliniken gibt. Der Leiter musste gehen.

Die meisten Kollegen hätten dann sehr positiv reagiert, sagt Dagmar Kohnen, vor allem, als sie merkten, wie viel die Neue technisch drauf hatte. Und auch die Leute von früher würden sich immer wieder freuen, sie auf Baustellen zu treffen, weil sie wüssten, dass man sich auf sie verlassen kann. Natürlich gebe es immer wieder Ausnahmen. Eine Frau habe ihr einmal ein Buch zugesteckt mit dem Titel „Homosexualität ist durch intensives Beten heilbar“. So etwas tut weh. Eine andere fragte sie mal, warum sie freiwillig zur ausgebeuteten Hälfte der Menschheit gehören wolle. Da antwortete sie ihr ganz ruhig, dass Transsexualität keine Frage von Freiwilligkeit sei. Sondern ein Körpergefühl.

Sie berät inzwischen auch andere Transsexuelle. Sie sagt, dass zehn Prozent an ihrer Situation kaputtgehen. Viele bringen sich um. Sie selbst macht heute den Eindruck, als sei sie eine sehr selbstbewusste Frau. Das mag daran liegen, dass sie sich psychologische Hilfe gesucht hat. Und dass sie sich so intensiv mit sich und ihrer Rolle in der Gesellschaft auseinandersetzen musste. Es hilft ihr auch, sich in andere hineinzuversetzen, Männer wie Frauen. Das macht sie in ihrem Betrieb zu einer gefragten Gesprächspartnerin. Und noch etwas hat sie aus ihrer eigenen Geschichte gelernt: Offen bleiben gegenüber neuen Ideen. „Es gibt nichts, was es nicht gibt. Wer wüsste das besser als ich?“

Kreativität, Offenheit und Einfühlungsvermögen, das sind Eigenschaften, die auch Arbeitgeber schätzen und fördern. In großen Konzernen gibt es darum immer öfter sogenannte GLBT-Netzwerke, Gruppen, in denen sich Schwule, Lesben, bi- und transsexuelle Mitarbeiter gegenseitig unterstützen und im Unternehmen für ihre Interessen werben. Eines der ältesten Netzwerke ist die Rainbow Group der Deutschen Bank. Die Gruppe tritt auch öffentlich bei Paraden zum Christopher Street Day auf. Im Unternehmen hat sie durchgesetzt, dass gleichgeschlechtliche Lebenspartner genauso von der Betriebsrente profitieren wie Ehepartner. Umgekehrt wirbt die Deutsche Bank offensiv in der schwul-lesbischen Szene für ihre Produkte und lässt sich dabei von der Rainbow Group beraten.

Dagmar Kohnen würde sich wünschen, dass ihr Arbeitgeber ihre Transsexualität stärker vermarktet. Der Konzern ist noch nicht so weit. Sie durfte einen Vortrag auf der Milk-Messe halten, aber nicht erzählen, wo sie angestellt ist. Sie denkt darüber nach, ob sie sich irgendwann selbstständig macht. Als Beraterin, nicht nur für Geschlechterfragen. Sie würde gern Veränderungsprozesse in Unternehmen begleiten. „Change Management“ heißt das heute. Und damit kennt sie sich aus.

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