Wirtschaft : „Vor solchen Investitionen sollten die Menschen geschützt werden“

02.10.2010 14:39 Uhr
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Der UN-Sonderbeauftragte für das Recht auf Nahrung über den globalen Landraub zur Lebensmittelproduktion und die Folgen vor Ort

Was wissen Sie über den Landraub ausländischer Investoren in armen Ländern?

Das Wissen ist äußerst begrenzt. Nach meiner Kenntnis wird über rund 50 Millionen Hektar Land verhandelt. Nach Informationen des Washingtoner Hunger- Think-Tanks Ifpri sind 20 Millionen Hektar verkauft oder langfristig verpachtet worden. Diese Zahl ist allerdings schon ein Jahr alt . Die Weltbank hat monatelang an einer Studie gearbeitet, weil sie nur schwer Informationen von Investoren bekommen konnte. Ende September ist sie nun erschienen. Aber viele dieser Geschäfte sind geheim. Und es stellt sich die Frage, geht es nur um ausländische Investoren oder auch Projekte der einheimischen Eliten? Das Thema bewegt die Menschen aber weltweit.

Was sind die Treiber dieser Entwicklung?

Zum einen das Ziel, in einem anderen Land Nahrungsmittel für die eigene Bevölkerung zu produzieren. Ein zweiter Aspekt ist die Produktion von Agrartreibstoffen. Und ein dritter, wichtiger werdender Aspekt ist die Anpflanzung von Wald, um dafür Klimagutschriften aus den reichen Ländern bekommen zu können. Das wird stark an Bedeutung gewinnen. Die Mehrzahl der ausländischen Investoren sind übrigens keine Regierungen sondern Privatunternehmen, rund 80 Prozent. Rund ein Drittel des Landes wird für die Nahrungsmittelproduktion gekauft oder gepachtet. Ein weiteres Drittel wird für Agrartreibstoffe genutzt. Auf dem Rest werden Wälder angepflanzt, für die es im Rahmen des Kyoto-Protokolls Kohlendioxidzertifikate gibt, die sich über den sogenannten Saubere-Entwicklungsmechanismus (CDM) verkaufen lassen. Oder das Land wird spekulativ gekauft, um von steigenden Preisen zu profitieren. Es ist nicht unüblich für Investmentfonds, Land zu kaufen, ohne darauf irgendetwas produzieren zu wollen.

Manche argumentieren, dass endlich wieder in die Landwirtschaft in Entwicklungsländern investiert wird.

Das ist kein tragfähiges Argument. Ich habe die Folgen in Lateinamerika, im Süden Afrikas und in Südasien gesehen. Es stimmt, es gab jahrelang zu wenig Investitionen in die Landwirtschaft. Aber es wird ja nicht in die lokale Bevölkerung investiert. Oft wird die Lage der Menschen durch diese Landkäufe verschlechtert. Denn das beste Land wird von ausländischen Investoren genutzt, es entstehen keine Jobs für die lokale Bevölkerung. Vor solchen Investitionen sollten die Menschen geschützt werden. Es ist nicht besser als nichts. Zumal viele der Versprechen, wie die effizientere Nutzung von Land, die Einführung neuer Technologien oder die bessere Wertschöpfung: Das sind nur Lügen. Wie viel mehr Beschäftigung ließe sich schaffen, wenn in die Kleinbauern und deren Organisation investiert würde. Außerdem sind die Chancen größer, dass das Land nachhaltiger genutzt und weniger Wasser verbraucht wird.

Vielen Regierungen kommen solche Geschäfte sehr gelegen. Gibt es Bemühungen, internationale Regeln für den Landerwerb im Ausland zu erarbeiten?

Das Land gehört meistens dem Staat und wird von den Regierungen behandelt, als würde es ihnen persönlich gehören. Ich habe den Verdacht, dass die Geschäfte auch nicht ganz uneigennützig sind, auch wenn mir dafür bisher die Beweise fehlen. Aber es gibt keine Transparenz über die Einnahmen. So viel ist sicher. Aber es gibt auch eine Verantwortung der internationalen Finanzinstitutionen, die Regierungen in Entwicklungsländern entsprechend beraten. Derzeit erarbeiten die Weltagrarorganisation FAO und die Weltbank Prinzipien für den verantwortungsvollen internationalen Landerwerb. Sie sind freiwillig, das reicht meines Erachtens nicht aus. Und in der Wirkung sind diese Prinzipien das Gegenteil einer sinnvollen Landreform, die zur Ernährungssicherung beitragen könnte.

Olivier de Schutter ist seit 2008 UN-Sonderbeauftragter für das Recht auf Nahrung. Der Professor lehrt

an der belgischen

Universität Louvain.

Das Interview führte Dagmar Dehmer.

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