Welterfolg mit Pille : Wen der Schnupfen freut: Pohl-Boskamp schwimmt auf der Grippewelle

Mit Gelomyrtol ist Pohl-Boskamp zu einem stillen Marktführer geworden. Seine Wurzeln hat der Pharma-Mittelständler aus Schleswig-Holstein in Berlin.

Jürgen Hoffmann
Schwer zu kämpfen. Nicht nur in Berlin hat die Grippe derzeit viele Menschen fest im Griff.
Schwer zu kämpfen. Nicht nur in Berlin hat die Grippe derzeit viele Menschen fest im Griff.Foto: dpa

Grippewelle in Berlin. Überall wird derzeit gehustet und geschnieft. Gefühlt jeder Zweite ist anscheinend mindestens erkältet. In den Apotheken und Drogerien floriert das Geschäft. Pharmaprodukte wie Gelomyrtol zur Befreiung der Atemwege von Schleim oder Geloprosed gegen erkältungsbedingte Schmerzen und verstopfte Nase gehen momentan besonders gut.

Dass diese bekannten Arzneimittel nicht aus den Labors multinationaler Pharmakonzerne wie Bayer, Roche, Lilly oder GlaxoSmithKline stammen, weiß kaum jemand: Die Firma Pohl-Boskamp, wo die Medikamente tatsächlich herkommen, ist ein so genannter Hidden Champion mit Wurzeln in Berlin. Die Erfolgsstory des 600-Mitarbeiter-Familienbetriebs im schleswig-holsteinischen Hohenlockstedt ist auch die Geschichte einer geglückten Übergabe vom Firmenpatriarchen an seine Tochter.

1945 zog die Firma nach Hohenlockstedt

Der Berliner Apotheker Wilhelm Rose legt 1835 den Grundstein für das heutige Unternehmen: In seiner Apotheke „Zum weißen Schwan“ stellt er Gelatinekapseln her, die die Patienten wegen ihrer Beschaffenheit leichter schlucken können. George Gustav Pohl entwickelt diese Kapseln 1878 weiter. 1890 heiratet Kurt Boskamp in dessen Familie ein. 1935 kommt der Arzneimittelklassiker Gelomyrtol auf den Markt.

1945 beschließt Firmenchef Arthur Boskamp den Betrieb von Berlin nach Hohenlockstedt zu verlagern. Fast ein halbes Jahrhundert lang führt er das Unternehmen, oft mit harter Hand und auch gegen Widerstände von Führungskräften. Als Anfang der 1990er Jahre die Belegschaft vehement einen Betriebsrat fordert, übergibt er das Kommando seiner Tochter Marianne. Die ist damals gerade 25 Jahre alt. „Das war zunächst ein Schock“, erinnert sie sich. „Dann aber reizte mich die Herausforderung.“

200 Mitarbeiter - das reicht nicht

An der Spitze. Marianne Boskamp leitet das Unternehmen seit Anfang der 1990er.
An der Spitze. Marianne Boskamp leitet das Unternehmen seit Anfang der 1990er.Foto: promo

Die Aufgaben, vor denen Marianne Boskamp damals steht, sind groß: Ein Kulturwandel muss her. Die junge Chefin erläutert der Belegschaft ihre Ziele, baut Hierarchien ab, fördert Team-Arbeit, führt das „Du“ in den betrieblichen Sprachgebrauch ein. Ihre Außendienstler begleitet sie zu Kunden und Lieferanten, um sich persönlich vorzustellen. Bodo Antonic, Unternehmensberater und spezialisiert auf die Pharmabranche, lobt diese Schritte: „Marianne Boskamp hat nicht versucht, die Fußstapfen ihres Vaters zu füllen. Sie hat firmeninterne Dogmen hinterfragt und konnte damit neue Wege beschreiten.“

Schnell wird der Unternehmerin klar, dass Pohl-Boskamp wachsen muss, um gegen die Großen in der Pharmabranche eine Chance zu haben. 1991 beschäftigt der Betrieb rund 200 Mitarbeiter. „Mehr wollte mein Vater nicht, um den Überblick zu behalten“, erinnert sich Marianne Boskamp. Sie ändert den Kurs, stellt neue neue Mitarbeiter ein und investiert in Forschung und Entwicklung (F+E).

Mit Erfolg: Das Unternehmen erobert neue Märkte. 2006 kommt das Nyda auf den Markt. Mit diesem rein physikalisch wirkenden Mittel gelingt dem Unternehmen Pohl-Boskamp ein Durchbruch bei der Bekämpfung von Kopfläusen. Der Clou: Das Silikonöl des Mittels dringt bei Kopfläusen und deren Eiern über die Atemöffnungen in die Bronchien ein, verdrängt dort den Sauerstoff und verschließt das Atemsystem – ohne chemische Zusatzstoffe.

Pillen gehen nach England, China und in die USA

„Aufgrund unserer kurzen Entscheidungswege können wir viel schneller auf Marktveränderungen reagieren als die großen Pötte in unserer Branche“, nennt Marianne Boskamp den aus ihrer Sicht wichtigsten Pluspunkt gegenüber den Pharmakonzernen. Damit hat es der Mittelständler nach Erhebungen des Marktforschers IMS Health auf Platz 15 der Liste der 50 deutschen Pharmaunternehmen geschafft, die um die 100 Millionen Euro im Jahr umsetzen. Rund 35 Prozent seines Geschäfts macht der norddeutsche Hersteller im Ausland, vor allem in Großbritannien und China, in Australien und den USA.

Rund 300 Millionen Kapseln und Sprays gegen Herz-Kreislauf-Probleme und Atemwegs-Beschwerden produziert Pohl-Boskamp im Jahr. Der Forschungsaufwand beträgt 20 Prozent vom Umsatz. Marianne Boskamp: „Anders als börsennotierte Unternehmen können wir forschen und entwickeln ohne Anteilseignern und Journalisten Rechenschaft ablegen zu müssen. So schaffen wir es immer wieder, unsere Konkurrenten zu überraschen.“

Sieben Jahre bis zur marktreifen Arznei

Man hätte in Hohenlockstedt in den letzten Jahren noch mehr neue Medikamente herausbringen können, wenn der Pharmaproduzent mehr Planungssicherheit gehabt hätte, sagt Thomas Höppner, seit 2008 neben Marianne Boskamp, Henning Ueck und Michael Schmidt Geschäftsführer bei Pohl-Boskamp. „Wir können nie sicher sein, dass das Produkt, das wir gerade entwickeln, auch zugelassen und von den Krankenkassen später erstattet wird.“

Bis zur Marktreife eines Medikaments kann es sechs, sieben Jahre dauern. Das kostet. Und der Hidden Champion finanziert sämtliche Ausgaben aus eigenen Mitteln. „Um die hohen F+E-Aufwendungen wieder reinzubekommen, brauchen wir Produkte für große Märkte oder für Nischenmärkten, in denen wir konkurrenzlos sind“, betont Brand-Managerin Marita Schwenck. Marianne Boskamp fordert von der Politik deswegen vor allem Kontinuität: „Jährlich wechselnde Gesundheitsgesetze passen nicht zu unseren langen Entwicklungszeiten.“

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