Wüstenstrom : Desertec bleibt Fata Morgana

Das Desertec-Konsortium wirbt mit einer neuen Studie. Demnach könnte Nordafrika nahezu seinen gesamten Stromverbrauch mit Strom aus der Wüste decken. Doch die Investitionsbedingungen sind schlecht.

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„Hinterm Horizont geht’s weiter“, heißt es in dem Song von Udo Lindenberg. Auch Desertec hofft auf ein Happy End. Foto: picture-alliance
„Hinterm Horizont geht’s weiter“, heißt es in dem Song von Udo Lindenberg. Auch Desertec hofft auf ein Happy End.Foto: picture-alliance

Es ist eine große Verheißung, die Paul van Son verkündet. „Wir reden über die Basis der kompletten Energiewende“, sagt der Geschäftsführer der Desertec Industrie Initiative, die sich heute nur noch Dii nennt. Bis zum Jahr 2050, so das Ergebnis einer am Donnerstag in München präsentierten Studie, könnte Europa im Verbund mit Nordafrika seine Energieprobleme wesentlich mithilfe von Strom aus Sonne und Windkraft lösen. „Wir, die EU und die nordafrikanischen Staaten, müssen zusammenarbeiten“, sagt der Niederländer. „Gesunde, saubere Energie ist machbar.“

Die Dii ist eine 2009 gegründete und von mittlerweile 56 meist großen Industriebetrieben und Organisationen getragene Initiative. Das Münchener Dii-Büro soll in ihrem Auftrag ausloten, wie man in der Sahara, aber auch im Nahen Osten, im großen Stil Öko-Strom erzeugen kann. Zu den Gesellschaftern gehören Siemens, Eon, die Deutsche Bank und der Rückversicherer Munich Re.

Laut der von der Dii in Auftrag gegeben Studie „Desert Power 2050“ könnte Nordafrika nahezu seinen gesamten Stromverbrauch mit Strom aus der Wüste decken, zudem könnten 20 Prozent des europäischen Bedarfs befriedigt werden, heißt es. Ein weiterer Vorteil des transkontinentalen Energieverbundes: Der Strompreis wäre nach Angaben des Dii-Experten Florian Zickfeld um 40 Prozent niedriger, als wenn man nur auf Elektrizität zurückgreift, die im eigenen Land produziert wird.

„Wir haben nun eine Gesamtstrategie erstellt“, sagt van Son. Für die Umsetzung brauche man aber „Partner aus der ganzen Welt“. Es sind komplizierte Grafiken, die die Führungscrew – darunter auch Dii-Geschäftsleitungsmitglied Aglaia Wieland – den Medien präsentiert. Zwischen Marokko und Norwegen, Saudi-Arabien und Finnland würde demnach der Strom hin und her fließen. Die Sonnenenergie gen Norden, die Windkraft aus Skandinavien nach Süden. Spanien, Deutschland und die Türkei – alle mit dabei. Stromerzeugung und -bedarf zwischen Süd und Nord ergänzen sich in der Dii-Darstellung aufs Wunderbarste.

Den grundsätzlichen Einwand von Vorkämpfern für regenerative Energien, dass man auf regionale, dezentrale Herstellungsformen, auf „Bürgerstrom“ und nicht auf Großprojekte setzen sollte, sieht Aglaia Wieland offenkundig als überwunden an. Sie betont, dass künftig neben Effizienz und Wüstenstrom auch die dezentrale Produktion wichtig sei. Außenpolitiker wiederum fürchten, dass sich Europa mit einem solchen Strom-Megaprojekt in weitere Abhängigkeiten von politisch instabilen Ländern begibt.

400 Milliarden Euro würde es insgesamt nach den Dii-Berechnungen kosten, den Stromkreislauf der Zukunft zu errichten. Jährlich würden im Gegenzug rund 35 Milliarden Euro gespart werden im Vergleich zu rein europäischer Stromerzeugung. Windanlagen und verschiedene Arten von Solarkraftwerken müssten errichtet, neue starke Leitungen gebaut werden. Die EU hätte die Aufgabe, mit den vielen anderen Ländern in Verhandlungen zu treten. Van Son ist optimistisch: „Europa kann das und sieht auch ein, dass die Zusammenarbeit mit Nordafrika gut und notwendig ist.“

Doch ist Desertec bisher mehr als eine Fata Morgana? Dieses Jahr soll mit dem Bau eines kleinen Solarkraftwerks in Marokko als sogenanntem Referenzprojekt begonnen werden, 2014 ist es laut Planung fertig. Weitere Projekte sind in Tunesien und Algerien in Arbeit. Das hört sich nicht gerade nach viel an angesichts der gewaltigen künftigen Vorhaben. Auch wird über die Marokko-Anlage schon seit zwei Jahren geredet. Selbst im angeblich bürokratischen Deutschland ist ein großes Solarkraftwerk schnell binnen weniger Monate aus dem Acker gestampft, wenn es darum geht, noch schnell von guten Fördersätzen zu profitieren.

Die zentralen Fragen lauten: Wer soll investieren, wer soll das bezahlen? Da blicken die Desertec-Experten etwas bekümmert vor sich hin und sagen, dass dies nicht direkt zu ihrem Aufgabengebiet gehöre. Wieland meint einerseits: „Die Industrie steht bereit und hat auch das Kapital für die Umsetzungen.“ Andererseits gibt sie zu – gerade mit Blick auf Spanien und Italien in der Schuldenkrise: „Das Investitionsklima ist zurzeit schwierig.“ Vielmehr rede man jetzt „über die lange Linie und den Horizont“. Ob und wie die neuen Stromtrassen allerdings zu bezahlen und deren Bau auch durchzusetzen ist, bleibt weiter offen.

Doch Dii arbeitet weiter. Die nächste Analyse mit konkreteren Schritten auf dem Weg bis 2050 soll im November präsentiert werden – wahrscheinlich anlässlich der 3. Desertec-Jahreskonferenz. Die findet nach Barcelona und Kairo in den Vorjahren dann in Berlin statt.

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