Zweiter Factory-Standort : Berlins neue Start-up-Fabrik

Am Görlitzer Park öffnet eines der größten Gründerzentren Europas, betrieben von den Factory-Machern. Doch das Projekt ist im Bezirk umstritten.

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Noch ist unklar, wann die neue Factory in Treptow-Köpenick ihre Pforten öffnet.
Noch ist unklar, wann die neue Factory in Treptow-Köpenick ihre Pforten öffnet.Foto: Promo

Noch ist das neue Gründerzentrum eine große Baustelle. Aus fast allen Wänden hängen Kabel, auf dem Boden des Fahrstuhls liegen Ziegelsteine im Staub, im Flur der zweiten Etage verputzt ein Bauarbeiter die Decke. Dabei wird die Zeit langsam knapp: Schon Anfang Oktober sollen hier die ersten Leute einziehen. Sie müssen es sogar, denn dann beginnt an der Code University das erste Semester. Die private Fachhochschule ist ein neues Projekt, dort werden Programmierer, Designer und Produktentwickler gemeinsam ausgebildet. Der 31-jährige Thomas Bachem hat selbst einige Unternehmen gegründet und aus Ärger über den Mangel an qualifizierten Programmierern seine eigene Tech-Hochschule gestartet. Das Startkapital haben die Gründer von Start-ups wie Trivago, Check24 oder Project-A bereitgestellt.

Das neue Gründerzentrum ist noch eine große Baustelle.
Das neue Gründerzentrum ist noch eine große Baustelle.Foto: Oliver Voss

Einige von ihnen waren am Donnerstagabend zu einem exklusiven Dinner und einer Führung durch die Räumlichkeiten eines neuen Berliner-Start-up-Zentrums geladen, dessen Eröffnung nun bekanntgegeben wurde. Betrieben wird es von den Machern der Factory in Berlin Mitte, jenem Vorzeige-Zentrum in der Rheinsberger Straße, in das Politiker wie Joachim Gauck oder Emmanuel Macron geführt werden, wenn man ihnen einen Einblick in das Treiben der deutschen Start-up-Hauptstadt geben will. Schließlich sitzen hier Soundcloud oder das deutsche Team von Uber.

"Das größte Clubhaus für Start-ups in Europa"

Nun eröffnet die Factory am Görlitzer Park eine Dependance, die das Original von der Dimension her noch weit in den Schatten stellt: Über fünf Etagen erstreckt sich das Backsteingebäude, einst als eine der ersten Fabriken von Agfa erbaut. Auf den 14 000 Quadratmetern sollen demnächst bis zu 1000 Kreative arbeiten. „Das ist das größte Clubhaus für Start-ups in Europa“, sagt Factory-Vorstand Lukas Kampfmann.

Das Konzept ähnelt Co-Working-Anbietern: Für 50 Euro im Monat können Selbstständige die Räumlichkeiten zum Arbeiten nutzen, neben Schreibtischen, Internet und Gratis-Kaffee gehören dazu pink oder grün lackierte Besprechungskabinen, aber auch 3D-Drucker, Lötkolben und Fräsen zum Bauen von Prototypen. Außerdem ein Yogaraum und ein acht Quadratmeter großes Bällebad mit Schwarzlicht. „Solche Spielereien können sich Firmen erst leisten, wenn sie Hunderte Mitarbeiter haben“, sagt Kampfmann. Durch die gemeinsame Nutzung sollen sich hier auch kleine Start-ups fühlen, als wären sie im Campus eines Silicon-Valley-Giganten. Jungunternehmen mit fünf Mitarbeitern zahlen dafür 1000 Euro pro Monat.

Konzerne subventionieren Gründer

Kann sich das überhaupt rechnen? „Das Modell wird durch Konzerne subventioniert“, sagt Kampfmann. Denn die können sich ebenfalls mit kleinen Teams hier einmieten, zahlen dafür allerdings mindestens 50 000 Euro im Jahr. Einige Dax-Konzerne hätten bereits Interesse angemeldet, im ersten Factory-Gebäude sitzen zum Beispiel Mitarbeiter von Ergo oder der Deutschen Bank. Im Gegenzug bekommen Konzerne und Mittelständler Kontakt zur Start-up-Community.

Höhle der Löwen. Street-Art soll der ehemaligen Agfa-Fabrik Coolness verleihen.
Höhle der Löwen. Street-Art soll der ehemaligen Agfa-Fabrik Coolness verleihen.Foto: Oliver Voss

Die neue Factory wird zudem Sitz des Berliner Digital-Hubs für das Internet der Dinge (IoT). Das Bundeswirtschaftsministerium hatte bundesweit zwölf sogenannte digitale Hubs ausgewählt, an denen sich Start-ups, Unternehmen und Wissenschaftler zu Schwerpunktthemen vernetzen sollen. In Berlin sind das Finanztechnologie und IoT. Als Keimzelle des IoT-Hubs verlegt die Next Big Thing AG ihren Sitz in die Factory, eine Firmenschmiede für IoT-Start-ups. Bislang sitzt das Unternehmen am Tempelhofer Ufer, dort sollte ursprünglich einmal der zweite Factory-Standort eröffnen. „Doch das Gebäude dort war zu klein“, sagt Factory-Chef Udo Schlömer. Er vermietete es daher an Start-ups wie Electrocouture oder den E-Roller-Vermieter Unu, verzichtete aber auf das Factory-Label.

Projekt ist im Bezirk umstritten

Der nun gefundene Standort in der Jordanstraße, Ecke Kiefholzstraße dürfte aber nicht überall auf Begeisterung stoßen. An Stromkästen kleben schon jetzt Poster, die gegen den Google Campus mobilisieren, der einige Hundert Meter weiter in einem ehemaligen Umspannwerk in Kreuzberg geplant ist. Bisher prägt das direkt neben der Factory liegende Wagendorf Lohmühle das Bild, nun soll neben den Gründern im Gebäude auch eine Filiale der Privatschule New School einziehen. Gentrifizierungskritiker dürften sich bestätigt fühlen. Zumal die Factory-Macher das Gebäude längst nicht so verlassen vorgefunden hatten, wie sie es gestern Abend in einem Video präsentierten: Nach dem Kauf im Vorjahr wurde etwa 150 Künstlern gekündigt, die zuvor jahrelang Ateliers und Büroräume gemietet hatten. Der zuständige Stadtrat des Bezirks Treptow-Köpenick hatte die „Verdrängung“ scharf kritisiert.

Aus den sechseckigen Kabinen kann man bald ins Bällebad schauen.
Aus den sechseckigen Kabinen kann man bald ins Bällebad schauen.Foto: Promo

Bis zur offiziellen Eröffnung könnte es durchaus noch Proteste geben. Wann genau sie stattfindet, ist allerdings immer noch unklar, im Gespräch ist momentan ein Termin im November. An einem Flügel des Gebäudes muss auch noch ein neues Dach gebaut werden – das alte wurde in dieser Woche heruntergerissen.

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