90 Jahre DAAD : Wandel durch akademischen Austausch

Als der Deutsche Akademische Austauschdienst 1925 gegründet wurde, ging es darum, Deutschland aus der Isolation zu befreien. Auch heute sollen Kunst und Wissenschaft bei der Außenpolitik helfen – gerade in Konflikten.

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Studierende sitzen in einem Hörsaal, vor ihnen steht eine junge Frau und gestikuliert.
Auf an die Universität. Für syrische Bürgerkriegsflüchtlinge hat der DAAD ein eigenes Programm aufgelegt. Im Bild Gasthörer, die...Foto: Holger Hollemann/dpa

Der 90. Geburtstag: Champagner, Familienalbum, Erinnerung an helle und dunkle Tage. Und so man eine Institution ist, befreit von körperlicher Endlichkeit, kann man sogar in diesem hohen Alter von der Zukunft träumen. Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD), die weltweit größte Förderorganisation für studentische und wissenschaftliche Austauschprogramme, stählt jedenfalls seine alten Muskeln. Internationalisierung und Vernetzung, programmatische Leitideen seit der Erstgründung des DAAD, sind für heutige Wissensgesellschaften bedeutsamer als jemals zuvor.

1925 in Heidelberg vom Studenten Carl Joachim Friedrich gegründet – er war selbst für einen Austausch in New York gewesen und fädelte nach seiner Rückkehr ein erstes Stipendienprogramm ein –, wächst sich der kleine Verein schon bald zu einem weltumspannenden Netzwerk aus. 1927 wird in London die erste Außenstelle errichtet, es folgen Paris und systematischer Kontaktaufbau in die USA. Schon in diesen ersten Jahren zeigt sich, dass der DAAD nie eine rein wissenschaftliche Organisation war, sondern mit den politischen Zeitläuften verknüpft. Ziel des Austausches war zu Beginn, so hat es der Historiker Holger Impekoven in einer Studie rekonstruiert, Deutschlands Isolierung nach dem Ersten Weltkrieg aufzuheben, um international neue Geltung zu erlangen.

Gleichschaltung 1933: Stipendien nur für "Arier"

Einschneidend dann das Jahr 1933 und die Gleichschaltung des DAAD. Alfred Rosenberg, Leiter des Außenpolitischen Amtes der NSDAP, und SA-Chef Ernst Röhm stellen den Vorstand. Für ein Stipendium erwartet man eine „arische Abstammung“ und das Bekenntnis zu „Mein Kampf“. Das politische Ziel: Deutsche Studenten sollen, als akademische Vasallen im Dienste Hitlers, zu Repräsentanten der nationalsozialistischen Idee werden. Zwar erschwert der Krieg den Austausch logistisch wie ideologisch, Partnerschaften mit Großbritannien, Frankreich und den USA werden eingestellt. Doch bis zuletzt werden Stipendien vergeben und Evakuierungsmaßnahmen koordiniert.

1945: Trümmer, Auflösung und schließlich ein Neuanfang im Jahr 1950. Außenstellen werden wiedereröffnet und neu gegründet. Ein zweites, nach dem Ende des Kalten Krieges gar ein drittes Mal fungiert die Idee vom „Wandel durch Austausch“, wie das Motto des DAAD lautet, als Kitt für eine politisch aus den Fugen geratene Welt. 1986 noch hatten Bundesrepublik und DDR ein Abkommen über kulturelle Zusammenarbeit getroffen. Zu Beginn der neunziger Jahre dann übernimmt der DAAD die Stipendiaten der ehemaligen DDR und integriert die 28 Hochschulen der neuen Bundesländer in sein Programm.

In Kenia werden Überlebende des Uni-Anschlags unterstützt

Heute unterhält der DAAD weltweit 15 Außenstellen und 56 Informationszentren. Zwei Millionen Studierende, Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen wurden seit der Gründung gefördert; knapp ein Drittel davon waren „Incomings“, also Studierende aus der ganzen Welt, die sich für ein Gastsemester immatrikuliert oder zeitweise an hiesigen Hochschulen geforscht haben. Die Fördermittel, unter anderem vom Auswärtigen Amt und dem Bundesbildungsministerium, lagen im vergangenen Jahr bei rund 440 Millionen Euro. Damit ist der DAAD nicht nur ein riesiger Thinktank, sondern mehr denn je ein diplomatischer Akteur im Politischen.

„Natürlich betreiben wir auch Wissenschaftsaustausch mit Krisenländern“, sagt Margret Wintermantel. Seit 2012 ist sie Präsidentin des DAAD und häufig in Krisenregionen unterwegs. Vergangenen Herbst war sie im Iran, hat junge Studierende getroffen und mit Frauen an den Universitäten gesprochen. „Manchmal wünschte ich, wir könnten noch mehr helfen“, sagt sie – auch wenn der DAAD derzeit wichtige Unterstützungsprojekte auf der Haben-Seite zu verzeichnen hat. Mit der Eröffnung eines Deutschen Wissenschaftszentrums in Kairo beteiligte sich der DAAD an einer „Transformationspartnerschaft“ mit Ägypten; das „Leadership for Syria“-Programm gibt Geld für syrische Studierende in Deutschland. Jüngster Einsatz: Im April kamen bei einem Anschlag der Terrormiliz Al Shabaab auf die kenianische Universität Garissa 142 Studierende um; die Universität ist derzeit geschlossen. Das DAAD-Büro vor Ort unterstützt nun 300 bedürftige Studierende mit einem monatlichen Notfallstipendium.

Zuhause in zwei Ländern: eine vietnamesische DAAD-Dynastie

Zu den wichtigen Pfeilern des DAAD gehört seit den 80er Jahren die Alumni-Arbeit. Margret Wintermantel hat als junge Postdoktorandin in Kalifornien geforscht, wenn auch nicht mit dem DAAD. „Offene Kommunikation, Toleranz über Grenzen hinweg und die Erfahrung von Wissensaustausch“ seien für sie aber prägend gewesen, sagt sie – erst recht für ihr heutiges Amt. Prominente Namen stehen auf der langen Liste der ehemals Geförderten: Schriftstellerinnen wie Susan Sontag, Herta Müller, Margaret Atwood; bekannte Wissenschaftler und Journalisten wie Raoul Schrott, Jutta Allmendinger, Claus Kleber und Golineh Atai; die kenianische Friedensnobelpreisträgerin Wangari Maathai.

Viele Wissenschaftler bleiben durch den DAAD ein Leben lang in zwei Welten beheimatet. „Ich habe eigentlich zwei Muttersprachen: Vietnamesisch und Deutsch“, sagt Nguyen Phùng Quang, der in den 70er Jahren Elektrotechnik an der TU Dresden studierte, in Deutschland promovierte und heute als Professor in Hanoi lehrt. Auch seine Frau, Tran Thi Thu Huong, hatte ein DAAD-Stipendium. Ihr Sohn, Nguyen Tran Duc Viet, hat seine Kindheit zwischen beiden Welten pendelnd verbracht, wurde später ebenfalls gefördert. Eine DAAD-Dynastie in der Nussschale, die zugleich von der Auflösung nationaler Abschottung erzählt: „Wir schätzen uns glücklich, dass wir zwei Länder unsere Heimat nennen können.“

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