Alexander von Humboldt : Der wahre Entdecker Amerikas

Weltreisender in Sachen Natur: Vor 150 Jahren starb Alexander von Humboldt.

Roland Knauer
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Am Orinoco. Alexander von Humboldt (links) und sein Begleiter Aimé Bonpland, dargestellt auf einem Gemälde von Eduard Ender.Foto: akg

„Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung der Leute, welche die Welt nie angeschaut haben.“ Alexander von Humboldt soll diesen Satz gesagt haben, der auf ihn selbst am allerwenigsten zutraf. Der 1769 in Berlin geborene Sohn des Kammerherrn der Kronprinzessin hatte Mittel- und Südamerika auf einer fünfjährigen Expedition so genau erforscht, dass der südamerikanische Freiheitsheld Simon Bolivar ihm attestierte: „Alexander von Humboldt hat Amerika mehr Wohltaten erwiesen als alle seine Eroberer, er ist der wahre Entdecker Amerikas.“ So begeistert hat der Naturforscher sich die Welt angeschaut, dass er nur recht widerwillig nach Berlin zurückkam, wo er vor genau 150 Jahren, am 6. Mai 1859, starb.

Seine verwitwete Mutter hatte für den jüngeren ihrer beiden Söhne Wilhelm und Alexander allerdings andere Pläne. Sie steckte viel Geld in die Ausbildung der Brüder, die eine Verwaltungslaufbahn im Staatsdienst einschlagen sollten. Genau wie sein Bruder war auch Alexander mit diesem Studium unterfordert. Viel mehr als Grammatik und Vokabeln pauken interessierten ihn Naturwissenschaften. In fernen Ländern gab es noch sehr viel Natur zu entdecken, erfuhr er an der Universität in Göttingen von Georg Forster, der mit dem englischen Entdecker James Cook die Südsee und Teile des Südpolarmeers erforscht hatte.

Zwar brach Alexander von Humboldt mit Georg Forster ebenfalls zu einer Forschungsreise auf, die ihn 1790 aber nur nach England und nach Paris führte. Danach gab es keinen Weg mehr am Staatsdienst vorbei. In acht Monaten absolvierte Alexander von Humboldt das auf drei Jahre angelegte Studium an der Bergakademie im sächsischen Freiberg. Danach sollte er den Bergbau im Frankenwald und Fichtelgebirge sanieren. Dort vervielfachte er nicht nur die Erträge, sondern erfand auch Gasmasken und Grubenlampen für die Bergleute. Ohne seine Vorgesetzten zu informieren, gründete er im heutigen Bad Steben mit der Bergschule die erste Berufsschule für Arbeiter in Deutschland, für die er auch noch die Lehrbücher schrieb. Seine Aufwendungen wurden ihm später erstattet, mit diesem Geld gründete er eine Krankenkasse und eine Witwenversorgung.

Im Alter von 26 Jahren hatte er die höchstmögliche Stellung als Oberbergrat und dazu alle denkbaren Freiheiten. Halten aber konnte ihn der preußische Staat trotzdem nicht. Als seine Mutter 1796 starb, quittierte er den Staatsdienst und machte sich mithilfe des relativ großen Erbes als Naturforscher und Wissenschaftler selbstständig. Ziel seiner Reise war der faszinierende Gegensatz zwischen den feuchtheißen Regenwäldern des Amazonasbeckens und den unmittelbar danebenliegenden Gletschern der Anden, die zu seiner Zeit als höchstes Gebirge der Welt galten.

Mit rund 50 modernen Messinstrumenten vom Thermometer bis zum Teleskop brachen Humboldt und der Botaniker Aimé Bonpland im Juni 1799 aus Spanien auf. Der Zwischenstopp auf der Kanareninsel Teneriffa gab ihnen die optimale Gelegenheit, ihre Methoden zu testen: Beim Aufstieg auf den 3718 Meter hohen Vulkan Teide registrierten sie, welche Pflanzen in welchen Bergregionen und Höhen wachsen. Nach einer Nacht in einer Höhle unterhalb des Gipfels kletterten sie in den Vulkankrater und inspizierten ihn.

In Südamerika galt es zunächst andere feurige Ereignisse wissenschaftlich zu fassen. In der Nacht vom 11. auf den 12. November 1799 beobachtete Humboldt in Venezuela einen Sternschnuppenschauer. Damit legte er den Grundstein zu einer wesentlichen Erkenntnis der Astronomie: Solche Ereignisse wiederholen sich in bestimmten Abständen, wenn die Erde die mit kosmischen Trümmern übersäte Bahn eines Kometen kreuzt.

Anschließend befuhren die beiden Forscher in einem 13 Meter langen und knapp einem Meter breiten Einbaum die Flüsse im Amazonasbecken. Im Heck des Gefährtes gab es ein mit Blättern gedecktes Dach, an dem Käfige mit den unterwegs gefangenen Vögeln und Affen hingen. Als sie vom Amazonas-Nebenfluss Rio Negro in dessen Nebenfluss Rio Casiquiare einbogen, machten sie eine sensationelle Entdeckung. Flussaufwärts erreichten sie am 20. Mai 1800 die Stelle, an der sich der Orinoko-Fluss in zwei Arme teilt. Rund ein Viertel des Wassers fließt den Rio Casiquiare hinunter zum Rio Negro und von dort zum Amazonas und zum Atlantik. Diesen Arm waren die beiden Forscher gerade heraufgekommen, jetzt folgten sie dem anderen Arm in Moskitoschwärmen und mit Reis, Ameisen und Orinokowasser als Grundnahrungsmittel flussabwärts bis zur heutigen Stadt Ciudad Bolivar. Noch ein wenig weiter mündet der Orinoko dann in den Atlantik. Mit ihrer Fahrt hatten Humboldt und Bonpland bewiesen, dass der Orinoko sich teilt und ein Viertel seines Wassers nicht direkt zum Atlantik fließt, sondern zum Amazonas. Nirgends sonst auf der Welt sind zwei so große Fluss-Systeme verbunden.

Der nächste Teil der Expedition führte sie dann von der Karibikküste durch das Tiefland und den Ostabhang der Anden hinauf ins Hochland. Über Bogota schlugen sich die Forscher in quälenden Märschen nach Quito durch und konnten im heutigen Ecuador ihre Vulkanforschung wieder aufnehmen. Den 6310 Meter hohen Chimborazo-Gipfel erreichten sie nicht ganz, weil ihnen 700 Meter unter dem Gipfel die Höhenkrankheit zu schaffen machte, deren Symptome Humboldt als Erster genau beschrieb. Immerhin 30 Jahre lang hielten die Naturforscher mit diesem gescheiterten Gipfelsturm den Höhenweltrekord für Bergsteiger.

Insgesamt vier Mal überquerten die Forscher die Anden im Norden und Süden des Äquators und protokollierten exakt, welche Pflanzen und welches Klima sie vorfanden. Am 9. November 1802 konnte Humboldt mit einer Beobachtung des Planeten Merkur den Längengrad Limas bestimmen und so den Südwesten Südamerikas genau auf der Weltkarte einzeichnen.

Nebenbei untersuchte er, wie sich der an der Küste türmende Kot von Seevögeln als Dünger verwenden lässt, und löste damit einen Exportboom des Guanos aus. Im Pazifik entdeckte der Forscher dann die Meeresströmung, die heute als Humboldt-Strom seinen Namen trägt. Abschließend vermaßen die Forscher in neun Monaten das Hochland von Mexiko zwischen Karibik und Pazifik, ohne die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen aus den Augen zu verlieren. So legten sie die Grundlagen für die moderne Geografie.

Über die USA und nach drei Wochen als persönlicher Gast des Präsidenten Thomas Jefferson kam Humboldt als weltberühmter, aber nahezu bankrotter Naturforscher nach Europa zurück. Als ihn der König nach langer Zeit in Paris 1827 nach Berlin zurückholte, wurde er rasch zum Motor der Naturwissenschaft in Deutschland. Der Ruhm des „zweiten Kolumbus“ aber ist noch heute mit Südamerika verknüpft.

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