Anthropologie : Ein bisschen zurück zur Natur

Der amerikanische Biologe Jared Diamond ist ein guter Kenner der Stammesgesellschaften im Südwestpazifik. Er glaubt, dass moderne Zivilisationen von urtümlichen Gemeinschaften durchaus etwas lernen können.

Matthias Glaubrecht

Seit Jahrzehnten bereist Jared Diamond Neuguinea im Südwestpazifik, wo er Monate im engen Kontakt mit den als Jäger und Sammler lebenden Ureinwohnern verbringt. Anfangs interessierte den amerikanischen Wissenschaftler dabei vor allem die scheinbar banale Frage, warum einzelne Vogelarten just dort vorkommen, wo sie vorkommen. Doch im Grunde beschäftigte ihn stets der Mensch. Seitdem erklärt er in glänzend geschriebenen und preisgekrönten Bestsellern, was an diesem „dritten Schimpansen“ so besonderes ist, warum uns Sex Spaß macht, und warum einige menschliche Gesellschaften arm, andere dagegen reich sind. Er weiß, warum im Verlauf der Geschichte immer wieder Hochkulturen entstanden und untergingen. Jetzt glaubt Diamond, dass wir von traditionellen Gesellschaften wie jenen auf Neuguinea etwas lernen können. Am heutigen Montag stellt er in Berlin sein jüngstes Buch vor, eine Weltpremiere (um 19 Uhr im Museum für Kommunikation, Leipziger Str. 16, 10117 Berlin, Eintritt frei). Erst danach wird es Anfang 2013 auch in den USA erscheinen.

Diamond lehrt Geografie an der Universität von Kalifornien in Los Angeles. 1937 in Boston geboren, war er seit den 1960er Jahren mit biologischer Feldforschung beschäftigt. Bekannt wurde er Anfang der 1990er Jahre durch seine Sachbücher zur Evolution und Geschichte des Menschen. Auf eingängige Weise versteht Jared Diamond es, anthropologische, biologische und historische Fakten in Beziehung zu setzen.

Bereits in seinem 1992 erschienenen Buch „Der dritte Schimpanse“ hat er seine zentralen Themen skizziert. Er beschreibt nicht nur, dass wir sind, was wir sind, weil wir anders sind und mehr Sex haben als andere Tiere. Diamond untersucht auch, wie sich das Zusammenleben von nomadisierenden Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften zu jenen Ackerbau- und Hochkulturen entwickelte, die zur Grundlage heutiger Gesellschaften wurden. Für den Bestseller „Arm und Reich. Die Schicksale menschlicher Gesellschaften“ erhielt Diamond 1997 den Pulitzerpreis. Darin erklärt er die Gesetzmäßigkeiten der Menschheitsgeschichte auf allen Kontinenten für die letzten 13 000 Jahre; kein unbescheidenes Ziel, aber meisterhaft umgesetzt. Diamonds These: Die Geschichte der Völker hat auf den verschiedenen Kontinenten einen so unterschiedlichen Verlauf genommen, weil die äußeren Bedingungen vor allem in Eurasien den dortigen Bewohnern Wohlstand und Macht verschafften, während die Umwelt anderswo für die Ureinwohner etwa in Australien oder im südlichen Afrika weniger günstig war.

Mit seinem Buch „Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen“ legte Diamond 2005 nach und sorgte abermals für Furore. In „Kollaps“ untersuchte er, wie Raubbau an der Umwelt, Klimakatastrophen, rapides Bevölkerungswachstum und politische Fehlleistungen frühere Gesellschaften in den Untergang getrieben haben und welche Lehre wir aus dem Scheitern der Maya in Mittelamerika, der Wikinger auf Grönland oder der Bewohner der Osterinsel ziehen können.

Wie ungeschickt sich der moderne Mensch nicht nur in ökologischer, sondern auch in sozialer Hinsicht benimmt, ist nun das Thema in Diamonds neuem Buch „Vermächtnis“. Überbevölkerung, Ausbeutung natürlicher Ressourcen, Industrialisierung und Globalisierung haben nicht nur Umweltprobleme verursacht. Eine Gefahr für das Überleben liefern stets auch die inneren Konflikte in sozialen Ordnungen. Mithin können wir nicht nur von untergegangenen Kulturen etwas für unser Überleben lernen.

Diamond glaubt, dass uns auch die heute noch auf traditionelle Weise lebenden Gesellschaften lehren können, was wir in unseren modernen Staatengemeinschaften besser machen sollten. Fasziniert von den vielen Begegnungen mit ursprünglichen Stämmen im Regenwald Neuguineas, die seine Sichtweise entscheidend geprägt haben, beschreibt Diamond sehr ausführlich deren Zusammenleben.

Wie grundverschieden die Menschen in den etwa 39 weltweit noch sich erhaltenden traditionellen Gesellschaften mit dem Leben umgehen, eröffnet tatsächlich immer wieder überraschende Perspektiven auf unser modernes Selbstverständnis. Diamond schildert ihren Umgang mit sozialen Problemen, von der Kindererziehung über individuelle und Gemeinschaftskonflikte bis zu Ernährungs- und Essgewohnheiten, schließlich den Umgang mit Alter und Tod. Er zeigt dabei nicht nur, dass die ursprüngliche Bandbreite und Vielfalt menschlicher Kulturen tatsächlich recht groß ist (oder besser einstmals war), sondern dass durchaus Alternativen zu den nicht immer wünschenswerten Alltäglichkeiten unserer westlich-modernen Lebensweise denkbar sind. Sein Buch ist ein Plädoyer dafür, dieses kulturelle Vermächtnis des Homo sapiens nicht zu verschleudern.

Allerdings glauben nicht nur Historiker oftmals nicht daran, dass man aus der Geschichte lernen kann. Auch dem Leser mögen streckenweise Zweifel kommen, wie es beispielsweise ohne unsere heutige Form staatlicher Gerichtsbarkeit und Fürsorge bei uns zugehen könnte.

Für Diamond ist Neuguinea das Fenster zu einer Welt von gestern. Doch dass sich Prinzipien des Zusammenlebens in überschaubaren Sippenverbänden oder Stammeskulturen der Papuas auf unsere hochmoderne Welt übertragen lassen, leuchtet nicht immer unmittelbar ein. Mehr schon die Tatsache, dass traditionelle Formen des Zusammenlebens evolutionär stabile Strategien sind; gleichsam bewährte natürliche Experimente zum Aufbau einer Gesellschaft, die während der längsten Zeit der Menschheitsgeschichte funktioniert haben.

„Alle menschlichen Gesellschaften waren weitaus länger traditionell, als unsere heutige Gesellschaft modern ist“, schreibt Diamond. Auch dürfen wir nicht vergessen, dass Milliarden Menschen auf der ganzen Welt heute noch teilweise traditionell leben. Dies allein sei Grund, diese Welt von gestern zu verstehen.

Auf die Frage, welchen Ausweg er sieht, wenn es uns nicht gelingt, die Zerstörung unseres Planeten zu stoppen, hat Jared Diamond geantwortet, dass er zu seinen Freunden nach Neuguinea ginge; diese verstünden noch immer eine Steinaxt herzustellen und mit ihr umzugehen. In seinem jüngsten Buch nun plädiert Diamond nicht für ein „Zurück zur Natur“ um jeden Preis. Keinesfalls dürfe man das traditionelle Leben romantisch betrachten. Es lehrt auch, dankbar für manch moderne Errungenschaft zu sein.

Selbst wer bei Diamonds Blick auf die Welt von gestern am Ende von den konkreten Handlungsvorschlägen enttäuscht wird; dem Gewinn aus der Lektüre seines „Vermächtnis“ tut das keinen Abbruch. Denn sie sorgt in jedem Fall für wichtige Einsichten in unser traditionelles wie modernes Menschsein.

Jared Diamond:

Vermächtnis: Was wir von traditionellen Gesellschaften lernen können.

Verlag S. Fischer, 2012, 592 Seiten. 24,99 Euro.

2 Kommentare

Neuester Kommentar