Aufarbeitung der NS-Vergangenheit : Wozu die Deutschen unfähig waren

Vor 50 Jahren erschien das Buch „Die Unfähigkeit zu trauern“. Über Aktualität und Ambivalenz des Bestsellers der Mitscherlichs wird bis heute diskutiert.

Margarete und Alexander Mitscherlich 1968 bei einem Empfang auf der Frankfurter Buchmesse.
Gefeiert. Margarete und Alexander Mitscherlich 1968 bei einem Empfang auf der Frankfurter Buchmesse.Foto: Digne Meller Marcovicz/bpk

Bei „magischen Autoritäten“ hatten die Deutschen von 1933 bis 1945 Sicherheit gesucht, unter den Fittichen ihres „Führers“. Dieser Befund zur politischen Regression der Großgruppe stand am Anfang der Fragen nach der „Unfähigkeit zu trauern“. Warum verharrten die Deutschen noch im Wirtschaftswunder in ihrer Gefühlsstarre? Was verbarg sich hinter ihrem Leugnen, ihrer Abwehr?

Während sich Alexander und Margarete Mitscherlich vor nun einem halben Jahrhundert über die Deutschen beugten, als läge das Kollektiv auf der Couch des Frankfurter Analytikerpaars, ahnten beide nicht, dass ihr Buch massenhaft gelesen, zitiert, diskutiert, sein Titel zum geflügelten Wort werden würde, wo von der deutschen Verdrängung der Vergangenheit die Rede war und ist. Theodor W. Adorno hatte erklärt, das Ressentiment gegen die Psychoanalyse sei direkt verquickt mit dem Antisemitismus, und der Nationalsozialismus hatte die von Sigmund Freud begründete Psychoanalyse als Heilmethode wie als Kulturtheorie ausgelöscht. Umso erstaunlicher war der sensationelle Erfolg der 1967 erschienen psychoanalytischen Studie „Die Unfähigkeit zu trauern. Eine deutsche Art zu lieben“ in der Bundesrepublik.

Eine produktive Berliner Tagung zum Jubiläum

Den Metamorphosen der Rezeption dieses Buches widmete das Berliner Zentrum für Literaturforschung (ZfL) jetzt eine exzellent besetzte Konferenz, konzipiert und moderiert von Daniel Weidner, dem stellvertretenden Direktor des ZfL, und Stephan Braese, Literaturwissenschaftler an der Rheinisch-Westfälischen Universität. Im Leitmotiv „Die Unfähigkeit zu trauern – Ambivalenz und Aktualität 50 Jahre danach“ klang die polyphone Vielfalt der Beiträge an, die dem „conferre“, dem Zusammentragen, das der Begriff „Konferenz“ verspricht, alle Ehre machte und lebhafte, produktive Debatten auslöste.

Weidners Einleitung verortete die Publikation im moralischen Notstandsgebiet der damaligen Republik, sein Blogeintrag zur Thematik auf der Website des ZfL schildert die Geschichte der Abwehr auch als die Geschichte des verbreiteten Missverständnisses, mit dem der Buchtitel als Appell an das Trauern um die Opfer des NS-Regimes aufgefasst wurde. Darum war es den Mitscherlichs jedoch gar nicht gegangen, sondern um das Phänomen der fehlenden Trauer über den Verlust des „Führers“. Erst danach würde sich auch die Abwehr der Trauer um die Opfer überwinden lassen.

Vom bürgerlich-konservativen Studenten zum politisierten NS-Gegner

Daniel Weidners Vermutung, in diesem Missverständnis stecke „der Hinweis auf etwas Unabgegoltenes“, wurde auf der Tagung eindrucksvoll bestätigt, bereits in der skizzierten Entstehungsgeschichte des Buches von Tobias Freimüller. Als Biograf Alexander Mitscherlichs zeichnete er dessen mäandernden Wandel vom bürgerlich-konservativen Studenten zum politisierten NS-Gegner nach, der auch das Schlagwort von der „vaterlosen Gesellschaft“ prägte. Dass Mitscherlich, Jahrgang 1908, die faktische, millionenfache Vaterlosigkeit schon der deutschen Gesellschaft nach dem Ersten Weltkrieg ausblendete, präsentierte Micha Brumlik als kritische Leerstelle des Werkes. Anfügen ließe sich die Frage, ob es sich bei der familienlosen Figur „Hitler“, die sich wenig väterlich gab, überhaupt um eine Vaterfigur gehandelt hatte, und nicht vielmehr um den Kopf einer marodierenden, rachsüchtigen Brüderhorde.

„Diagnose oder Parole?“ fragte Christian Schneider, Universität Kassel, zur „Unfähigkeit zu trauern“ als einem „Deutungsangebot für den moralischen Zustand der Nachkriegsdeutschen“. Deren Bedarf nach Selbsterklärung war offensichtlich. 1967 lag die von den West-Alliierten alimentierte Republik nicht länger in Trümmern, eine neue Generation zog im Protest gegen Kapitalismus, Imperialismus und Autoritäten durch die Straßen. Ihre Eltern und Großeltern schwiegen zur Vergangenheit und genossen den Wohlstand. Lieber konsumierte man, wie der Vortrag von Alfred Bodenheimer aus Basel zum „Jüdischen Humor ohne Juden“ nachwies, Kishons Satiren, als sich an die Jahre der Shoah zu erinnern. Keine Kohorte schien zu trauern, kollektive Melancholie blieb aus.

Der Trotz des Mottos "Wir sind wieder wer!"

Darin sahen die Mitscherlichs „das Ergebnis einer intensiven Abwehr von Schuld, Scham und Angst“ nach der Shoah. Als „Ungeschehenmachen“ führte die Abwehr zu einer unmittelbar nach 1945 überlebensnotwendigen „Derealisierung“, einer „Entwirklichung“ der NS-Ära. Betrauert werden müssen hätte jedoch später nicht allein die reale Person Hitler, „sondern vor allem das Erlöschen seiner Repräsentanz als kollektives Ich-Ideal“. Dieses hatte infantile Vorstellungen von Allmacht belebt, seine Entwertung durch die Sieger kam einer traumatischen Entwertung des grandiosen Selbst gleich. Der Befund der Mitscherlichs scheint sich etwa im Trotz des Mottos „Wir sind wieder wer!“ der 1950er Jahre durchaus zu bestätigen.

Hochaktuell wirken einige Thesen des Buches, auch das kam zur Sprache, mit Blick auf den salonfähig werdenden Nationalwahn der neuen Rechten und ihrem Ruf nach dem starken Mann.

Für Ralph Giordano war es "das Buch seines Lebens"

Überschwänglich hatte der Romancier Ralph Giordano die „Unfähigkeit zu trauern“ als „das Buch seines Lebens“ begrüßt, wie Nicolas Berg vom Leipziger Simon-Dubnow-Institut darlegte, der sich in kritischer Sympathie dieser völlig ambivalenzfreien Rezeption eines von der Lektüre erschütterten NS-Überlebenden zuwandte. Für Giordano schien das Buch um 1974 pures Therapeutikum, er empfand sich mit seinem Blick auf die Gesellschaft verstanden, gesehen, und schrieb nach der Lektüre einen enthusiastischen Brief an Margarete Mitscherlich.

Kaum ein stärkerer Beweis für die Wirkungsmacht der Publikation scheint vorstellbar. So sehr das Buch der Historisierung bedarf, so richtig es ist, die ambivalenten Elemente darin zu untersuchen – emotionale Zeugnisse wie das von Ralph Giordano legen nahe, dass „Die Unfähigkeit zu trauern“ jenseits akademischer Überprüfbarkeit einen Nerv traf, dass es Desiderat war, ehe es geschrieben wurde.

Abwehr von Trauer? In Trivialromanen schlug Triumph in Melancholie um

Christian Schneider erinnerte an die methodische Problematik der Mitscherlich-Studie, an Individuen gewonnene Erkenntnisse auf Großgruppen anzuwenden und Analytisches mit Moralischem zu verknüpfen. Und ist es überhaupt legitim, Freuds komplexen Begriff der Trauerarbeit – als schrittweise Loslösung von einem verlorenen Objekt – anzuwenden? Ginge es nicht vielmehr um eine Unfähigkeit zur Empathie, zum Mitempfinden? Wurde, fragte Claude Haas vom ZfL, Trauer überhaupt abgewehrt? In trivialen Nachkriegsromanen und -filmen findet der Forscher vielfach Belege für den Umschlag von Triumph in Trauer und Melancholie. In der Diskussion wies Werner Konitzer, der selber zur Frage der „nationalsozialistischen Moral“ sprach, relativierend auf die semantische und ikonografische Kontinuität des NS-Kitschs im untersuchten Material hin.

Mit großer Prägnanz und Präsenz belegte die New Yorker Historikerin Dagmar Herzog die „Politik der Aggression und der Rückkehr der Psychoanalyse nach Deutschland“ mit Alexander Mitscherlichs schillerndem Verhältnis zum Verhaltensforscher Konrad Lorenz. Herzog, deren Arbeiten zur Sexualmoral des Faschismus international rezipiert werden, bebilderte und erläuterte die irritierende Wechselwirkung zwischen den an sich antagonistischen Thesen des Analytikers und des Biologen zur Aggression, die angesichts der unvorstellbaren Destruktivität des Nationalsozialismus ein zentraler Aspekt der Analyse war.

Mit Konrad Lorenz und Sigmund Freud auseinandergesetzt

Handelt es sich bei Aggression um eine anthropologische Konstante, wie Lorenz in „Das sogenannte Böse“ behauptete, oder um kulturabhängige, einhegbare Triebabfuhr? Welche Rolle besaßen Freuds Konzepte von Eros und Thanatos, Libido und Destrudo bei Mitscherlich? Wie ließ er sich als Apologet der kritischen Denkfähigkeit und Warner vor autoritärer Erziehung von den Ontologismen eines Konrad Lorenz beeinflussen? Mitscherlich handelte, so Herzog, eine komplizierte Kompromissformel aus, auch für die sexfreundlichen und sexfeindlichen Lesarten Freuds, wonach – schlicht gesagt – der Mensch mit seinen Trieben „gut“ oder „böse“ auf die Welt kommt, friedfertig oder aggressiv.

Letzten Endes kommt es darauf an, was eine Gesellschaft befördern will. „Aggressive Triebbefriedigung“, schrieben die Mitscherlichs 1967 in „Die Unfähigkeit zu trauern“, sei „moralisch bis heute zulässiger geblieben als die zärtlich-sexuelle“. Altersempfehlungen für Filme stufen auch 2017 noch – oder wieder? – eher gewalttätige denn erotische Szenen als kindgerecht ein.

Merkmal einer guten Konferenz ist, dass sie mehr Fragezeichen generiert, als Ausrufezeichen. Dem Zentrum für Literaturwissenschaft in Berlin ist das mit der Mitscherlich-Tagung rundum inspirierend gelungen.

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