Aus dem Alltag einer Intensivstation : Zwischen Heil und Unheil

Die Intensivstation ist kein Ort der Helden und Wunder. Im Gegenteil: Niederlagen sind hier alltäglich, der Tod steht am Ende vieler und langwieriger Versuche, Patienten im Leben zu halten. Ein Blick hinter die Milchglastüren.

Michael de Ridder
Schmaler Grat. Für hoch betagte oder aussichtslos Kranke ist die Hochleistungsmedizin oft eher eine leidvolle Sterbeverzögerung als sinnvolle Lebensverlängerung.
Schmaler Grat. Für hoch betagte oder aussichtslos Kranke ist die Hochleistungsmedizin oft eher eine leidvolle Sterbeverzögerung...Foto: Amélie Benoist, BSIP/Corbis

Ein hoher, scharfer, nicht enden wollender Alarmton, als dringe eine Stricknadel durch mein Hirn von einem Ohr zum anderen, haftet als frühester Eindruck an die Zeit auf der Intensivstation in meinem Gedächtnis, ich war Medizinalassistent in einem Hamburger Krankenhaus. Die Sirenengeräusche der Feuerwehr- und Notarztwagen, die rhythmisch spitzen Laute der EKG-Monitoren, das fauchende Geräusch der Beatmungsgeräte und die lang gezogenen, vor der Auslösung eines kardialen Elektroschocks hochfrequenten Signale des Defibrillators dringen seitdem immer wieder in das Innere meines Kopfes, nicht selten einem quälenden Tinnitus gleich, der durch meine Träume tönt, mit dem ich aufwache und einschlafe.

Jahre später, auf der Intensivstation einer Berliner Universitätsklinik. Alarm schrillt aus einer der „Boxen“. Schwestern und Pfleger, die beiden diensthabenden Assistenzärzte, der anwesende Oberarzt und ich selbst stürzen in Box 7 zu Herrn D., einem 52-jährigen Patienten, der am Tag zuvor vom Notarzt mit einem schweren Herzinfarkt eingewiesen worden war. Sein geschädigtes Herz pumpte nicht mehr genug Blut in den Kreislauf, er hatte einen kardiogenen Schock entwickelt, eine kaum beherrschbare Komplikation dieser Erkrankung. Die Herzkatheterbehandlung steckte noch in den Anfängen und war noch nicht verfügbar. Seit Stunden lag sein Blutdruck trotz hoch dosierter Kreislaufmittel nur bei 60 – und jetzt zeigte der Herzmonitor Kammerflimmern, abrupt gefolgt von einer Nulllinie: Herzstillstand.

Mit betroffenen Gesichtern umstehen alle das Bett. Einer der beiden Ärzte hält unter den missbilligenden Blicken der Schwestern die grün blinkenden Elektroden des Defibrillators über den Brustkorb des Patienten, in der Hoffnung, das Herz ins Leben zurückschocken zu dürfen – er wartet nur auf ein Signal des Oberarztes. Der scheint für einen kurzen Moment tatsächlich noch einen Wiederbelebungsversuch zu erwägen, dann zeigt er durch eine Handbewegung an, jeden weiteren Behandlungsversuch zu unterlassen. „Abbruch! – Wir haben schon genug Patienten ins Wachkoma geschickt!“

Mit der Totenruhe nehmen wir es hier nicht so genau

Auf dem Flur nimmt der Oberarzt mich zur Seite. „Kommen Sie, bevor der Tote in der Pathologie verschwindet, üben Sie rasch die Intubation. Noch ist er ja nicht leichenstarr und die Kiefer sind frei beweglich. Ich zeig's Ihnen. Wenn Sie später Notarztwagen fahren, müssen Sie das beherrschen, genauso wie den Subklaviakatheter, Sie wissen schon, die Punktion der großen Schlüsselbeinvene, das zeig ich Ihnen gleich mit, okay? Was schau’n Sie denn so skeptisch drein, ist was nicht in Ordnung?“

„Nein, nein … schon gut, danke. Ich dachte nur … wegen der Totenruhe …“

„Die Totenruhe? … Nun, eigentlich haben Sie recht … aber die nehmen wir hier nicht so genau … sonst lernt ihr ja nix!“

Minuten später stehen wir am Kopfende der Leiche, die Tür des Raumes ist geschlossen. Unter Anleitung des Oberarztes überstrecke ich den Kopf des noch warmen Verstorbenen, führe die Spitze des beleuchteten Intubationsspatel bis zum Zungengrund des Toten, hebele den Kehldeckel an und habe nun – Schweiß steht auf meiner Stirn – freie Sicht auf die Stimmbänder, zwischen denen ich den Beatmungsschlauch in die Luftröhre vorschiebe. „Perfekt gemacht!“, lobt der Oberarzt, „den Subklaviakatheter machense an der nächsten Leiche, ist ja nicht die letzte, die Sie hier sehen.“

Niederlagen sind auf der Intensivstation an der Tagesordnung

Intensivstation – ein Ort, über den die Öffentlichkeit sich zutiefst täuscht. Sie glaubt, hinter den doppelflügeligen Milchglastüren verbirgt sich ein Ort der Helden und Wunder, selbst wenn Fernsehserien längst nicht mehr nur heroische Ärzte und medizinische Hochtechnologie zum Wohle des Kranken zeigen. Sie glaubt es nicht zuletzt deswegen, weil sie es glauben will. Denn zu groß wäre das Entsetzen, wenn sie sich vom Gegenteil überzeugen lassen müsste: Niederlagen sind hier an der Tagesordnung, Sterben und Tod stehen am Ende vieler und langwieriger Versuche, lebensbedrohlich erkrankte Patienten im Leben zu halten. Wiederbelebung? Mehr als neunzig Prozent der Reanimationen scheitern; nur jeder zehnte Patient überlebt, und das oftmals nur mit erheblichen Einschränkungen: Schwerstpflegebedürftigkeit, Autonomieverlust, Wachkoma.

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