Ausgeflippert : Delfine sind keine Überflieger

Die Meeressäuger sind wohl weniger intelligent als gedacht - Forscher zweifeln an Belegen für ihre Überlegenheit.

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Freundlich und schlau. Das Image der Delfine war bislang makellos. Womöglich ist es aber mit ihren intellektuellen Fähigkeiten doch nicht so weit her, wie sich nun herausstellt. Foto: Reuters
Freundlich und schlau. Das Image der Delfine war bislang makellos. Womöglich ist es aber mit ihren intellektuellen Fähigkeiten...Foto: REUTERS

Im August rauschte eine Nachricht durch die Presse, die bestätigte, was viele Menschen ohnehin schon lange zu wissen glaubten: Delfine sind nicht nur intelligent, sie sind die Wunderkinder der Meere. Der Meeresbiologe Jason Bruck von der Universität Chicago stellte in einer Studie fest, dass in Gefangenschaft gehaltene Delfine – Große Tümmler, um genau zu sein – einstige Beckengenossen auch nach 20 Jahren an ihren charakteristischen Pfeiflauten noch erkennen. Ein so solides soziales Gedächtnis war bislang nur vom Menschen bekannt.

Erstaunlich – und ein Talent, das sich nahtlos in das Bild der sozialkompetenten Superhirne fügt, die viele Menschen auf einer Stufe mit unseren nächsten Artgenossen, den Menschenaffen, sehen. So intuitiv plausibel ist dieses Bild jedoch weniger aufgrund harter Forschungsergebnisse, sondern wegen der Legenden um die Meeressäuger.

Von der überragenden Intelligenz der Delfine hörte die Öffentlichkeit erstmals in den späten 1950er Jahren von dem Arzt und New-Age-Vordenker John Lilly (1915–2001). Lilly verbreitete unter anderem, Delfine würden ihre eigene Sprache sprechen – „Delfinisch“ – und gab sich redliche Mühe, ihnen Englisch beizubringen. Wer zudem als Dreikäsehoch noch die Fernsehserie „Flipper“ sah, sieht in Berichten von Delfinintelligenz nur seinen Kinderglauben bestätigt.

Delfine sind keine seltene Ausnahme im Tierreich

Doch das Denkmal, das Delfine nahe dem Menschen, weit über anderen Tieren schwebend zeigt, hat immer mehr Risse. Gleich eine ganze Reihe von Publikationen hat sich in den letzten Monaten gegen eine Ausnahmestellung der Delfine gewandt. Allen voran stellt der Biopsychologe Justin Gregg vom Dolphin Communication Project in dem Buch „Are Dolphins Really Smart?“ (Oxford University Press, 301 Seiten) die Frage, ob unser Medienbild der Delfine nicht deutlich an der Realität vorbeischrammt.

Der Neuroanatom Paul Manger von der University of the Witwatersrand in Johannesburg wiederum zerpflückt in einer Veröffentlichung im Fachjournal „Neuroscience“ im Juli die Auswertung vieler Verhaltensexperimente mit Delfinen. Und die Psychologin Heidi Harley vom New College of Florida bezweifelt, wie sie im vergangenen Frühjahr im „Journal of Comparative Physiology A“ schrieb, dass Delfinen aufgrund der bisherigen Daten Selbstbewusstsein zugeschrieben werden kann.

Als Lilly in den 1950er Jahren an den Marine Studios in Florida begann, sich mit Großen Tümmlern zu beschäftigen, faszinierte ihn, dass diese Meerestiere relativ zu ihrem Körpergewicht ein sehr großes Gehirn besaßen. Sie nehmen unter Säugetieren den zweiten Rang ein, gleich hinter dem Menschen und noch vor unseren nächsten Artverwandten, den Schimpansen.

Doch die große Hirnstruktur der Delfine hält weniger, als sie auf den ersten Blick verspricht. Bereits Ende der 1990er Jahre veröffentlichte der Biopsychologe Onur Güntürkün von der Universität Bochum einen Artikel über die Gehirnanatomie der Delfine. Dabei fand er nicht nur bestätigt, dass die Großhirnrinde (Kortex) trotz des großen Gehirns sehr dünn war. Er entdeckte auch, dass dem Kortex im Vergleich zu anderen Säugetieren eine Schicht an Nervenzellen (Neuronen) fehlte und, teilte man den Cortex in Säulen ein, dort auch weniger Neuronen vorhanden waren. „Hätten Forscher früher das große Delfingehirn nicht als Beleg für höhere Intelligenz gesehen“, sagt Güntürkün, „gäbe es heute womöglich gar keine so aufgeregte Debatte um ihre kognitive Kapazität.“

Aktivisten fordern Persönlichkeitsrechte für Wale und Delfine

Wichtiger als die Gehirnanatomie, da sind sich Experten heute einig, sind sorgfältige Verhaltenstests. Kein Wunder, dass Delfine in den letzten Jahrzehnten ausgiebig auf jegliches Anzeichen intelligenten Verhaltens hin beobachtet wurden: Werkzeuggebrauch, kooperatives Verhalten, der Mengenbegriff, Verständnis der menschlichen Zeigegeste oder generationenübergreifenden Wissenstransfer, alles nahmen Forscher unter die Lupe. Einige Wissenschaftler, Philosophen und Tierrechtsaktivisten haben diese Studien dann zum Anlass genommen, sogar Persönlichkeitsrechte für Wale und Delfine zu fordern.

Doch für wichtige Studien wie den Werkzeuggebrauch ist die Datenlage offenbar nach wie vor sehr dünn. So nutzen Delfine in der Shark Bay an der Westküste Australiens Schwämme, mit denen sie den Meeresboden durchwühlen. Einige Forscher deuten das als Werkzeug, denn es helfe den Tieren, Beutetiere aufzuscheuchen, ohne sich an scharfkantigen Objekten im Sand zu verletzen. Doch lässt die Befundlage zu wünschen übrig, kontern die Skeptiker Gregg und Manger. Denn zum einen lässt sich das Verhalten nur bei einigen der Delfine beobachten, zudem sei der Zweck nicht klar.

Andere Studien wiederum, wie zum Symbolverstehen der Delfine, sind zwar beeindruckend, diese Talente finden sich aber auch bei vielen anderen Tierarten, Hunden etwa. Als Gipfel kognitiver (geistiger) Leistung gilt im Tierreich aber nach wie vor das Ich-Bewusstsein. Der Maßstab, an dem dieses bis heute gemessen wird, ist die Selbsterkennung im Spiegel. In einem Experiment mit Delfinen will die US-Meeresbiologin Lori Marino, Direktorin des Tierrechtvereins Nonhuman Rights Project, beobachtet haben, wie zwei Delfine vor Spiegeln ausgiebig Farbflecken an der Seite ihres Körpers betrachteten.

Auch Schimpansen, Elefanten und selbst Elstern erkennen sich im Spiegel

Doch die Deutung des Verhaltens ist umstritten. Paul Manger wirft ein, Delfine sähen nicht gut genug, um die Markierungen überhaupt zu erkennen. Heidi Harley kritisiert, das Verhalten der Delfine vor den Spiegeln sei zudem mehrdeutig. Und ohnehin beherrschten auch Schimpansen, Orang-Utans, Gorillas, Indische Elefanten und sogar Elstern die Kunst der Selbstbespiegelung. Dieser Klub ist also nicht so exklusiv, wie mancher Delfinfan es gerne haben möchte.

„Einige kognitive Spezialisierungen allein reichen nicht aus, dass man Delfine außerhalb des Tierreichs stellt“, sagt der Bochumer Biologe Güntürkün. „Ihre kognitive Überlegenheit ist ein Mythos, aber nicht Wissenschaft.“

Doch bleibt die populäre Sicht der Delfine verführerisch. So hat die indische Regierung im Mai ein Gesetz verabschiedet, das Delfine zwischen Tier und Mensch ansiedelt, indem es sie zu „nicht menschlichen Personen“ erklärte. Ob demnächst auch Elstern und Krähen diese Ehre zuteil wird?

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