Bedrohte Artenvielfalt : Keiner stirbt für sich allein

Mücken und Läuse mögen lästig erscheinen. Doch ein globales Artensterben ungeheuren Ausmaßes bedroht die ökologische Vielfalt und unser eigenes Überleben. Warum jede Art zählt.

Matthias Glaubrecht
Horn von Afrika. Früher waren Nashörner in Asien und Afrika weitverbreitet. Inzwischen gehören einige Arten zu den bedrohtesten Säugetieren der Welt.
Horn von Afrika. Früher waren Nashörner in Asien und Afrika weitverbreitet. Inzwischen gehören einige Arten zu den bedrohtesten...Foto: Aaron Amat Fotolia

In Mitteleuropa kommen 3000 verschiedene Schmetterlingsarten vor, jede dritte ist vom Aussterben bedroht. Weltweit sind rund ein Drittel aller Frösche und ein Drittel aller nacktsamigen Pflanzen vom Aussterben bedroht. Nicht anders steht es um ein Fünftel aller Säugetierarten und Fische sowie um mehr als ein Zehntel aller Vogelarten.

Ist das schlimm? Brauchen wir alle diese Arten wirklich? Die Frage mag ketzerisch klingen. Doch wird sie immer häufiger gestellt. Auf Zecken können wir nun wirklich verzichten, und keiner weint einer Wanze oder Stechmücke hinterher. Wozu sind sie überhaupt gut? Lohnt es sich, Arten zu schützen, die es von allein nicht schaffen, sich anzupassen?

Unlängst vertrat sogar ein Biologe die provokante Meinung: „Der Natur ist das völlig egal, ob die heutigen Arten massenhaft aussterben, Landschaften verschwinden, ganze Ökosysteme umkippen und das Antlitz der Erde dabei wieder einmal umgekrempelt wird.“ In der Rezension seines Buches zum Thema titelte eine Zeitung dann scheinbar folgerichtig, dass wir vorm Artensterben überall auf der Erde keine Angst haben müssten.

Wer so denkt, sitzt einem gewaltigen Irrtum auf. Keineswegs unschuldig daran sind Evolutionsbiologen. Denn immer wieder betonen sie, dass Artentod und Aussterben in der Erdgeschichte seit jeher dazugehören. Wie die Entstehung neuer Arten ist deren Sterben tatsächlich ein ganz natürliches Ereignis; das Kommen und Gehen von Arten ist an der Tagesordnung, gleichsam der biologische Normalfall. Keine Art lebt ewig; nach ein bis maximal zehn Millionen Jahren sei Schluss, schätzt etwa der Evolutionsökologe Robert May. Überhaupt sind nur ein Prozent aller Arten heute noch am Leben, die Mehrzahl aller jemals auf der Erde vorkommenden Arten ist längst ausgestorben.

Fünf große Massensterben haben Evolutionsforscher aus den Zeugnissen vom Werden und Vergehen der Arten im Fossilbefund ermittelt. Aus jedem dieser einschneidenden Ereignisse, so ihr Fazit, ist das Leben gestärkt hervorgegangen. Auf ein Massensterben folgte jedes Mal ein Evolutionsschub und Aufschwung der Artenvielfalt – die Natur fährt Achterbahn. Einzig der Wandel hat Bestand und die Geschichte des Lebens gleicht einem Fortsetzungsroman, in dem sich während einzelner Episoden zwar die Hauptdarsteller abwechseln, die Geschichte aber weitergeht. Erst als die Dinosaurier verschwanden, konnten die Säugetiere ihre Chance nutzen.

Aussterben und Überleben sind mithin zwei Seiten derselben Medaille und in jeder globalen Lebenskrise steckten immer auch neue evolutive Chancen. Beim sechsten, dem derzeitigen Artensterben aber hat das Aussterben eine neue Qualität angenommen. Nicht nur weil es in kürzester Zeit von nur wenigen Jahrzehnten und Jahrhunderten abläuft und von weltweiter Dimension ist. Der entscheidende Unterschied diesmal sind wir – der Mensch. Dank unserer unaufhaltsamen Vermehrung und unverminderter Plünderung aller natürlichen Grundlagen sind wir mittlerweile zum bestimmenden Evolutionsfaktor geworden.

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