Beruf und Familie : Generation Stress

Soziologen fordern eine neue Familienpolitik: Eine, die auf die Entzerrung der Lebensläufe zielt. Dazu könnte gehören, mit 50 ein Jurastudium zu beginnen

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Mehr Zeit für Kinder. Obwohl heute Kinder viel häufiger und länger in der Kita untergebracht sind als früher, wenden Eltern insgesamt weit mehr Zeit für die Fürsorge auf als die Eltern der vorhergehenden Generation, stellen die Forscher fest. Eltern wollten damit die Bildungschancen ihres Nachwuchses erhöhen.
Mehr Zeit für Kinder. Obwohl heute Kinder viel häufiger und länger in der Kita untergebracht sind als früher, wenden Eltern...Foto: picture alliance / dpa/Jens Kalaene

Schaffe, schaffe, Häusle baue – der schwäbische Wahlspruch wirkt auf viele heute als allgemeine Devise der Wirtschaftswunderzeit in der alten Bundesrepublik. Die Deutschen der Jahrgänge 1930 bis 1940, die in dieser Zeit erwachsen wurden und die der Soziologe Helmut Schelsky im Jahr 1957 aufgrund ihrer Kindheitserfahrungen als „skeptische Generation“ bezeichnete, gelten ja allgemein als besonders tüchtig.

Doch sind nicht die Jüngeren fleißiger – notgedrungen? Das meinen jedenfalls die Soziologen Hans Bertram und Carolin Deuflhard von der Berliner Humboldt-Universität. Beide haben sich in einem gerade erschienenen Buch die „überforderte Generation“ vorgenommen („Die überforderte Generation. Arbeit und Familie in der Wissensgesellschaft“, Verlag Barbara Budrich 2015, 253 Seiten, 28 Euro). Ihre Angehörigen sind zwischen 1970 und 1980 geboren – in einer Zeit, in der die Industriegesellschaft zur Dienstleistungs- oder Wissensgesellschaft wurde.

„Fleißig“ ist für die Forscher keine moralische Kategorie, sondern zunächst einmal abgeleitet von der wöchentlichen Stundenzahl beider Elternteile im Job, die durchschnittlich nötig ist, um die wirtschaftliche Existenz einer Familie zu sichern: Eine amerikanische Zeitbudgetstudie zeigt etwa, dass dafür im Jahr 1965 56 Arbeitsstunden reichten, im Jahr 2008 aber schon 67 Stunden nötig waren. Auch Akademikerinnen und Akademikern erlaube eine Vollzeit-Berufstätigkeit nicht mehr unbedingt, allein eine Familie zu ernähren, oft reiche es nicht einmal dafür, den eigenen Lebensunterhalt zu finanzieren, stellen die Autoren fest.

Akademikerinnen und Akademiker arbeiten oft mit befristeten Verträgen

Die HU-Forscher haben sich vornehmlich mit der Arbeitssituation junger Akademiker beschäftigt, die sie der „kreativen Klasse“ zurechnen. Ihre Berufe, etwa im Bereich Medien oder Design, sind zum Teil erst in den letzten Jahrzehnten entstanden, sie leben besonders häufig mit der Unsicherheit befristeter Verträge, in einer eigentlich nicht gewünschten Teilzeitstelle oder als Selbstständige mit niedrigen Honoraren.

Insofern sind sie nicht repräsentativ für eine ganze Generation, zu der auch Ärzte, Betriebswirtinnen, Bauingenieure oder Richterinnen mit mehr Sicherheit und besserem finanziellem Polster gehören, so könnte man einwenden. Was jedoch für alle gilt: Die Hausarbeit ist den US-Studien zufolge für die „überforderte Generation“ nicht weniger geworden als für die Generation ihrer Eltern, sie wird nur etwas gerechter zwischen den Geschlechtern verteilt – die beide erwerbstätig sein müssen, um die Familie zu ernähren.

„Die spannendste Veränderung zeigt sich aber bei der Betreuung der Kinder, denn Mütter und Väter haben die Zeit der Fürsorge merklich erhöht, und das trotz erhöhter Zahl von Kitaplätzen“, erläutert Bertram im Gespräch mit dem Tagesspiegel. Eltern engagierten sich heute mehr und vor allem weit länger, um ihrem Kind eine möglichst hohe Bildungsqualifikation mit teilweise besonders langen Ausbildungszeiten zu ermöglichen.

Dann aber ballt sich zwischen 30 und 40 alles zusammen: Wichtige Weichenstellungen im Beruf samt Suche nach einer soliden finanziellen Basis, Aufbau langfristiger Paarbeziehungen, Kinderwunsch, Familiengründung und partnerschaftliche Abstimmung der familiären Aufgaben. Schon in der umfangreichen Studie „Zukunft mit Kindern“, die unter Federführung von Günter Stock, dem Präsidenten der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, im Jahr 2012 erschien und an der Bertram mitwirkte, war der Begriff gefallen, der diese Lebenssituation plastisch beschreibt: Rushhour des Lebens.

Der Erwartungsdruck muss auf alle Lebensphasen verteilt werden, meinen die Forscher

Mehr Kitaplätze für die ganz Kleinen, weniger Arbeitsstunden für junge Eltern – das sind nach Ansicht der HU-Soziologen wichtige familienpolitische Ziele. Doch allein lösen sie das Grundproblem nicht. „Gelingt es nicht, den gesellschaftlichen Erwartungsdruck auch auf andere Altersphasen zu verteilen, bleibt der Konflikt zwischen Höchstleistungen an Fürsorge und der Höchstleistung im beruflichen Bereich bestehen“, sagt Bertram. „Wir müssen über 90 bis 100 Lebensjahre nachdenken, sonst wird die Rushhour des Lebens in Deutschland bestehen bleiben, trotz möglicherweise perfekter Infrastruktur und einer maximalen Flexibilisierung der täglichen Arbeitszeit.“

Gegenüber den Autoren des Achten Familienberichts von 2012, in dem vor allem Reformen in diesen beiden Punkten gefordert werden, pochen Bertram und Deuflhard auf „strukturelle Entzerrung und Neuorganisation der Lebensläufe“. Ein Beispiel: Die Hochschulen sollten sich darauf vorbereiten, auch zu „Zweitausbildungsstätten“ für Männer und Frauen in mittleren Jahren zu werden, etwa für eine Pflegekraft oder eine Erzieherin, die mit 50, wenn ihre Kinder groß sind, ein Jura-Studium beginnt und mit 60 als Anwältin einen Neuanfang wagt, um dann erst mit 75 in den Ruhestand zu gehen. „Wenn ich weiß, ich habe eine solche zweite Chance, sieht mein Leben anders aus.“ Möglicherweise könne so auch der Mut steigen, eine Familie zu gründen.

„Familienpolitik muss immer Lebenslaufpolitik sein“, sagt der Soziologe, der selbst als Angehöriger des Jahrgangs 1946 der Zwischengeneration der 68er zuzurechnen ist – und der zugleich feststellt: „Unsere gelebten Lebensläufe können wir heute nicht mehr als Vorbild nehmen.“

Während die „skeptische Generation“ der 1930 bis 1940 Geborenen in der Kindheit nicht auf Rosen gebettet war, hatte sie später in der prosperierenden Industriegesellschaft gute berufliche Chancen und schon in relativ jungen Jahren ein solides Einkommen, zudem stützte sie sich in früh geschlossenen Ehen noch weitgehend auf ein eindeutiges geschlechtsspezifisches Orientierungsmuster für die Verteilung der familiären Aufgaben. „Die Mitglieder der überforderten Generation sind dagegen mit der Perspektive aufgewachsen, dass ihnen alle Türen offen stehen“, sagt Bertram, „doch die Gesellschaft löst diese Erwartungen nicht ein“. Eine Möglichkeit, das zu ändern: Die Türen für angestrebte Karrieren, Zusatzqualifikationen oder Zweitausbildungen länger offen halten. Der biologischen Uhr wird man das Ticken nicht abgewöhnen, bei der beruflichen könnte man es immerhin versuchen.

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