Bibliotheken in der NS-Zeit : Raubgut im Regal

Bibliotheken beschäftigen sich mit ihrer Rolle in der NS-Zeit: So kam den „gleichgeschalteten“ National- und Staatsbibliotheken die Aufgabe zu, die Ausleihe von Büchern zu kontrollieren, denen das Regime einen „undeutschen Geist“ unterstellte.

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Olympische Spiele 1936. Die Preußische Staatsbibliothek, geschmückt mit Hakenkreuzfahnen.
Olympische Spiele 1936. Die Preußische Staatsbibliothek, geschmückt mit Hakenkreuzfahnen.Foto: bpk

Der Germanist Max Herrmann, Begründer der Theaterwissenschaft in Berlin, war auch mit 75 Jahren als Forscher noch aktiv. Für die Preußische Staatsbibliothek Unter den Linden hatte er eine Sammlung von 15 000 Manuskripten, die einst Autoren an Theater geschickt hatten, zusammengestellt und erschlossen. Juden waren in der Staatsbibliothek ab 1938 nicht mehr als Leser zugelassen, doch aufgrund seiner Verdienste erhielt Herrmann eine Ausnahmegenehmigung. Stuhl und Tisch im Lesesaal durfte er allerdings nicht mehr benutzen, in einem Nebenraum stellte man ein Stehpult für ihn auf. Zuletzt musste er den Weg von seiner Charlottenburger Wohnung in die Bibliothek zu Fuß zurücklegen, weil Juden nun auch nicht mehr mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren durften.

Das Schicksal Max Herrmanns schilderte kürzlich Martin Hollender von der Generaldirektion der Staatsbibliothek auf einer Berliner Tagung über die Rolle der großen Bibliotheken in der Zeit des Nationalsozialismus. Im Jahr 1942 wurde das Ehepaar Herrmann „abgeholt“. Der renommierte Theaterwissenschaftler kam in das Konzentrationslager Theresienstadt, wo er im selben Jahr starb. Seine Frau wurde nach Auschwitz deportiert.

Die Nationalsozialisten sorgten bald nach der Machtübernahme 1933 dafür, dass nur noch Parteimitglieder in Bibliotheken eingestellt wurden. Unter deutschen Bibliothekaren war der braune Zeitgeist ohnehin verbreitet. Als sie 1934 ihre Jahrestagung in Danzig abhielten, das damals noch unter dem Mandat des Völkerbundes stand, sangen sie eine Mischung aus der Nationalhymne „Deutschland, Deutschland über alles“ und des Horst-Wessel-Liedes „Die Fahne hoch“.

Verheerende Wirkung hatte das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, auf dessen Grundlage Juden, Kommunisten und auch Sozialdemokraten aus dem öffentlichen Dienst entfernt wurden. Für die allermeisten der hochqualifizierten Bibliothekare bedeutete ihre Verbannung zumindest das Ende ihrer beruflichen Karriere. Ausnahmefälle waren etwa drei emigrierte Bibliothekare, die in Jerusalem Generaldirektoren der jüdischen National- und Universitätsbibliothek wurden. Klaus G. Saur, Vorsitzender der Freunde der Staatsbibliothek, berichtete auch über Otto Bettmann, bis 1933 Kustos an der Berliner Kunstbibliothek, der in den USA eine der weltweit größten Bildersammlungen aufbaute, die heute dem Getty-Trust gehört.

Den „gleichgeschalteten“ National- und Staatsbibliotheken kam die Aufgabe zu, die Ausleihe von Büchern zu kontrollieren, denen das Regime einen „undeutschen Geist“ unterstellte. Doch während Studenten auf dem Bebelplatz etwa die Werke des Psychoanalytikers Sigmund Freud verbrannten, vernichtete die Staatsbibliothek ihre Bestände nicht. Vielmehr wurden unliebsame Bücher fortan unter Verschluss gehalten.

Gleichzeitig bemächtigten sich die staatlichen Büchersammlungen ganzer Bibliotheken aus jüdischem Besitz. Die NS-Schergen übergaben sie der Staatsbibliothek in Berlin, der Bayerischen Staatsbibliothek in München und der Nationalbibliothek in Wien, die ihre eigenen Bestände anreicherten oder die Bücher auf andere Bibliotheken verteilten. Ebenso wurde mit den Erträgen der Raubzüge des Zweiten Weltkriegs in ausländischen Bibliotheken verfahren.

Eine Diskussion über das bibliothekarische Raubgut kam erst 1992 nach einem Bericht des Magazins „Spiegel“ in Gang. Warum es so lange dauerte und mit so großen Schwierigkeiten verbunden war, die im Krieg entwendeten Bücher an ihre rechtmäßigen Besitzer oder deren Erben zurückzugeben, habe eine Vielzahl von Gründen gehabt, sagte Murray G. Hall von der Universität Wien. Vielen in den Bibliotheken habe das Unrechtsbewusstsein gefehlt und die Bereitschaft, die schwierige und arbeitsintensive Suche nach beschlagnahmten Büchern in den Katalogen und nach den Eigentümern aufzunehmen. Und schließlich sei es den Bibliothekaren auch schwergefallen, durch die Aufarbeitung die Bestände ihrer Häuser zu verringern.

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