Wissen : Das chinesische Geschenk

Shu Kai Chan studierte in den 30er Jahren in Berlin. Jetzt stiftet der Unternehmer dem WZB sechs Millionen

Amory Burchard

Es ist der amerikanische Alumni-Traum. Shu Kai Chan, ein aus China stammender Unternehmer, der einst in Berlin Wirtschaft studierte, spendet dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) sechs Millionen Euro. Das Geld fließt in eine Stiftung, die einen Forschungspreis und Stipendien vergibt. Der erste Preisträger, der britische Ökonom Sir Anthony Atkinson, wird am 4. Dezember ausgezeichnet, dann werden auch erste Stipendien für Postgraduierte verliehen. „Der Preis stärkt die Wahrnehmung der Sozialwissenschaften, es gibt wenige Preise für diese Disziplin“, sagt WZB- Präsidentin Jutta Allmendinger.

Shu Kai Chan war 17 Jahre alt, als er 1935 nach Berlin kam, um Deutsch zu lernen und Staatswissenschaft sowie Wirtschaftsgeschichte zu studieren. Der Spross einer Großgrundbesitzerfamilie in der chinesischen Provinz Kanton schrieb sich zuerst an der Friedrich-Wilhelms-Universität Unter den Linden ein, hörte dann auch in Leipzig, Wien, Frankfurt am Main und Marburg Vorlesungen. 1939 kehrte Chan nach China zurück, arbeitete als Lektor an der Universität von Chungking, der damaligen Hauptstadt Nationalchinas. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging Chan nach Hong Kong und wurde dort Unternehmer. Mit seiner Frau Angela, die aus Hong Kong stammt, baute er in Brasilien einen florierenden Textilhandel auf. Heute leben die Chans in Costa Rica und sind weiterhin im internationalen Handel tätig. Bislang hat das Paar vor allem US-amerikanische Universitäten unterstützt, an denen ihre Kinder und Enkel studiert haben.

Wie kam es jetzt zu der Millionenspende für das WZB? 2001 zog es den heute 88-jährigen Chan zurück nach Marburg, wo er sein letztes deutsches Semester verbracht hatte. Mit Hilfe eines Historikers konnte er einen seiner alten Studienfreunde ausfindig machen. In Marburg traf Chan aber auch den Bielefelder Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte Werner Abelshauser. Man sprach über gemeinsame wissenschaftliche Interessen, auch über Chans eigenen theoretischen Ansatz, den er in seinem 2004 auf Englisch und Deutsch veröffentlichten Buch „Social Capitalism“ zusammengefasst hat. Chans „Sozialer Kapitalismus“, so der deutsche Titel des Buches, das im Tectum-Verlag erschien, trägt Züge der sozialen Marktwirtschaft. Forschung dazu wolle er nachhaltig fördern, sagte Chan in Marburg. Abelshauser empfahl ihm und seiner Frau das WZB in Berlin.

„Wir wollen zu Sozialreformen ermuntern und dazu beitragen, dass Menschen produktiv sein und in fairer Weise am gesellschaftlichen Reichtum teilhaben können“, erklären Angela und Shu Kai Chan in einem Statement zu ihren Beweggründen. Soziale Fragen müssten auf kompetente Weise beantwortet werden. Die Gesellschaft wandele sich in rasantem Tempo, und überkommene Systeme seien den neuen Realitäten nicht angemessen. „Neuen Problemen kann man nur mit neuen Lösungen begegnen“, so die Chans.

Der Sozialwissenschaftspreis, der alle zwei Jahre verliehen werden soll, ist mit 100 000 Euro dotiert. Es gebe kaum Auszeichnungen in dieser Preisklasse, sagt WZB-Präsidentin Allmendinger. Tatsächlich reiht sich der „A.SK Social Science Award“ – er enthält die Initialen der Vornamen der Stifter – in die Reihe internationaler Auszeichnungen für sozialwissenschaftliche Forschung ein. So ist der als „Nobelpreis der Politikwissenschaft“ bezeichnete „Johan Skytte Prize“ der Universität Uppsala mit rund 70 000 US-Dollar dotiert, der Balzanpreis mit einer Million Schweizer Franken. Das Besondere des neuen Preises sei auch, dass er „ein Denken auszeichnen soll, dass auf Verbesserungen der sozialen Seite des Kapitalismus zielt, also am Gemeinwohl orientiert ist“, sagt Allendinger. Der erste Preisträger Anthony Atkinson, der am Nuffield College in Oxford forscht, ist mit Studien zu sozialer Gerechtigkeit oder etwa zu Armut in Europa bekannt geworden. Dem fünfköpfigen internationalen Komitee, das die Preisträger auswählt, gehört unter anderem Lord Ralf Dahrendorf an.

Die Stiftung am WZB startet auch ein Stipendienprogramm. Gefördert werden jüngere Sozialwisssenschaftler, die beispielsweise ihre Doktorarbeit für eine Buchausgabe bearbeiten wollen. Die Nachwuchsförderung in dieser Phase werde bislang vernachlässigt, sagt Jutta Allmendinger. „Es ist wichtig, nach der Dissertation Zeit und Luft zu haben, um die wissenschaftlichen Ergebnisse gut zu publizieren und neue Forschungsfragen zu erschließen.“ Aufbauend auf der neuen Fördermöglichkeit solle das WZB „ein international sichtbares Zentrum für Nachwuchswissenschaftler“ werden.

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