Dengue : Kampf gegen das Knochenbrecher-Virus

In den Favelas von Rio fordert Dengue besonders viele Todesopfer. Viele schützen sich dort nicht ausreichend gegen Mücken oder sie kommen zu spät ins Krankenhaus. 2014 könnte es auch ahnungslose Fußballfans oder die Mannschaften treffen.

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Junge lässt in einer Favela einen Drachen steigen.
Hilflos. Dengue unterscheidet nicht zwischen Arm und Reich. Trotzdem trifft das Virus die Bewohner der Favelas besonders hart.Foto: AFP

Das Schlüsselerlebnis hatte Norbert Lehmann vor drei Jahren. Er war in einer Favela in Rio de Janeiro untergekommen, als die Tochter einer Nachbarin plötzlich hohes Fieber bekam. „Sie hieß Janine und war vier Jahre alt“, erinnert sich Lehmann, „ein fröhliches Kind“. Weil das Fieber nach zwei Tagen nicht gesunken war, brachte ihre Mutter sie ins Krankenhaus. Dort starb das kleine Mädchen in der Warteschlange. „Virales hämorrhagisches Fieber!“, sagt Lehmann. „Man stirbt an inneren Blutungen. Wenn die Mutter schneller reagiert hätte, würde ihre Tochter wahrscheinlich noch leben.“

Norbert Lehmann erzählt die Geschichte in einem Straßenrestaurant in Rio de Janeiros größter Favela, dem Complexo da Maré. Auf wenigen Quadratkilometern leben hier 140 000 Menschen. Die Häuser sind dicht an dicht gebaut, die Gassen sind eng, die hygienischen Verhältnisse prekär. Das Durcheinander aus Menschen, Tieren und Waren weckt Assoziationen ans Mittelalter. Die Maré ist außerdem in der Hand von Drogengangs. Und so patroullieren hinter Lehmann Jugendliche mit Sturmgewehren über die Straße. Lehmann stört das nicht. Der 67-Jährige ist hier, um das Dengue-Fieber zu bekämpfen.

Die Viruserkrankung breitet sich in Rio vor allem während des Sommers von Dezember bis April aus. Allein in den ersten fünf Monaten 2013 infizierten sich laut Gesundheitsbehörden rund 180 000 Menschen im Bundesstaat Rio mit dem Virus, 28 von ihnen starben. In ganz Brasilien waren es 573, doppelt so viele wie 2012. Auch die Zahl der schweren Erkrankungsfälle steigt. „Besonders betroffen sind die Favelas“, sagt Lehmann. „Die Menschen wissen zu wenig über die Krankheit und ihre Überträger.“ Das sind zwei Stechmückenarten: Aedes aegypti, die Gelbfiebermücke, und Aedes albopictus, die Asiatische Tigermücke.

Etwa 2,5 Milliarden Menschen sind von Dengue bedroht

Norbert Lehmann war Zahnarzt in Karlsruhe. Vor knapp zehn Jahren wechselte er in den Ruhestand, reiste nach Brasilien und gründete den gemeinnützigen Verein Ireso, der in Rio Berufsausbildungs- und Gesundheitsprojekte finanziert. Für sein Zahnversicherungsmodell für arme Kinder bekam Ireso von Bundeskanzlerin Merkel 2010 den McKinsey-Innovationspreis.

Nun hat er ein Aufklärungsprojekt gegen Dengue ins Leben gerufen. „Das Fieber richtet enormen wirtschaftlichen Schaden an“, sagt er. „Dengue wird nicht umsonst Knochenbrecherfieber genannt, man liegt mindestens eine Woche flach.“ Viele brauchen lange, bis sie sich erholt haben. Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt, dass 2,5 Milliarden Menschen von Dengue bedroht sind. Die Zahl der jährlichen Dengue-Infektionen beträgt 400 Millionen, und die Seuche breitet sich weiter aus.

Die Symptome gleichen zunächst einer Grippe: hohes Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen. Viele Patienten können sich kaum noch bewegen, manche haben Hautausschlag. In der Regel klingt die Erkrankung aber nach etwa einer Woche ab. Danach ist man gegen einen der fünf Serotypen lebenslang immun. Trotzdem kann man sich weiter mit den anderen Serotypen anstecken.

Kommen innere Blutungen dazu, muss man sofort ins Krankenhaus

Manche trifft es ungleich härter, sie erleiden innere Blutungen (hämorrhagisches Denguefieber). Statt der erhofften Besserung verschlechtert sich ihr Zustand dramatisch: Unruhe, Angst, kalter Schweiß und Herzrasen steigern sich zum Schock (Dengue-Schocksyndrom). Durch eine fehlgesteuerte Immunreaktion werden bei ihnen nicht nur infizierte, sondern auch gesunde Zellen zerstört. Die Blutgefäße werden durchlässig, Flüssigkeit und später auch Blutkörperchen sickern in Gewebe und Körperhöhlen. Der Blutdruck fällt. Lunge, Leber, Nieren und Darm werden schlecht durchblutet, später auch Herz und Hirn. Unbehandelt führt das meist zum Tod.

Sofort ein Krankenhaus aufzusuchen, kann dagegen lebensrettend sein. „Das wissen viele Menschen in der Maré nicht“, sagt Lehmann. Zwar unterscheiden die Stechmücken nicht zwischen Reich und Arm. In den wohlhabenden Gegenden der Stadt richtet Dengue allerdings weniger Schaden an, denn die Reichen sind informierter und haben besseren Zugang zum Gesundheitssystem.

Mit 75 000 Euro Spenden klärt deshalb Ireso nun drei Jahre lang in der Maré auf. Lokaler Träger ist die Nichtregierungsorganisation Redes da Maré. Sie hat rund 20 Jugendliche aus dem Armenviertel ausgesucht und sie als „Little Dengue Docs“ mit 450 Fragebögen durch die Maré geschickt, um herauszufinden, was die Menschen über Dengue wissen. Die Hälfte hatte keine Ahnung. „Manche glauben, man könne sich über die Luft oder verdorbenes Essen anstecken“, sagt der 16-jährige Lucas Oliveira.

Die Larven der Stechmücken können überall schlüpfen

Es ist Freitagmittag und die Jugendlichen gehen von Haus zu Haus, tragen gelbe T-Shirts mit dem Spruch „Xô Dengue!“ – „Dengue, hau ab!“ Oliveira erklärt, dass die anspruchslosen Larven der Stechmücken überall schlüpften: „In Pfützen, weggeworfenen Getränkedosen, übergossenen Pflanzentöpfen.“ Er rät den Bewohnern, auf solche Seuchenherde zu achten und sie notfalls auszutrocknen, etwa mit Sand.

Die Jugendlichen werden von zwei Mikrobiologen betreut, die an Rios bundesstaatlicher Universität UFRJ forschen. „Der Kontakt ist für die Jugendlichen aus der Favela enorm wichtig“, sagt die Virologin Renata de Mendonça Campos von der UFRJ. „Das sind normalerweise zwei Welten.“ Das Projekt hat also auch eine soziale Komponente. „Die Jugendlichen übernehmen Verantwortung für ihre Gemeinde.“

Über die UFRJ ist auch das Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM) in Hamburg an dem Projekt beteiligt. Die Kooperation kam über einen Freund Lehmanns zustande, den Heidelberger Mückenexperten Norbert Becker. Ursprünglich waren die Tropenmediziner des BNITM vom Auswärtigen Amt beauftragt worden, die Biosicherheit in Brasilien zu verbessern. Die Bundesregierung hatte das Programm wegen der Fußball-WM 2014 und Olympischen Spielen 2016 initiiert. Es beinhaltet etwa Training im Umgang mit Gefahrstoffen und die Optimierung der Laborsicherheit. Zu weiteren Kooperationsländern zählen vom Terrorismus bedrohte Staaten wie Pakistan, Nigeria oder Ägypten.

Auch die Fußballnationalmannschaft sollte ihre Quartiere auf Risikoherde prüfen lassen

Das Projekt in Rio wird von Jonas Schmidt-Chanasit betreut. Der Laborarzt und Virologe vom Bernhard-Nocht-Institut ist gerade für eine Woche in der Stadt, hat Stechmückenfallen mitgebracht und Material zur Aufreinigung von Nukleinsäuren. Das ist wichtig, um das Erbgut des Dengue-Erregers zu identifizieren. Auch einen sogenannten Cycler, der die Viruserkennung in anderthalb Stunden ermöglicht, hat der 34-Jährige schon über den Atlantik transportiert. Das Verschicken wäre zu aufwendig, sagt er. Die Geräte würden im brasilianischen Zoll stecken bleiben.

Der Wissenschaftler erzählt, dass das Dengue-Virus nicht zu unterschätzen sei. „Das Virus verbreitet sich schnell, wird leicht übertragen und führt zu einer hohen Sterblichkeitsrate“, sagt Schmidt-Chanasit. Von der Ausrottung des Virus ist Brasilien weit entfernt, Dengue gehört hier zum Alltag. Im Freundeskreis hört man immer wieder von Fällen. Man stelle sich also eine Epidemie während der Fußball-WM vor: Götze, Lahm und Özil vor dem Finale mit Dengue-Fieber diagnostiziert. Oder eine Infektion von Usain Bolt während der Olympischen Spiele!

Um mehr über das Virus zu erfahren, stellt Schmidt-Chanasit an verschiedenen Stellen in Rio Stechmückenfallen auf. So will er mit den Kollegen von der UFRJ Risikogebiete identifizieren und außerdem die monatlichen Veränderungen in der Zusammensetzung der Stechmückenpopulation beobachten. Er meint, dass die deutsche Nationalmannschaft nächstes Jahr ihre jeweiligen Quartiere vor dem Einzug auf Risikoherde prüfen lassen müsse, etwa ob dort Bromelien wachsen, in deren Blättern sich häufig unbemerkt Wasser sammle.

Die Laborgeräte, die Schmidt-Chanasit mitgebracht hat, helfen auch dem Ireso-Projekt im Complexo da Maré. Während ihrer Tour sammeln die Jugendlichen Larven aus verschiedenen Pfützen, die später in der Universität auf Dengue-Viren analysiert werden. Ob das Ireso-Projekt Erfolg hat, soll wieder mit Fragebögen eruiert werden. Der 16-jährige Lucas Oliveira hofft, dass dann kein Bewohner der Favela mehr glaubt, dass Dengue durch Küssen übertragen werde.

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