Dritte Menschenart entdeckt : Die Schwester des Neandertalers

Ein dritter Urmensch lebte zeitgleich mit Neandertalern und modernen Menschen. Ein Teil seines Erbguts ist in den Bewohnern Papua-Neuguineas erhalten.

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Fund mit Biss. Dieser Backenzahn und ein Fingerknochen sind bisher die einzigen Überreste der Denisover. Foto: Nature
Fund mit Biss. Dieser Backenzahn und ein Fingerknochen sind bisher die einzigen Überreste der Denisover. Foto: Nature

Es war eine der wissenschaftlichen Sensationen dieses Jahres: Im März verkündeten Svante Pääbo und seine Kollegen vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, dass es vor 40 000 Jahren neben Neandertaler und modernem Menschen eine weitere Menschenart gab. Dem unbekannten Dritten kamen die Forscher allein durch einen winzigen Knochen auf die Spur.

2008 hatten Archäologen in der Denisovahöhle im Süden Sibiriens das Fragment eines Fingerknochens gefunden. Aus nur 30 Milligramm Knochenpulver entschlüsselten die Leipziger Wissenschaftler das komplette Erbgut der Mitochondrien, kleiner „Kraftwerke“, die die Zelle mit Energie versorgen. Die kurze Sequenz wies doppelt so viele Unterschiede zu ihrem menschlichen Pendant auf, wie die des Neandertalers. Das reichte den Forschern für einen überraschenden Schluss: Der Knochen gehörte höchstwahrscheinlich zu einer neuen Menschengruppe, die sich noch vor den Neandertalern von unseren Vorfahren abspaltete. Ein neuer Ast war am menschlichen Stammbaum gewachsen.

Nun haben die Forscher auch das weitaus größere Erbgut im Zellkern entschlüsselt und müssen ihre Einschätzung ein wenig revidieren. „Das Kerngenom zeigt uns, dass der Denisovamensch doch einen gemeinsamen Ursprung mit den Neandertalern hatte, aber weit in der Vergangenheit“, sagt Pääbo. Offenbar handele es sich um eine Schwesterart der Neandertaler, schreiben die Wissenschaftler im Fachblatt „Nature“ (Band 468, Seite 1053). In Anlehnung an die Neandertaler sprechen sie nun von den Denisovern.

Auf eine frühe Trennung von den Neandertalern deutet auch ein Backenzahn hin, der bereits im Jahr 2000 in der Denisovahöhle gefunden wurde. Mit 50 Milligramm Knochenstaub aus der Zahnwurzel konnten die Forscher beweisen, dass es sich ebenfalls um die Überreste eines Denisovers handelt. Der Zahn ist größer als der von Neandertalern, eher ähnelt er den Zähnen von frühen Menschenformen wie Homo erectus. Für die Forscher ein Zeichen, dass die Denisover sich schon vor 300 000 Jahren von den Neandertalern getrennt haben könnten.

Wer die Denisover genau waren, wie sie aussahen und wo sie, außer in Sibirien, noch lebten, bleibt weitgehend unklar. Dafür haben Pääbo und seine Kollegen ihre Beziehung zum Menschen genau unter die Lupe genommen und eine interessante Entdeckung gemacht: Ein Vergleich der Denisova-Sequenz mit dem Erbgut von 938 Menschen aus 53 Bevölkerungsgruppen ergab, dass lediglich die Einwohner Papua-Neuguineas in ihrem Erbgut Spuren von einer Vermischung mit dem neu entdeckten Urmenschen tragen. Fast fünf Prozent ihres Erbgutes stammen demnach von den mysteriösen Schwestern der Neandertaler. „Dass wir diesen Beitrag in Melanesien finden, aber nicht in Thailand oder der Mongolei, die viel näher am Fundort liegen, deutet daraufhin, dass die Denisover einmal viel weiter verbreitet waren“, glaubt Pääbo.

Die Entdeckung zeigt, wie sehr sich in diesem Jahr unsere Vorstellung von der Evolution des Menschen geändert hat. Seit den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts streiten Anthropologen, darüber, wie der moderne Mensch die Welt eroberte. Klar ist, dass bereits Homo erectus vor etwa zwei Millionen Jahren aus Afrika auswanderte und sich in verschiedenen Teilen der Welt niederließ und dass ihm vor einer halben Million Jahre die Vorfahren der Neandertaler folgten. Aber was geschah danach? Entwickelte sich der moderne Mensch nur einmal in Afrika und verdrängte dann, nachdem er vor 60 000 Jahren Afrika verließ, auf dem ganzen Globus andere Populationen von Urmenschen? Oder trafen unsere Vorfahren an zahlreichen Orten auf andere Menschengruppen, Überreste der früheren Auswanderungswellen, mit denen sie sich dann fortpflanzten?

Bis vor Kurzem schien alles auf ein klares Szenario der Verdrängung hinzudeuten. Doch in diesem Jahr sind nun gleich zwei wichtige Ausnahmen entdeckt worden. Erst ergab die Analyse des Erbguts des Neandertalers (ebenfalls von Pääbo und Kollegen), dass alle Menschen mit nicht-afrikanischer Herkunft auch ein wenig Neandertaler-DNA in sich tragen. Und nun kommt die Erkenntnis hinzu, dass zumindest Neuguineer ein wenig Denisova-DNS in sich tragen.

Das einfachste Szenario ist nun: Der moderne Mensch verließ Afrika vor 50 000 bis 60 000 Jahren und stieß im Nahen Osten auf die Neandertaler. Was immer dort passierte, offenbar gab es auch gemeinsame Kinder von Neandertalern und modernen Menschen, sodass heute alle Nachfahren dieser Auswanderer ein wenig Neandertalererbgut in sich tragen. Bei der weiteren Ausbreitung in Richtung Osten traf der moderne Mensch dann offenbar auf die Denisover, mit denen er sich ebenfalls fortpflanzte, zumindest die Vorfahren der Menschen, die vor 45 000 Jahren in Richtung Papua-Neuguinea aufbrachen. Ein weitaus komplexeres Bild als bisher gedacht. Und das sind nur die Ereignisse, die wir kennen. Die Menschenfamilie wird immer größer, unser Erbgut erweist sich als Patchwork.

„Ich hoffe trotzdem, dass diese Erkenntnisse letztlich zu einem einfacheren Bild führen“, sagt Pääbo. Schließlich gebe es in China und Indien noch viele Überreste von Urmenschen, die niemand richtig zuordnen könne. „Vielleicht sind das Denisovaner gewesen.“ Oder der Neandertaler hatte noch mehr Geschwister.

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