Falsche Fakten über die Griechenland-Krise : Die Mär der toten Babys

Durch die Finanz- und Wirtschaftskrise sterben in Griechenland mehr Säuglinge, behaupten Ökonomen in einem offenen Brief an die Bundeskanzlerin. Doch das ist falsch.

Philipp Hummel
Die Krise in Griechenland bringt für die Menschen viele Probleme mit sich, auch in der Gesundheitsversorgung. Doch die Säuglingssterblichkeit hat sich durch die Krise nicht, wie behauptet, erhöht.
Die Krise in Griechenland bringt für die Menschen viele Probleme mit sich, auch in der Gesundheitsversorgung. Doch die...Foto: imago/Haytham Pictures

In einem offenen Brief hat eine Gruppe von Ökonomen um den Wirtschaftsprofessor der Paris School of Economics, Thomas Piketty die Bundeskanzlerin Angela Merkel aufgefordert, die Sparpolitik zu beenden. Garniert war der Appell, den auch der Tagesspiegel veröffentlicht hat, mit Beschreibungen der drastischen Lage der griechischen Bevölkerung. So sei die Säuglingssterblichkeit während der Krise enorm gestiegen. Eine Behauptung, die seit gut einem Jahr durch die Medien geistert. Das Problem: Sie ist falsch.

Drei bis vier von tausend Babys sterben in Griechenland

Als Säuglingssterblichkeit bezeichnet man den Anteil der Kinder, die sterben, bevor sie ein Jahr alt werden, bezogen auf 1000 Geburten. Nach Angaben der Statistik-Behörde Eurostat lag diese Zahl in Griechenland 2013 bei 3,7 und damit im Durchschnitt aller EU-Staaten. In Zypern lag sie mit 1,6 sehr niedrig, in Frankreich und den Niederlanden mit 3,6 und 3,8 leicht über beziehungsweise unter der von Griechenland. In Deutschland starben mit 3,3 Neugeborenen pro 1000 Geburten etwas weniger Säuglinge.
Beim Euro-Mitglied Slowakei war die Säuglingssterblichkeit mit 5,5 etwa 1,5 Mal so hoch wie in Griechenland. Ganz vorne in dieser traurigen Statistik finden sich in Europa die Türkei und Aserbaidschan. Dort liegt die Zahl bei 10,8 und damit drei Mal so hoch wie in Griechenland. In Sierra Leone, einem der ärmsten Länder der Welt, ist die Säuglingssterblichkeit laut Weltbank noch einmal zehnfach so hoch, bei 107.

Kein Unterschied zwischen der Sterblichkeitsrate von 2005 und 2010

Der Vorwurf der Ökonomen um Piketty bezieht sich allerdings nicht auf das absolute Niveau der Säuglingssterblichkeit in Griechenland, sondern auf ihre Entwicklung. Die Sterblichkeit habe in der Krise enorm zugenommen. Doch auch diese Behauptung lässt sich nicht halten.

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