Folgen der Bologna-Reform : Unimitarbeiter sehen sich unter Druck

Die Einführung von Bachelor und Master bedeutete nicht nur für viele Studierende mehr Prüfungsstress. Auch Wissenschaftler an den Hochschulen sehen sich unter Druck, wie jetzt eine Umfrage der GEW zeigt.

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In einem Hörsaal sitzen Studierende, vorne steht ein Hochschullehrer.
Große Bandbreite. Mehr Studierende an den Unis bedeuten eine heterogenere Zusammensetzung. Viele Hochschullehrer beklagen, dass...Foto: dpa

Die Stimmung beim Hochschulpersonal ist nicht gut. Fast die Hälfte der wissenschaftlichen Mitarbeiter, Lehrbeauftragten und Professoren geben an, dass sich ihre Arbeitsbedingungen seit dem Beginn ihrer Karriere verschlechtert haben. Als belastend empfinden sie etwa den steigenden Verwaltungsaufwand, Veränderungen in der Studierendenschaft und den Zwang, mehr und mehr Drittmittel einzuwerben. Das geht aus einer Studie im Auftrag der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hervor, die am Donnerstag in Berlin vorgestellt wurde.

Die Autorinnen Franziska Leischner (Humboldt-Universität) und Julia Rüthemann (Universität Mannheim) haben rund 1100 Wissenschaftler befragt, die über einen E-Mail-Verteiler von GEW-Mitgliedern und -Interessierten angeschrieben wurden. Mehrheitlich handelt es sich um wissenschaftliche Mitarbeiter mit und ohne Promotion (82,5 Prozent), aber auch um Professoren (zehn Prozent) und Lehrbeauftragte (7,5 Prozent). Die Umfrage und zusätzliche Einzelinterviews sind der deutsche Beitrag zu einer groß angelegten Untersuchung der europäischen Bildungsgewerkschaften, die sie beim Bologna-Gipfel der Bildungsminister in Jerewan (Armenien) am 14./15. Mai vorlegen wollen.

Mehr Arbeitsaufwand seit der Bologna-Reform

Der Fokus der Befragungen ist denn auch, inwiefern der europäische Hochschulraum ein „förderliches Arbeitsumfeld“ bietet, wie es seit 2010 offizielles Ziel des Bologna-Prozesses ist. Einen größeren Teil ihrer Belastungen führen die in Deutschland Befragten tatsächlich auf die Einführung der gestuften Studiengänge zurück. So geben 54 Prozent an, ihr Arbeitsaufwand habe sich durch die Anforderungen des Bologna-Prozesses erhöht. Beklagt wird etwa ein gestiegener Verwaltungsaufwand – aktuell beziffern ihn sowohl wissenschaftliche Mitarbeiter mit Promotion als auch Professoren auf 16 beziehungsweise 17 Prozent ihrer Arbeitszeit. Aufwendig seien etwa die höhere Zahl von Prüfungen und die entsprechenden Rückmeldungen an die Studierenden.

Mehrarbeit bringt auch der Zustrom von Studienanfängern und eine zunehmend heterogene Studierendenschaft mit sich: Knapp 40 Prozent sagen, die Diversität habe zugenommen, 53 Prozent geben an, sie würden aufgrund von Defiziten der Studierenden mehr Zeit als gewollt mit der Vermittlung grundlegender Fähigkeiten verbringen.

Wissenschaftsmanager sollen die Wissenschaftler entlasten

Die GEW kritisiert, dass man wissenschaftliche Mitarbeiter, Lehrbeauftragte und Professoren trotz der Selbstverpflichtung der Staaten bei der Bologna-Reform weitgehend vergessen habe. Ihre Arbeitsbedingungen seien keineswegs „förderlich“, sagte der stellvertretende GEW-Vorsitzende Andreas Keller. „Sie müssen von den zusätzlichen Aufgaben, die sie seit der Bologna-Reform zu schultern haben, entlastet werden.“ Dem Personal in Forschung und Lehre sollten Wissenschaftsmanager zur Seite gestellt werden. Notwendig seien auch Fort- und Weiterbildungsangebote in der Hochschuldidaktik, um neue Lehr- und Lernmethoden zu entwickeln. Für eine bessere Betreuung der Studierenden würden zudem mehr Dauerstellen gebraucht – bei den Professuren, aber auch im akademischen Mittelbau.

Hoher Druck, Drittmittel einzuwerben und zu publizieren

Doch nicht nur die Bologna-Reform macht dem Unipersonal zu schaffen. Neben dem in Deutschland besonders hohen Anteil befristeter Stellen und mangelnden Karriereperspektiven wirkt die Jagd nach Projektgeldern belastend. 78 Prozent sagen, der Druck, Drittmittel einzuwerben, habe seit ihrer ersten Einstellung zugenommen. Das gilt auch für Publikationen in international renommierten Zeitschriften, hier fühlen sich 74 Prozent zunehmend unter Druck.

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