Gestalten - Schneidern : Mode in Zeiten der Globalisierung

Wie kann Kleidung fairer hergestellt werden? Ein Projekt mit der weißensee kunsthochschule berlin und dem Goethe-Institut.

Marianne Karthäuser
Volle Farbenpracht. Die Modedesignerin Madhuree Smrity aus Dhaka lernt bei der Kooperative „Living Blue“ in Rangpur, wie man mit Indigo färben kann.
Volle Farbenpracht. Die Modedesignerin Madhuree Smrity aus Dhaka lernt bei der Kooperative „Living Blue“ in Rangpur, wie man mit...Foto: Heike Selmer

Wie ist es möglich, dass heute T-Shirts für 2,50 Euro verkauft werden können? Ein jüngst beim Filmfestival in Cannes vorgestellter Dokumentarfilm gibt darauf Antworten. In „The True Cost“ zeigt Regisseur Andrew Morgan, wie Mensch und Umwelt in Bangladesch von der Modeindustrie ausgebeutet werden.

In Zeiten der Globalisierung stellen sich Modedesigner immer öfter Gewissensfragen. Die Frage, welchen Beitrag Designer zu mehr Fairness in der Modebranche leisten können, lässt auch die Professorinnen Valeska Schmidt-Thomsen (UdK Berlin) und Heike Selmer (weißensee kunsthochschule berlin) nicht los. Die beiden Modedesignerinnen konzipierten gemeinsam mit dem Goethe-Institut in Bangladesch das Projekt „Local-International“, das Perspektiven für eine nachhaltige Modeindustrie entwickelt.

Zunächst sind sie der Einladung des Goethe-Instituts mit Skepsis gefolgt. „Was kann ein Workshop denn ausrichten? Haben die nicht größere Probleme?“, sei ihnen durch den Kopf gegangen, als sie sich auf den Weg nach Dhaka machten. Tatsächlich geht es in dem Projekt jedoch um mehr als Mode. Die Textilindustrie beeinflusst die ökologische und soziale Gerechtigkeit weltweit. Dass es sich heute fast jeder leisten kann, mehrmals in der Saison neue Kleider zu kaufen, hat verheerende Folgen, wie der Film „The True Cost“ zeigt. Um 400 Prozent ist der Verbrauch an Kleidung in den vergangenen 20 Jahren demnach angestiegen.

Wie können Modedesigner darauf reagieren? Aus ihren Besuchen von Modeschulen und Fabriken vor Ort ergaben sich für Heike Selmer und Valeska Schmidt-Thomsen schnell Fragestellungen, die für Designer aus Berlin wie Bangladesch interessant sind. Seit Herbst vergangenen Jahres reisen Alumni von Modeschulen aus Bangladesch nach Berlin und umgekehrt. Seitdem sind viele Ideen entstanden, die nun im Rahmen einer Ausstellung zu sehen sind.

Die Produktion von Mode verschlingt große Ressourcen

Gezeigt werden etwa Lösungsansätze, die innovativ mit Recyclingmethoden umgehen. Den Designer Stefan Webelhorst beeindruckte besonders, dass in Bangladesch fast alle Materialien wiederverwertet werden – allerdings nicht in großen Recyclinganlagen, sondern in Heimarbeit. Inspiriert durch diese Erfahrung hat er neue Materialien aus Kleidungsabfall hergestellt. Ein anderer Teilnehmer, Shamsad Hasnine, hat eine Sandalenkollektion aus recyceltem Leder und gebrauchten Fahrradschläuchen entwickelt, die Kunden mieten können.

Die Produktion von Mode verschlingt große Ressourcen und so stellt sich auch im direkten Umgang mit den Textilien die Frage der Nachhaltigkeit. Natascha von Hirschhausen, Elke Fiebig und Iftekhar Rahman haben daher Zero Waste Kollektionen entwickelt. Während bei der industriellen Herstellung bis zu 30 Prozent Materialabfall entsteht, nutzen diese Schnitte die Stoffbahnen optimal aus.

Viele junge Bangladescher stört das Image als Billigmodeland. Denn die Mode als wichtiger Wirtschaftszweig birgt auch Chancen. Eine neue Generation von Modedesignern empfindet eine Aufbruchsstimmung und spürt, dass sich viel im Land verändern wird. Und als Modedesigner mit internationaler Ausrichtung kann man viel bewirken.

Nachhaltigkeit ist wichtig für global tätige Designer

Valeska Schmidt-Thomsen will jüngere Kollegen ermutigen, sich für ihre eigene Position einzusetzen – denn der Status von Designern innerhalb der Modebranche habe sich in den vergangenen Jahren verschlechtert: „Wenn in den 90ern ein Designer eines großen Modehauses gesagt hätte, wir arbeiten ab jetzt nur noch nachhaltig, dann wäre das wahrscheinlich umgesetzt worden. Die Strukturen sind aber heute nicht mehr so, das ist das Problem.“

Einig ist man sich in Bangladesch und auch in Berlin: Der Modemarkt muss sich verändern. Doch für einen derartigen Umschwung braucht es Designer, die selbstbewusst auftreten und ihren Gestaltungsspielraum nutzen, sagt Heike Selmer: „Im Marketing geht es zu oft nur um Zahlen, nicht um weiche Faktoren, die nicht mit Zahlen ausgedrückt werden können, wie Zufriedenheit, soziale Verantwortung, Schönheit oder Nachhaltigkeit."

Der Modemarkt, für den Designer ausgebildet werden, ist ein globaler, zukunftsträchtiger Markt. Auch das soll das Projekt vermitteln: Vernetzt euch und schaut über den Tellerrand! Schnell war klar, dass man weiter zusammen arbeiten will. So treffen ab dem Wintersemester Studierende aus Berlin mit Studierenden aus Dhaka zusammen. Auch das Team hat sich vergrößert: Der Designer Philipp Rupp betreut das Projekt mit, das nun auch im Lehrplan der renommierten BUFT-Hochschule in Dhaka verankert ist. Marianne Karthäuser

Die Ausstellung Local-International ist während des Rundgangs bei designtransfer (Einsteinufer 43) zu sehen. Mehr Infos unter www.local-international.org. Das Institut für experimentelles Bekleidungs- und Textildesign veranstaltet im Rahmen des Rundgangs erstmalig ein Fashion Festival im 3D-Haus der UdK in der Straße des 17. Juni 118. Infos unter www.design.udk-berlin.de

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