Grüner Tee : Grün ist die Hoffnung

Grüner Tee gilt als heilsam. Manche behaupten sogar, er helfe gegen Alzheimer und Multiple Sklerose. Jetzt gehen Forscher der Legende vom Gesundheitstrunk auf den Grund.

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Grüner Tee.
Grüner Tee.Foto: dpa

Sanft wiegt sich der jadegrün, bisweilen auch goldgelb funkelnde Spiegel in der Tasse und lädt zum Genuss des frisch gebrühten Getränks ein. Grüner Tee entfaltet ein Aroma, das je nach Sorte und Zubereitung von süßlich-blumig über frisch-grasig bis herb-rauchig reicht. Andere erinnert es eher an Heu oder Fisch. Dafür aber erweckt grüner Tee Körper und Geist zu neuem Leben, so jedenfalls steht es in alten Aufzeichnungen. Diese berichten, dass der chinesische Kaiser Shen-Nung, der in seinem Heimatland auch als Vater der Heilkunde verehrt wird, die Kraft des grünen Tees vor mehr als 4000 Jahren erkannte, als er sich von seinen Geschäften ermattet im Garten seines Palastes mit einer Tasse Wasser niederließ. Der Wind wehte ein Blatt des Teestrauchs in seine Tasse und verlieh dem Wasser eine intensive grüne Färbung. Neugierig probierte der Herrscher das Getränk und fühlte sich schon wenig später wunderbar erfrischt und munter. Die Geburt der Legende vom Gesundheitstrunk.

Nicht nur am Geschmack scheiden sich die Geister. Die Industrie bewirbt grünen Tee erfolgreich als Getränk, das Wohlbefinden steigern, gegen Stress und Alltagswehwehchen und auch gegen ernsthafte Erkrankungen wirken soll und beruft sich dabei sogar auf die Wissenschaft. Tatsächlich kommen Untersuchungen übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass der Konsum von grünem Tee die Sterblichkeitsrate senkt. „Es gibt aber leider nur sehr wenige Studien, welche die gesundheitlichen Wirkungen von grünem Tee bei einer ausreichenden Zahl von Menschen untersucht haben“, sagt Susann Klaus vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam. Und diese wurden alle in Asien gemacht.

Beeindruckende Ergebnisse lieferte etwa die größte epidemiologische Studie an über 40 000 Japanern. Die 2006 veröffentlichte Langzeituntersuchung ergab, dass bei Menschen, die ihr Leben lang mindestens fünf Tassen grünen Tee am Tag tranken, die Sterblichkeit um insgesamt 16 Prozent niedriger war als bei jenen Menschen, die nur eine Tasse grünen Tee tranken. Die Sterblichkeit durch Herzkreislauferkrankungen sank gar um 26 Prozent. „Unklar ist, welchen Einfluss Ernährung und Lebensstil haben. Deshalb ist fraglich, ob die ausschließlich an Asiaten durchgeführten Untersuchungen auf Europäer übertragbar sind“, warnt Klaus. Offen sei auch, welche Auswirkungen das Zusammenspiel der zahlreichen Inhaltsstoffe von grünem Tee auf den Organismus haben.

Was ist also dran an den Versprechen? Diese Frage stellten sich kürzlich auch Wissenschaftler beim vierten Weltkongress über Tee und Gesundheit in Berlin. Im Brennpunkt des Interesses steht ein Stoff, der in den getrockneten Blättern des grünen Tees besonders reich enthalten ist: Epigallocatechin-3-Gallat, kurz EGCG. Der Naturstoff hat sich vor allem in Experimenten mit Zellkulturen als „heißer Kandidat“ herauskristallisiert. Ihm werden entzündungshemmende Eigenschaften zugesprochen, er soll zellschädigende Sauerstoffmoleküle abfangen, die etwa beim Rauchen entstehen, Viren und Bakterien abtöten, Nervenzellen vor dem Verfall schützen und Tumoren den Garaus machen, ein medizinischer Tausendsassa.

Über 100 klinische Studien untersuchen derzeit seine Wirkung, darunter gegen Erkrankungen der Nervensystems, Brust-, Darm- und Lungenkrebs, Übergewicht und Herz-Kreislaufleiden, berichtet der Neurologe Professor Friedemann Paul von der Berliner Charité. Doch nur selten könnten die Studien für mehr Transparenz sorgen, denn sie seien schwer vergleichbar: „Die dabei eingesetzten Präparate sind nicht standardisiert. Es gibt Teeaufgüsse und Kapseln, die unterschiedliche Konzentrationen von EGCG enthalten und zum Teil mit Zusatzstoffen, wie etwa Koffein, angereichert sind. Das erschwert eine Bewertung der Ergebnisse. So gibt es keine klaren Aussagen über die Bioverfügbarkeit der Substanz und auch keine klaren Aussagen darüber, wie viel von der Substanz gegeben werden muss, um eine positive Wirkung zu erzielen.“

Mit vier klinischen Studien, welche die Wirkung von EGCG zur Behandlung von Multipler Sklerose, Alzheimer und krankhaftem Muskelabbau vom Typ Duchenne untersuchen, gehen die Berliner Forscher der Sache nun auf den Grund. Dabei werden die Patienten per Zufallsauswahl in zwei Gruppen aufgeteilt. Alle Teilnehmer nehmen täglich eine Kapsel ein. Doch nur eine Gruppe erhält damit den Wirkstoff EGCG. Die anderen Kapseln sind ohne Wirkstoff. Weder der verabreichende Arzt noch die Patienten wissen, zu welcher Gruppe jeder Proband gehört. Mit Ergebnissen der aufwendigen Studie ist frühestens Ende 2012 zu rechnen.

Den Anstoß zu den Studien hatten ermutigende Ergebnisse von Forschern am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Berlin-Buch gegeben. 2006 hatten Erich Wanker und Kollegen in Laborversuchen die schützende Wirkung von EGCG bei Chorea Huntington entdeckt. Die Wissenschaftler hatten die Substanz mit Nervenzellen in Kontakt gebracht, die aufgrund eines genetischen Defekts ein fehlerhaftes Protein, das sogenannte Huntingtin, bilden und schließlich an dem giftigen Eiweißmüll ersticken. Beim Menschen führt das zu einer tödlich verlaufenden Krankheit, die mit bizarren Bewegungen und schweren Schüttelkrämpfen einhergeht. Im Reagenzglas jedoch konnte EGCG die Entartung der Nervenzellen aufhalten, indem es bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt die Verklumpung des falsch gefalteten Proteins bremst. Auch im Tiermodell zeigte die Substanz Wirkung. Bei Fliegen, welche das Gen mit der fehlerhaften Bauanweisung für das Huntingtin-Eiweiß tragen, verbesserte sich die Beweglichkeit, als die Forscher sie mit der Substanz aus dem grünen Tee fütterten.

Die überraschenden Befunde lösten eine Lawine neuer Forschungsarbeiten aus. Schlummerten in dem Naturstoff weitere verborgene Talente? „Die Substanz könnte Grundlage für die Entwicklung einer medikamentösen Therapie gegen Chorea Huntington und ähnliche Krankheiten sein. Denn die Ursachen der Huntington-, Alzheimer- und Parkinsonerkrankung sind vergleichbar: ein falsch gefaltetes Protein“, gab sich Wanker seinerzeit überzeugt. Er sollte recht behalten.

Schon wenig später konnte seine Arbeitsgruppe nachweisen, dass EGCG die Protein-Fehlfaltungsprozesse auch bei Parkinson und Alzheimer beeinflusst. Im Mausmodell zeigte der Naturstoff positive Wirkung, indem er die für Alzheimer typische Bildung von krankhaften Eiweißklumpen in den Nervenzellen verhinderte. Die Forscher konnten auch klären, wie EGCG in den Mechanismus eingreift. Die Substanz bindet zunächst an die giftigen, faserigen Eiweißablagerungen und wandelt diese dann in harmlose, kleine Eiweißkügelchen um. Diese können die Nervenzellen abbauen. Vereinfacht ausgedrückt, leistet der Wirkstoff kranken Nervenzellen Hilfe zur Selbsthilfe. Noch aber wissen die Forscher nicht, was sich dabei auf molekularer Ebene abspielt. „Wir versuchen jetzt mit Strukturbiologen den Wirkmechanismus von EGCG im Detail bei verschiedenen neurodegenerativen Erkrankungen aufzuklären. Das liefert uns hoffentlich Anhaltspunkte, wie ein Medikament wirken kann“, sagte Wanker auf der Berliner Tagung.

Nicht immer entpuppt sich der Wirkstoff aus dem grünen Tee als Retter aus der Not. Zwar hat EGCG in Tierexperimenten nachweisbare Effekte gegen einige Krebsformen gezeigt, darunter Leukämie, Prostata-, Brust und Darmkrebs, indem es die Immunabwehr stimuliert. Und in einigen Fällen konnte der Wirkstoff das Tumorwachstum aufhalten, weil er das blockierte Programm für den programmierten Zelltod wieder aktivierte. Die Deutsche Krebshilfe hofft deshalb auf den Stoff und finanziert unter anderem eine große Studie zum Schutz vor Darmkrebs. Doch könnte es auch Fälle geben, in denen sich die schützende Wirkung in ihr Gegenteil verkehrt.

Inzwischen haben Forscher Hinweise darauf, dass EGCG die Chemotherapie behindert, wenn dabei der Antikörper Bortezumib zum Einsatz kommt. Den Schluss zieht die Gruppe um Axel Schönthal von der Keck School of Medicine in Los Angeles aus Versuchen an tumorkranken Mäusen und Experimenten mit Zellkulturen. Beim Menschen wird Bortezumib zur Behandlung des multiplen Myeloms, einer Krebserkrankung des Knochenmarks eingesetzt. Wie die Experimente zeigten, bindet EGCG an einen Teil des Medikaments und blockiert so seine krebsabtötende Wirkung vollständig. Die Forscher gehen davon aus, dass davon auch Patienten betroffen sein könnten, die mit Bortezomib behandelt werden und raten diesen, lieber keinen grünen Tee zu trinken.

Solange die Effekte des grünen Tees nicht besser verstanden sind, rät der Neurologe Friedmann Paul auch von Selbstmedikation mit Grüntee-Extrakten, wie sie beispielsweise als Polyphenon E beworben werden, ab. „Damit wird nur Kasse gemacht und es kann zu erheblichen Nebenwirkungen kommen“, warnte er auf der Berliner Tagung. Dagegen könnten ein bis drei Liter grüner Tee pro Tag nicht schaden.

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