Hirnforschung : Paviane erkennen Wörter

Sinnlose Buchstabenfolgen von sinnvollen unterscheiden zu können, ist der erste Schritt zum Lesen. Doch dass Paviane in Versuchen französischer Forscher lesen können, heißt noch lange nicht, dass sie auch verstehen, was sie "lesen".

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Ist das ein Wort? Ein Pavian grübelt, wie er an seine Belohnung kommt.
Ist das ein Wort? Ein Pavian grübelt, wie er an seine Belohnung kommt.Foto: dapd/J. Fagot

Dan war eindeutig Klassenprimus. Gedruckte Wörter zu erkennen war für ihn ein leichtes Spiel. 308 konnte er aus einer Flut von 7832 Nonsens-Buchstabenfolgen herausfiltern, um an eine Belohnung zu kommen. Vio dagegen schaffte gerade mal 81. Auch diese Leistung ist erstaunlich. Denn Vio und Dan sind keine Schulkinder. Vielmehr sind es zwei von sechs Pavianen, die Forscher der Universität Aix-Marseille trainiert haben.

Die Studie im Fachjournal „Science“ macht aus Affen keine Bücherwürmer. Die Bedeutung der Wörter blieb den Pavianen verborgen. Doch sie korrigiert eine grundlegende Annahme über das Lesenlernen. Das Erkennen ganzer gedruckter Wörter – ein Schritt, der vom Buchstabieren zum flüssigen Lesen führt – ist demnach vom Sehen statt vom Hören geprägt und kommt ganz ohne Sprache aus.

Lesen ist keinem in die Wiege gelegt. Für diese relativ junge Erfindung in der Menschheitsgeschichte gibt es keinen vorgefertigten Hirnschaltkreis, den man nur anschalten müsste. Stattdessen wird wiederverwertet, was das Zeug hält: Hirnareale, die fürs Sehen, Hören, Sprachverstehen oder auch für motorische Fertigkeiten zuständig sind, spezialisieren sich und knüpfen neue Netze. Müheloses Lesen erfordert wahre Datenautobahnen, die jeder Einzelne erst bauen muss.

Doch wann wird welches Netzwerk im Gehirn umfunktioniert? Dass Buchstabieren vor allem mit dem Sehen zu tun hat, ist Forschern klar, seit Tauben bewiesen haben, dass auch sie Buchstaben unterscheiden können. Trotzdem blieb es bei dem Konsens, dass spätestens bei der Worterkennung die Sprache über das Hören hinzukommt. Auch wenn Hirnscans eine Aktivierung in visuellen Bereichen zeigten, linguistische Fertigkeiten seien für diesen Schritt unverzichtbar.

Das französische Team um Jonathan Grainger trat nun mit sechs Pavianen, denen niemand ein phonetisches Verständnis der englischen Sprache unterstellen würde, den Gegenbeweis an. Wann immer die Affen wollten, konnten sie in eine von zehn Kammern gehen, um sich eine Belohnung zu verdienen. Dazu mussten sie an einem Touchscreen zunächst ein Wort mit vier Buchstaben antippen und dann entscheiden, ob es sich um ein richtiges und trainiertes Wort wie „Kite“ (Drachen) handelte oder ob sie eine unsinnige Buchstabenfolge sahen. Dabei wurden Dan, Vio und die anderen nicht nur immer besser, bereits gelernte Wörter wiederzuerkennen. Sie konnten sogar vorhersagen, ob es ein neues Wort tatsächlich gab. Besser können das auch Menschenkinder nicht.

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