Interview : „Es gibt kein Naturgesetz, dass wir sterben müssen“

100 Jahre nach vorn gedacht: Der Physiker Michio Kaku über die Energie und den Verkehr der Zukunft – und das ewige Leben.

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Straßen – braucht keiner mehr. Wie die Welt im nächsten Jahrhundert aussieht, damit befassen sich meist Science-Fiction-Autoren oder Zeichner. Nun wagt auch der Physiker Michio Kaku eine Prognose, in seinem neuen Buch „Die Physik der Zukunft – Unser Leben in 100 Jahren“ (erschienen bei Rowohlt).
Straßen – braucht keiner mehr. Wie die Welt im nächsten Jahrhundert aussieht, damit befassen sich meist Science-Fiction-Autoren...Foto: mauritius images

Herr Kaku, angeblich haben die Science-Fiction-Figur „Flash Gordon“ und Albert Einstein Ihnen den Weg in die Zukunft gewiesen. Stimmt das?

Ja. Als Albert Einstein starb – ich war acht – hörte ich, dass er seine Einheitliche Feldtheorie nicht beenden konnte. Ich dachte, da könnte ich helfen und bin tatsächlich „Stringtheoretiker“ geworden. Jeden Samstag sah ich damals aber auch Flash Gordon im Fernsehen. Ihm konnte ich nicht nacheifern, da ich weder blond noch muskulös war. Aber ich erkannte bald, dass es eigentlich der Wissenschaftler Hans Zarkov war, der die Geschichte vorantrieb. Denn technische Wunderdinge wie das Sternenschiff waren ihm zu verdanken. Ich verstand, dass unsere Zukunft in der Wissenschaft liegt.

Aber auch Wissenschaft ist doch schwer vorhersagbar.

Wer Physik, Chemie und Biologie versteht, kennt den Rahmen, in dem sich die Zukunft abspielt. Ich habe mich für mein neues Buch nicht auf meine Intuitionen verlassen, sondern 300 führende Wissenschaftler interviewt, darunter mehrere Nobelpreisträger.

Michio Kaku (65) ist Professor für theoretische Physik an der City University von New York. Seine populärwissenschaftlichen Bücher machten ihn über die Fachwelt hinaus bekannt.
Michio Kaku (65) ist Professor für theoretische Physik an der City University von New York. Seine populärwissenschaftlichen Bücher...Foto: AFP

Worauf müssen wir uns denn in den nächsten 100 Jahren einstellen?

Wir nutzen Naturgesetze heute zu unserem Vorteil. Aber in hundert Jahren werden wir die Natur beherrschen – wie die Götter der Antike, wenn Sie so wollen. Wir werden in der Lage sein, Dinge mit reiner Gedankenkraft zu bewegen, dank Biotechnologie perfekte Körper schaffen, unsere Lebensspanne deutlich verlängern, Strom aus Kernfusion gewinnen, auf Magnetwolken schwebende Fahrzeuge nutzen und das Wetter kontrollieren.

Allerhand! Haben Sie irgendwelche Belege dafür?

All das wird heute bereits in Labors und Experimenten entwickelt. Was meinen Sie, wie die heutige Welt auf Menschen vor hundert Jahren gewirkt hätte?

Gehen Sie doch ein wenig ins Detail.

Computer werden nach wie vor eine große Rolle spielen. Mikrochips werden immer billiger, bald werden sie nicht mehr kosten als blankes Papier. Eine Folge ist, dass Computer und das Internet überall präsent sein werden, genauso wie die Elektrizität. Wände können sich so mithilfe intelligenter Tapeten in Bildschirme verwandeln, die uns erlauben, zu kommunizieren und an unseren Projekten zu arbeiten.

Dank der Cloud-Technik, mit der man an fast jedem Ort auf seine Daten zugreifen kann, ist das längst kein Hirngespinst mehr.

Ja, aber es geht weiter. Heute gibt es bereits Brillen mit integrierten Displays, die es erlauben, auf das Internet zuzugreifen und Informationen anzuzeigen, zum Beispiel das „Project Glass“ von Google. Der nächste Schritt sind Kontaktlinsen, die dieselbe Funktion haben. Sie werden uns vor Ort ermöglichen, das Forum Romanum zu sehen, wie es im alten Rom aussah. Ein Bildhauer kann eine Skulptur gestalten, ohne einen Meißel in die Hand zu nehmen. Die Welt wird also virtuell veränderbar.

Wie steuert man das?

Mit Gedanken. Bereits heute gibt es Experimente, die Menschen erlauben, mit dem Gehirn einen Cursor auf dem Bildschirm zu steuern. Das hilft Patienten, die am „Locked-in-Syndrom“ leiden. Und in Experimenten konnten Affen mit Gedankenkraft einen Roboterarm steuern. Auf Dauer wird Telekinese Wirklichkeit.

Werden wir selbstbewusste Roboter erleben?

Heute befinden sich Roboter geistig auf der Stufe von Würmern. In einigen Jahren erreichen sie vielleicht das Niveau einer Küchenschabe. Bis zu menschlicher Allround-Intelligenz ist es noch weit. Rechengeschwindigkeit ist nicht alles, das menschliche Gehirn ist völlig anders aufgebaut als ein digitaler Computer.

Wie können wir den Menschen über Kontaktlinsen hinaus verbessern?

Wir werden die Lebensspanne deutlich verlängern. Zum einen durch bessere medizinische Versorgung. Ihre Kleidung wird ständig lebenswichtige Funktionen überprüfen und im Fall eines Herzinfarkts sofort einen Arzt alarmieren. Frühmorgens hauchen Sie den Spiegel an – der Sie bei einer Infektion warnt. Zudem wird Sie zu Hause ein Gerät wie der „Tricorder“ aus der Serie „Star Wars“ täglich testen und Ihren Gesundheitszustand bewerten. So müssen Sie viel seltener zum Arzt.

Was ist mit Krebs? Werden wir den endlich besiegen?

Mit dem Krebs werden wir weiter leben müssen, denn er ist keine einheitliche, sondern ein Überbegriff für tausende Krankheiten. Aber er wird besser kontrollierbar. Eine große Rolle spielt dabei Früherkennung. Sie wird uns helfen, Krebs mithilfe von Toiletten ausfindig zu machen.

Krebsfrüherkennung mit Toiletten?

Medizintechniker am Bostoner Massachusetts General Hospital haben einen Chip entwickelt, der in einer Milliarde Zellen eine einzige Krebszelle ausfindig macht. Der lässt sich in eine Toilette integrieren. Reicht das nicht, werden uns „Smartbombs“ helfen: Nanopartikel, die gezielt Krebszellen zerstören.

Wir werden also alle hochbetagt sterben.

Oder dank Früherkennung, Stammzell- und Gentherapien und im Labor gezüchteter Organe unseren Alterungsprozess gänzlich einstellen.

Das heißt, wir werden unsterblich?

Sicher, warum nicht – es ist ja kein Naturgesetz, das besagt, dass wir sterben müssen. Noch ist das nicht möglich, aber unsere Enkelkinder können wahrscheinlich entscheiden, nach ihrem 30. Geburtstag nicht weiter zu altern.

Ist das auch Ihr Wunschtraum, nicht weiter zu altern?

Im Science-Fiction-Film „Zurück in die Zukunft“ gibt es ein Zitat des Erfinders Emmett Brown. Er sagt, er würde gerne „über seine Jahre hinaus leben.“ Mir war bereits als Kind klar, was ich aufgrund meiner durchschnittlichen Lebenserwartung alles verpassen würde. Es war deprimierend. Und deshalb würde ich gerne etwas länger als geplant hier bleiben.

Von Michio Kaku ist jetzt im Rowohlt-Verlag erschienen „Die Physik der Zukunft – Unser Leben in 100 Jahren“ (24,95 Euro).

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