Jura-Absolventen : Anwälte verzweifelt gesucht

15.08.2012 00:00 Uhrvon
Anwältin oder Richterin? Kanzleien werben auch mit geregelteren Arbeitszeiten. Foto: dpa
Anwältin oder Richterin? Kanzleien werben auch mit geregelteren Arbeitszeiten. - Foto: dpa

Großkanzleien gehen bei einem Wettbewerb auf Nachwuchssuche. Nebenbei versuchen die Anwaltsfirmen auch, ihren Ruf als Arbeitgeber zu verbessern - Karriere ist nicht mehr für alle Jura-Studierende wichtig.

In schwarzer Anwaltsrobe steht Kathrin Strübing im 32. Stock eines Amsterdamer Wolkenkratzers. Neben ihr Kommilitone Fabian Hohl. Die beiden sollen sich mit ihren Plädoyers in einem fiktiven Fall messen. Paragrafennummern und Gesetzeszitate fliegen durch den Raum. Souverän bewegen sich die zwei durch die Verästelungen des bürgerlichen Rechts. Anwälte sind sie aber noch nicht.

Kathrin, 29-jährige Rechtsreferendarin aus Leipzig, und Fabian, 24-jähriger Jurastudent aus Gießen, sind zwei von zehn Finalisten des „Best Graduates Law Game“, einem Wettbewerb für junge Juristen mit Bestnoten. Die Idee dazu hatte ein Student aus den Niederlanden.

Jetzt bietet seine Agentur auch deutschen Nachwuchsjuristen die Gelegenheit, gegeneinander anzutreten. Mit im Boot sind große Wirtschaftskanzleien. Die nutzen den Wettbewerb, um potenzielle Mitarbeiter kennenzulernen; der Kampf um die besten Juraabsolventen verschärft sich.

Die Juroren – Anwälte, Richter und Personaler – legen Wert darauf, dass die Kandidaten über den Tellerrand der Rechtswissenschaft blicken können. „Die Teilnehmer dieses Wettbewerbs sind nicht nur hervorragende Juristen. Sie wollen sich exponieren. Das ist bei uns absolut notwendig“, sagt der Wirtschaftsanwalt Oliver Socher. Beim sogenannten „Factfinding“ sollen Kathrin und Fabian über ein Projekt in einem fiktiven Unternehmen entscheiden. Die nötigen Informationen müssen sie einer Informandin entlocken. „Das ist Detektivarbeit“, sagt Kathrin.

Nachmittags steht Philosophie auf dem Programm. In Kurzvorträgen erklären die Kandidaten, welche Tugend sie für die wichtigste halten, um ein Unternehmen aus der Krise zu führen. Kathrin hat sich Toleranz ausgesucht. Sie beginnt mit einem Geständnis: „Wir müssen tolerant sein im täglichen Leben, zum Beispiel, wenn jemand so nervös ist, wie ich es jetzt bin.“ Ihre Ehrlichkeit kommt bei der Jury gut an.

Die Aufgaben des Wettbewerbs sind zugeschnitten auf die Fälle, die große Wirtschaftskanzleien bearbeiten. Mit hunderten Anwälten betreuen die Kanzleien Weltkonzerne, zum Beispiel bei Fusionen und Insolvenzen. „Dafür brauchen wir die besten Kandidaten. Aber nur etwa ein Zehntel aller Juraabsolventen erfüllt überhaupt unsere Anforderungen“, sagt der Kanzlei-Personalmanager Torsten Schneider. Anwalt Matthias Sonntag ergänzt, die Kanzleien befänden sich in einem „war for talents“ (Krieg um Talente). Den lassen sie sich einiges kosten. Jede Kanzlei vergibt Preise für den Kandidaten, der sie am meisten überzeugt hat. Zusätzlich zum Preisgeld der Organisatoren sind Reisen, Computer oder ein Motorroller ausgelobt. Nebenbei versuchen die Anwaltsfirmen auch, ihren Ruf als Arbeitgeber zu verbessern. „Dort sind doch 60-Stunden-Wochen die Regel“, sagt eine Studentin. Ralf Kurpat, Richter am Landgericht Bonn, bestätigt: „Für die Absolventen ist heute nicht mehr nur die Karriere wichtig. Sie wollen auch Sicherheit – viele werden dann lieber Richter.“

Mit flexiblen Arbeitszeitmodellen, Freizeitangeboten oder einem festen Feierabend versuchen Kanzleien, gegenzusteuern. Dennoch: „Wir sind Dienstleister, da können wir nicht immer selbst bestimmen, wann wir wie viel Arbeit erledigen“, sagt Anwalt Ernst-Markus Schuberth.

Kathrin sitzt inzwischen beim Abschlussdinner. Sie ist am Ende Achte geworden. Den großen Anwaltsfirmen will sie treu bleiben: „Ab Herbst mache ich eine Wahlstation in einer Wirtschaftskanzlei.“ Der Arbeitsvertrag ist schon unterschrieben.

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Unser/e Leser/in blinder meint zum Artikel: Besuch im Reichstag bleibt umständlich:
Da von den aktuell 620 Abgeordneten bei den Sitzungen sowieso nur 20% anwesend sind, bleiben fast fünfhundert Sitze unbelegt. Hier könnte man doch die wartenden Besucher nach der obligatorischen Einlasskontrolle "zwischenparken".
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