Katastrophenvorsorge : Land ohne Strom

Ein lang anhaltender Black-out wäre eine Katastrophe, darin sind sich Experten einig. Darum wollen Forscher und Behörden noch besser für den Notfall vorsorgen.

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Ohne Strom. Vor sieben Jahren brachen im Münsterland viele Leitungsmasten unter der Last von Wind und Eis zusammen.
Ohne Strom. Vor sieben Jahren brachen im Münsterland viele Leitungsmasten unter der Last von Wind und Eis zusammen.Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Seit Tagen ist der Strom weg. Häuser sind allenfalls von Kerzen erhellt, es gibt kein Bargeld und kein Benzin, weil die Pumpen an den Tankstellen streiken. In den Wohnungen stinkt es nach verfaulenden Nahrungsmitteln. Nachschub ist kaum zu bekommen, die Logistikketten zu den Supermärkten sind zusammengebrochen. Das Szenario ist Fiktion, aber wie sähe es aus, wenn dieser Fall tatsächlich eintritt?

Diese Frage stellen sich Katastrophenforscher und Behördenmitarbeiter, um Notfallpläne zu entwickeln und zu verbessern. Ein umfassender Stromausfall träfe die Gesellschaft besonders hart. Denn es geht nicht nur um die dunkle Wohnung, sondern um massive Einschränkungen der Mobilität, der Wasserversorgung, des Gesundheitswesens, wie Birgitta Sticher von der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht sagt. In einem Projekt arbeitete die Psychologin an der Frage, was die Region Berlin-Brandenburg erwartet, sollte hier tagelang der Strom wegbleiben. Kurz gesagt: das Chaos. „Die Notstromaggregate der großen Krankenhäuser würden höchstens 46 Stunden laufen, dann wäre der Sprit alle“, sagt sie. Zur gleichen Zeit müssten nach Ansicht von Seuchenschützern die Hochhaussiedlungen von Spandau bis Marzahn evakuiert werden, weil jenseits der dritten Etage die Wasserhähne und Toilettenspülungen trocken bleiben. Handy, Telefon, Fernsehen – nichts ginge. „Auf einen längeren Stromausfall sind wir nicht ausreichend vorbereitet“, sagt Sticher.

Das ist allerdings kompliziert: Niemand würde auf die Idee kommen, zu Übungszwecken den Strom abzuschalten. Selbst tagelangen Krisensimulationen, wie sie etwa das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe in Bonn (BBK) mit realen Entscheidungsträgern durchspielen lässt, fehlt das entscheidende Quäntchen Realität. Echte Black-outs, auf die sich die Forscher stützen können, waren hierzulande bisher – zum Glück – eher kurz. Dazu gehört ein weiträumiger Stromausfall im Münsterland im Jahr 2005. Das Fortschreiben von Erfahrungen aus kürzeren Ereignissen auf einen längeren Zeitraum ist jedoch schwierig. Darauf weist Thomas Petermann hin, ehemaliger Mitarbeiter im Büro für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag. „Viele Katastrophenhelfer sind Freiwillige – und wir wissen nicht, wie sie sich verhalten, wenn die Notsituation viele Tage dauert und irgendwann auch ihre Familien betroffen sind“, sagte er kürzlich bei einer Diskussion der Stiftung „Neue Verantwortung“ zu diesem Thema. Für solche Fälle können nur Beobachtungen aus dem Ausland herangezogen werden, etwa nach dem Hurrikan „Katrina“ oder dem Sturm „Sandy“.

Doch die lassen sich nur bedingt übertragen. Zum einen gibt es Mentalitätsunterschiede, auch im Umgang mit schwierigen Situationen. Zum anderen sind die Amerikaner häufiger mit dem Ausfall von Infrastruktur konfrontiert, können gewissermaßen üben. „Verwundbarkeitsparadox“, nennen Wissenschaftler das Phänomen: Eine Gesellschaft, die zuverlässig versorgt wird, ist im Ausnahmefall umso hilfloser. Gerade Deutschland, wo vieles funktioniert, ist dafür ein guter Kandidat.

Panik oder Plünderungen müsse man dennoch kaum befürchten, sagt die Psychologin Birgitta Sticher. „Während der Katastrophen überwiegen prosoziale Verhaltensweisen, auch bei Menschen, die sonst weniger hilfsbereit sind.“ Das ändere sich, wenn die Notlage vorüber ist und es beispielsweise um die Verteilung von Hilfsgütern gehe. „Vor allem in Gegenden, wo sich viele Menschen ohnehin benachteiligt fühlen, droht dann Gewalt“, sagt die Forscherin. Sie stützt sich auf Aussagen von Rettungskräften und Polizisten, die sie und ihre Kollegen für das Was-wäre-wenn-Szenario eines Stromausfalls in Berlin-Brandenburg befragt haben. Dort kommt es bereits heute immer wieder zu Eskalationen, wenn etwa ein Krankenwagen nicht so schnell kommt, berichteten die Rettungskräfte.

„Kommunikation ist ganz wichtig“, sagt die Psychologin. „Wenn Menschen darüber informiert werden, was passiert, was möglich und auch darüber, was nicht möglich ist, haben sie eher Verständnis.“ Aber gerade ein Stromausfall legt die Kommunikation lahm. Wie die Bevölkerung dennoch informiert werden kann, erforscht Sticher derzeit im Projekt „Katastrophenschutz-Leuchttürme“. Sie setzen auf Anlaufstellen wie Rathäuser oder Bürgerämter, die eine Notstromversorgung haben sowie Platz für eine Suppenküche, medizinische Hilfe und möglichst Verbindung zu einem einfachen Informationssystem der Krisenstäbe.

Neben der Frage nach den Auswirkungen eines großen Black-outs untersuchen Forscher auch, wie wahrscheinlich ein solcher Notfall ist. Kürzere Ausfälle könnten durchaus häufiger vorkommen, fürchten Experten. Weil das Stromnetz immer komplexer wird, seit zehntausende Wind- und Solaranlagen angeschlossen wurden. „Das Netz ist labiler, damit steigt die Gefahr für Ausfälle“, sagt Peter Lauwe vom BBK. „Lang anhaltende und großräumige Störungen, wie sie aus Sicht des Bevölkerungsschutzes bedrohlich sind, sind durch den Umbau des Energiesystems aber nicht zu erwarten.“ Das ist das Ergebnis eines aktuellen Forschungsprojektes. Es zeigte jedoch, dass eine Kombination von mehreren Einflüssen bisher zu wenig bedacht wird, berichtet Lauwe. Beispiel Münsterland: Im November 2005 vereisten bei nasskaltem Wetter die Strommasten, hinzu kam starker Wind, der die Leitungen heftig schwingen ließ. Viele Masten knickten um, die Stromversorgung konnte nur mit viel Aufwand wiederhergestellt werden.

„Wir müssen auch seltene Ereignisse besser berücksichtigen“, sagt Lauwe. So könnte ein Erdbeben mehrere Umspannwerke beschädigen und die Stromversorgung lahmlegen. Kommt noch ein Sturm hinzu, der Leitungen beschädigt, wird es kritisch. „Wir empfehlen den Netzbetreibern, die neuen Erkenntnisse in ihre Risiko-Managementpläne einzuarbeiten“, sagt er.

Im Gegensatz zu Frankreich, wo es ein Gesetz zum Schutz kritischer Infrastrukturen gibt, nach dem Betreiber per Erlass Änderungen vornehmen müssen, gibt es in Deutschland den „kooperativen Ansatz“. Dabei ist der Umfang gesetzlicher Vorschriften geringer und es wird mehr auf Empfehlungen gesetzt. Aus Lauwes Sicht ist dieser Weg der bessere, weil die Zusammenarbeit zwischen Behörden und Unternehmen weniger konfrontativ ist und letztlich bessere Ergebnisse bringt. „Man darf nicht vergessen, dass auch die Netzbetreiber daran interessiert sind, Ausfallzeiten so gering wie möglich zu halten“, sagt er.

Das Stromnetz ist allerdings nicht nur durch Naturereignisse bedroht. Es gilt ebenso als ein potenzielles Ziel für terroristische Anschläge.

Umfangreiche Informationen zur Notfallvorsorge gibt es beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe.

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