Kreativität : So werden Sie kreativer - 10 Tipps

Kreativität ist nicht nur etwas für Künstler und Genies, sondern in jedem Gehirn angelegt. Sie hervorzulocken, ist Handwerk – ganz und gar unabhängig vom Kuss einer kapriziösen Muse. Die zehn wirksamsten Strategien.

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Foto: Shutterstock, Umfärbung TSP

Kreativ – das ist man oder ist es nicht, so lautet ein Klischee. Demnach besteht die Welt aus den „Kreativen“ einerseits, den Künstlern und Genies. Auf der anderen Seite gibt es den ganzen Rest, uns, die „Nichtkreativen“. Aus dieser Sicht ist Kreativität eine Eigenschaft, die man entweder hat oder nicht, und wenn man sie nicht hat, tja, dann kann man es bleiben lassen mit der fantasiereichen Arbeit und lieber eine Karriere als Schweinezüchter anstreben.

So verbreitet diese Vorstellung sein mag, sie ist falsch. In den letzten Jahren offenbarten zahlreiche Untersuchungen, dass Kreativität in jedem Gehirn angelegt ist. Man muss sie jedoch hervorzulocken wissen. Ich habe die vergangenen zwei Jahre damit verbracht, Hunderte von Studien zum Thema auszuwerten, ich bin zu den Forschungslabors gepilgert, habe mit Kognitionspsychologen und Hirnforschern diskutiert, und habe einige der Experimente im Selbstversuch mitgemacht, um am eigenen Leib zu erleben, was wirkt und was nicht. Hier sind die zehn wichtigsten Strategien, die Ihren Geist anregen werden:

KONFRONTIEREN SIE IHR GEHIRN MIT ETWAS UNGEWÖHNLICHEM

Meine erste Station war das Virtual-Reality-Labor der Universität Nimwegen an der deutsch-niederländischen Grenze. Dort bekommt man eine Datenbrille aufgesetzt, die einen in eine dreidimensionale Simulation der Uni-Cafeteria versetzt. Es ist, als würde man in eine zweite Realität eintauchen. In dieser Cafeteria geschahen merkwürdige Sachen. Wurde eine Flasche umgestoßen, stieg sie in die Luft. Oder man fegte wie mit Riesenschritten durch den Raum. Ein bisschen wie bei Alice im Wunderland.

Eine Hälfte der Testpersonen erlebte diese Cafeteria so wie ich. Die andere Hälfte fand sich in einer Cafeteria wieder, in der sich alles so verhielt, wie man das erwartet. Unmittelbar nach dem virtuellen Ausflug mussten die Teilnehmer die Frage beantworten: Was macht Geräusche? Binnen zwei Minuten sollten sie so viele Beispiele wie möglich nennen. Zwei unabhängige Gutachter – die nicht wussten, wer welche Cafeteria-Version erlebt hatte – werteten die Antworten aus.

Die Teilnehmer, deren Denken zuvor von der bizarren Cafeteria angeregt worden war, schnitten erheblich besser ab. Ihre Beispiele blieben nicht auf wenige Kategorien beschränkt (Auto, Bus, Flugzeug und Motorrad zum Beispiel wären allesamt Krachmacher aus der Kategorie Verkehrsmittel), sondern waren, verglichen mit denen der Kontrollgruppe, vielfältiger. So kamen die Testpersonen beispielsweise darauf, dass Insekten Geräusche von sich geben können, ebenso wie eine Uhr, fließendes Wasser oder Töpfe, die gegeneinander stoßen. Das ungewohnte Cafeteria-Erlebnis hatte ihre Fantasie entfesselt.

Was heißt das für die Praxis? Um Ihre kreativen Kräfte zu wecken, müssen Sie regelmäßig aus der Alltagsroutine ausbrechen. Fahren Sie einen anderen Weg zur Arbeit. Lesen Sie eine Zeitung, die Sie sonst nicht lesen würden. Besuchen Sie ein exotisches Restaurant und schockieren Sie Ihre Geschmacksnerven. Öffnen Sie sich für das Andere, das Ungewohnte.

GEHEN SIE INS AUSLAND

Es gibt eine Situation, in der Sie praktisch wie von selbst Ungewohntes erleben – im Ausland. In der Fremde brauchen Sie nur vor die Tür zu gehen, und schon werden Ihre Wahrnehmung und Ihr Denken stimuliert. Menschen, die länger im Ausland gelebt haben, schneiden in diversen Kreativitätstests besser ab. Das zeigte unter anderem eine Untersuchung des Psychologen Adam Galinsky von der Columbia-Universität in New York: Die Chance, dass jemand das „Kerzenproblem“ löst, steigt mit der Anzahl der Monate, die diese Person im Ausland verbracht hat.

Kreativitätstest. Die Kerze muss an die Wand - aber wie?
Kreativitätstest. Die Kerze muss an die Wand - aber wie?Abb.: Schiller Design Frankfurt/Andreas Berger

LERNEN SIE EINE FREMDSPRACHE

Ein Auslandsaufenthalt bringt oft einen weiteren Bonus: Wir lernen eine Fremdsprache. Und da die Sprache unser Denken beeinflusst, kann sie es ebenfalls lockern. Ein Beispiel dafür liefert die russisch-amerikanische Linguistin Lera Boroditsky von der Universität von Kalifornien in San Diego. Welche Adjektive fallen Ihnen zum Wort „Brücke“ ein? Stellt man deutschen Muttersprachlern diese Frage, nennen sie auffallend häufig Wörter, wie schön, elegant, zierlich, friedlich, hübsch, schlank. Fällt Ihnen etwas auf? Es ist eine Liste von stereotyp weiblichen Assoziationen.

Bei spanischen Muttersprachlern klingen die Adjektive eher so: groß, gefährlich, lang, kräftig. Alles männlich. Woher rührt der Unterschied? Nun, im Deutschen ist die Brücke grammatikalisch weiblich, im Spanischen männlich (el puente). Wie die Forscherin Boroditsky nachweisen konnte, steuert die Sprache unsere Fantasie in eine vorbestimmte Richtung. Bei mehrsprachigen Menschen, die beispielsweise sowohl Deutsch als auch Spanisch sprechen, erweisen sich die Assoziationen dagegen als durchmischter. Die zweite Sprache hat ihre Einfälle von der Fessel der Muttersprache befreit.

PFLEGEN SIE EINEN MÖGLICHST BUNTEN BEKANNTENKREIS

Wer Kontakte zu Menschen hat, die nicht ganz so ticken wie man selbst, Menschen mit anderen Berufen und Hintergründen, darf ebenfalls mit einem Kreativitätsschub rechnen. Eine Untersuchung, die für dieses Prinzip spricht, stammt von dem Soziologen Ronald Burt der Universität Chicago. Er hatte einst die Chance, die Arbeitsprozesse des US-amerikanischen Elektronikkonzerns Raytheon, der aus insgesamt mehr als 60 000 Mitarbeitern besteht, zu studieren. Er legte gut 670 Managern die Frage vor, wie man die Vorgänge in ihrem Arbeitsbereich verbessern könnte. Zwei Top-Manager benoteten anschließend sämtliche Ideen. Nicht alle Mitarbeiter kamen gleichermaßen gut weg – manche erhielten schwache, andere gute Noten.

Die Bandbreite der sozialen Kontakte erwies sich als ausschlaggebende Inspirationsformel. Besonders die Manager, die sich über ihre eigene Arbeitsgruppe hinaus regelmäßig mit Kollegen aus anderen Abteilungen des Unternehmens austauschten, hatten auffallend oft die besten Einfälle. Soziale Vielfalt, egal ob im Beruf oder privat, erhöht die Bandbreite der Erfahrungen, mit denen wir in Berührung kommen. Die Vielfalt stimuliert, sie regt uns zu neuem Denken an.

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