Krebskongress : Intelligente Therapie gegen Krebs

Zwei Jahre mehr Lebenszeit als Mitte der 90er-Jahre: Die Behandlungen werden besser auf Patienten zugeschnitten – etwa bei der Leukämie.

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Weiße Gefahr. Krankhaft veränderte weiße Blutzellen eines Leukämiepatienten unter dem Mikroskop (die Abbildung wurde nachträglich koloriert).
Weiße Gefahr. Krankhaft veränderte weiße Blutzellen eines Leukämiepatienten unter dem Mikroskop (die Abbildung wurde nachträglich...Foto: picture alliance / Science Photo

Die Zahlen zu Krebserkrankungen, die die Weltgesundheitsorganisation vor wenigen Wochen veröffentlicht hat, sind deprimierend. Weltweit gibt es 14 Millionen neue Krebsfälle pro Jahr, 21 Millionen werden für das Jahr 2030 prognostiziert. Die Daten für Deutschland, die Klaus Kraywinkel vom Zentrum für Krebsregisterdaten des Robert-Koch-Instituts (RKI) zu Beginn des Deutschen Krebskongresses am Mittwoch in Berlin vorstellte, sind im Vergleich dazu verhalten positiv: „In den vergangenen Jahren zeichnet sich eine Stagnation der Erkrankungszahlen ab, und das obwohl der Anteil älterer Menschen an unserer Bevölkerung zunimmt.“

Vorsichtig optimistisch stimmt den Experten der Rückgang des Rauchens, das jedoch nach wie vor 15 Prozent der Krebserkrankungen verursache, sowie Screeningprogramme wie das gegen Darmkrebs, wo bei der Darmspiegelung gleich Vorstufen von Krebs entfernt werden können. Krebs ist nach wie vor mit einem Viertel aller Sterbefälle eine wichtige Todesursache. Die gute Nachricht ist allerdings: In Deutschland sterben die Menschen heute zwei Jahre später daran als Mitte der 90er Jahre. Wenn die Lebenserwartung insgesamt steigt, so haben inzwischen auch die Fortschritte in der Behandlung von Krebs ihren Anteil daran, betonte der Epidemiologe. „Deutschland liegt bei den Überlebenschancen für Krebspatienten in der Spitzengruppe.“

Diese Form der Leukämie wird meist zufällig entdeckt

Die Hoffnung auf verbesserte Therapien signalisiert der diesjährige Krebskongress mit einem trendigen kleinen „i“ in seinem Motto: „iKon“, das steht für intelligente Konzepte in der Onkologie. Intelligent ist dabei vor allem eine stärkere Individualisierung der Behandlung. Ein gutes Beispiel liefert die Chronische Lymphatische Leukämie, kurz CLL. Sie ist seit Jahren besonderes Forschungsgebiet des diesjährigen Kongresspräsidenten Michael Hallek von der Uni Köln. Weit weniger bekannt und weit seltener als Krebserkrankungen an Brust, Darm oder Prostata, ist die CLL doch die häufigste Form von Blutkrebs in Mitteleuropa. In jedem Jahr erkranken in Deutschland ungefähr 3500 Menschen neu. Sie sind im Schnitt 72 Jahre alt, wenn die Veränderung in der Zusammensetzung ihres Blutes diagnostiziert wird: Eine Untergruppe der weißen Blutkörperchen tritt dort ungewöhnlich häufig auf. Die Leukozyten sind die Polizisten des Bluts, sie wehren Krankheitserreger ab und beseitigen Zellabfall. Teilen sie sich dagegen unkontrolliert und reifen auch nicht richtig aus, kann das gefährlich werden.

Dass eine Gruppe von Leukozyten, die Monoklonalen B-Lymphozyten, sich vermehrt haben, wird oft zufällig herausgefunden, bei einem Menschen, der sich eigentlich gesund und fit fühlt. Meist wird die Abweichung genauer charakterisiert und danach nur weiter beobachtet. „Kontrollieren und Abwarten“ lautet die beste Strategie, wenn mit etwas Glück alles schleichend und wie in Zeitlupe verläuft. Ändert sich das Blutbild, vergrößern sich die Lymphknoten und verschlechtert sich das Befinden, kann mit Medikamenten behandelt werden. Die radikalste Therapie ist eine Stammzelltransplantation nach hochdosierter Chemotherapie.

Als Ergänzung zur „klassischen“ Chemotherapie sind in den letzten Jahren aber auch Behandlungen mit verschiedenen Antikörpern ins Arsenal der medikamentösen Waffen gegen CLL gekommen. Wissenschaftlich begleitet werden sie von der Deutschen CLL-Studiengruppe. Deren neuestes, noch unveröffentlichtes Ergebnis stellte Barbara Eichhorst von der Uniklinik in Köln jetzt vor. Es markiert einen weiteren Fortschritt auf dem Weg zur passgenaueren Therapie: Die Wissenschaftler hatten kürzlich anhand der Daten von 817 Patienten mit einer bisher nicht behandelten CLL belegen können, dass eine Kombination von Chemotherapie und dem Antikörper Rituximab besser wirkt als Chemotherapie mit den beiden Mitteln Fludarabin und Cyclophosphamid allein – zumindest im statistischen Durchschnitt. Nun haben die Forscher herausgefunden, dass es an der Beschaffenheit eines Gens liegt, ob die kombinierte Chemoimmuntherapie gegenüber einer Chemotherapie allein Vorteile hat. Patienten, bei denen das Gen namens IGHV (Immunoglobin-Schwerketten-Variable) verändert war, blieben während einer Beobachtungszeit von fast sechs Jahren ohne Rückfall.

Patienten mit CLL leben doppelt so lange als vor zehn Jahren

In der Zwischenzeit werden weitere Antikörper untersucht. „Patienten mit einer CLL leben heute mehr als doppelt so lang als noch vor zehn Jahren“, sagte Eichhorst. Dazu habe auch beigetragen, dass den Erkrankten heute nicht aufgrund ihres Alters, sondern gemäß ihrer individuellen Fitness eine mehr oder weniger aggressive Therapie vorgeschlagen wird. Mit den neuen, individuelleren Therapien zeichne sich nun „der Beginn einer Hoffnung auf echte Heilung“ ab, sagte ihr Kollege Michael Hallek.

Drauf hofft auch Michael Weiß. Er wurde bereits mit 43 Jahren mit der Diagnose CLL konfrontiert – aus heiterem Himmel. Vor vier Jahren sei das ein Zufallsbefund gewesen, Ergebnis einer Blutuntersuchung beim Hausarzt, berichtete der Kölner auf dem Kongress. Er sammelte Informationen im Internet und holte sich Rat bei mehreren Experten. Nur zu gern folgte er der Devise „Watch and wait“, ließ seine Blutwerte regelmäßig untersuchen und lebte möglichst wie bisher.

Als Weiß merkte, dass das Joggen nicht mehr möglich war, entschied er sich für eine Chemotherapie und für eine Teilnahme an der Vergleichsstudie. „Insgesamt habe ich das gut weggesteckt“, sagt der sportliche Mann. Doch nach einem halben Jahr kam die Veränderung der Blutzellen wieder. Heute weiß er, dass er in der Studie zwar der innovativen Antikörper-Gruppe zugeteilt war, aber Pech hatte: „Meine genetische Konstellation ist für die Antikörper-Therapie ungünstig.“ Ende 2012 wurde bei Weiß eine Stammzelltransplantation gewagt. Es war eine stark eingreifende Therapie, und er brauchte lange, um sich davon zu erholen. Doch die CLL hat sich seither nicht wieder gemeldet.

Am Sonnabend (22. Februar) findet von 10 bis 17 Uhr der Krebsaktionstag statt mit Vorträgen und Expertengesprächen für Betroffene, Angehörige und Interessierte. Ort: Südgelände der Berliner Messe in der Jafféstraße. Die Teilnahme ist kostenlos, eine Anmeldung wird nicht benötigt. Das Programm ist nachzulesen unter www.krebsaktionstag.de.

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