Leberfunktionstest : Frei von der Leber weg: Was der Atem über den Stoffwechsel sagt

Humedics entwickelt Test für schnelle Diagnosen am Krankenbett. Das innovative Verfahren hilft, die Funktionsfähigkeit der Leber zu beurteilen.

Susanne Ehlerding
Hauptsache gesund. Die Gründer Karsten Heyne, Geschäftsführer Erwin de Buijzer und Martin Stockmann von der Humedics GmbH (von links) mit ihrem mobilen Gerät zur Leberfunktionsmessung.
Hauptsache gesund. Die Gründer Karsten Heyne, Geschäftsführer Erwin de Buijzer und Martin Stockmann von der Humedics GmbH (von...Foto: Thilo Rückeis

Als Erwin de Buijzer das Angebot bekam, bei Humedics einzusteigen, musste er nicht lange überlegen. „Ich habe im Internet recherchiert und wusste nach fünf Minuten, dass ich dabei sein muss“, sagt der heutige Geschäftsführer. So überzeugend war das Produkt, das der Chirurg Martin Stockmann und der Physiker Karsten Heyne entwickelt hatten. Es geht um einen Test mit dem Namen LiMAx, der vorhersagt, ob ein Patient an der Leber operiert werden kann oder ob er den Eingriff nicht überleben wird. In der Charité und elf anderen Kliniken ist die Sterberate nach Leberoperationen daraufhin um mehr als die Hälfte gesunken.

Humedics' Verfahren ist zweistufig. Zuerst bekommt der Patient eine Lösung mit dem Molekül 13C-Methacetin gespritzt, die Martin Stockmann im Rahmen seiner Habilitierung an der Charité entwickelte. Ein Enzym in gesunden Leberzellen spaltet das Molekül in Paracetamol und nicht-radioaktives Kohlendioxid mit dem Isotopenwert 13.

Um zu beurteilen, wie fleißig das Enzym arbeitet, wird die Atemluft des Patienten über eine Atemmaske in ein Messgerät geleitet. Hier kommt der Physiker Karsten Heyne ins Spiel. Er entwickelte an der Freien Universität das FLIP-Gerät (Fast Liver Investigation Package), das mit einem Infrarotlaser vergleicht, wie oft das 13-wertige Kohlendioxid gegenüber dem natürlichen 12-wertigen Kohlendioxid vorkommt. „Jetzt kann man die aktuelle Funktion der Leber innerhalb von 30 Minuten testen. Das hat bisher keiner geschafft“, sagt Erwin de Buijzer.

Die Leber wächst

Auch nach einem Eingriff sei der Test wichtig um zu sehen, ob sich die Leber regeneriert: „Schon die alten Griechen wussten, dass die Leber wächst.“ Das zeigt die Geschichte des Titanen Prometheus, der zur Strafe für seine Respektlosigkeit gegenüber den Göttern an einen Felsen angekettet wurde. Jeden Tag fraß ein Adler an seiner Leber und jeden Tag erneuerte sie sich wieder. Auch beim Menschen ist das so: „Zwei Tage nach einer Operation fängt die Leber an zu wachsen und nach zehn Tagen hat sie schon 80 Prozent ihrer ursprünglichen Größe erreicht“, sagt de Buijzer.

Patienten, bei denen ein Leberversagen nach einer Operation wahrscheinlich ist, können die Ärzte nun gezielt alternative Therapien anbieten. Mit einer sogenannten Pfortaderembolisation etwa lässt sich das Wachstum gesunder Leberteile stimulieren, so dass nach der Entfernung von krankem Gewebe noch genug von dem Organ übrig bleibt, teilt die Charité mit.

Kliniken können mit dem Test wahrscheinlich auch sparen. „Bisher wurden alle Patienten nach einer Leber-OP auf die Intensivstation gelegt. Wir erwarten, dass man jeden Dritten auf einer normalen Station pflegen kann. Die Analyse von Patientendaten in der Charité hat gezeigt, dass die Vermeidung von Komplikationen 56 000 Euro pro Patient spart“, sagt der Mediziner de Buijzer, der auch einen Master in Business Administration hat.

2015 sollen die Geräte in Serie gehen

Mit dieser Doppelqualifikation kam er zu Humedics, als es nach der jahrelangen Entwicklung um die Vermarktung ging. Stockmann und Heyne konnten sich um dieese Aufgabe nicht mehr so intensiv kümmern wie nötig: Sie gingen weiter ihren eigentlichen Tätigkeiten nach.

„Für Start-ups ist diese Phase immer komplex und mit vielen Herausforderungen verbunden“, sagt Erwin de Buijzer. Sie bestanden unter anderem darin, Finanzierungspartner zu finden, mit deren Hilfe die Testgeräte in Serie gebaut können. Ab 2015 soll es nun losgehen. Gerade hat de Buijzer eine Finanzierungsrunde über 6,3 Millionen Euro abgeschlossen, an der sich auch neue internationale Investoren aus Belgien und Frankreich beteiligt haben. Damit erwartet er eine gute internationale Vermarktung der Berliner Erfindung.

Ohne die Charité und die Freie Universität aber wäre die Innovation nicht möglich gewesen. Berlin sei sowieso eine supertolle Stadt, sagt der Niederländer. Für ihn ist aber am wichtigsten, dass er mit seiner Arbeit etwas Gutes tun kann.

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