Leibniz-Nacht der Wissenschaften : Vergangenheit als Ressource

Die Leibniz-Gemeinschaft präsentiert zur Langen Nacht der Wissenschaften ihre Forschung. Ein Schwerpunkt sind Geschichte und Gegenwart.

Bettina Mittelstrass
Das Bild der Geschichte prägt unsere heutige Gesellschaft. 21 Leibniz-Institute stellen in der Langen Nacht ihre Forschung vor. Die Arbeit der 17 Institute aus dem Forschungsverbund "Historische Authentizität" wird in der Geschäftsstelle in der Chausseestraße ausgestellt, unter anderem eine Dokumentation über die Berliner Mauer - auf dem Foto die Mauergedenkstätte in der Bernauer Straße.
Das Bild der Geschichte prägt unsere heutige Gesellschaft. 21 Leibniz-Institute stellen in der Langen Nacht ihre Forschung vor....Foto: imago/Jürgen Ritter

Warum bauen die Berliner ein Schloss vermeintlich „original“ wieder auf? Warum haben die Potsdamer das bereits getan? Warum ist es auch anderen deutschen Städten heute so wichtig, ihre Altstädte wieder möglichst „genau so“ aufzubauen, wie sie früher einmal ausgesehen haben – vor einer anderen, einer kriegerischen und zerstörerischen Geschichte? An den Antworten auf solche Fragen arbeiten Wissenschaftler der Leibniz-Gemeinschaft.

„Vergangenheit ist heute eine starke Ressource für die Gesellschaft“, sagt Martin Sabrow, der Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF). „Wir historisch arbeitenden Leibniz-Wissenschaftler verstehen uns als Beobachter unserer Zeit, deren Orientierungsbedürfnisse wir in unserer Forschung aufnehmen, aber auch kritisch reflektieren.“ Allein die große mediale, wissenschaftliche und politische Aufmerksamkeit, die derzeit dem Ersten Weltkrieg gilt, zeige, wie wichtig Geschichte als Ausgangspunkt für gegenwärtiges Handeln sei. „Das Bild der Vergangenheit und ihre Nutzung für die Gestaltung der Gegenwart spielen für die gesellschaftliche Identitätsbildung eine hochrelevante Rolle.“

Von den 86 außeruniversitären Leibniz-Instituten in Deutschland, deren selbst gestellte Forschungsthemen immer den Kontakt zu Gesellschaft und Politik suchen, beschäftigt sich in etwa jedes fünfte auch mit Geschichte – dazu gehören renommierte Einrichtungen wie das Institut für Zeitgeschichte (IfZ) in München, das Herder-Institut für historische Osteuropaforschung in Marburg, das Leibniz-Institut für Europäische Geschichte in Mainz und eben das Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam. Es geht der Leibniz-Forschung nicht nur um die Aufarbeitung von Vergangenheit, sondern insbesondere auch um das, was Martin Sabrow die „Meta-Reflexion“ nennt: Sie stellt die Frage nach dem jeweiligen Umgang mit Vergangenheit und dem permanenten Wandel in der Gegenwart. Was sagt es eigentlich über die heutige deutsche Gesellschaft aus, wenn sie sich plötzlich so intensiv einem Krieg zuwendet, der rund 90 Jahre mehr oder weniger vergessen war? Und weshalb wird ein über viele Jahre akzeptiertes Denkmodell über die Ursachen des Ersten Weltkriegs heute ohne Weiteres beiseitegeschoben?

An die Stelle der jahrzehntelang für bewiesen gehaltene These der deutschen Kriegsschuld sei die Vorstellung getreten, dass alle beteiligten Mächte vor allem Opfer des Krieges geworden sind, so der Historiker. „Abgesehen davon, dass das vielleicht eine auch aus fachlichen Gründen durchaus berechtigte neue Sicht ist, ist es überaus erstaunlich, wie schnell sich hier eine Erzählweise durch eine andere hat ablösen lassen – und darüber muss man nachdenken.“

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