Leidenschaft eines Forschers : Das Leben mit der Maus

Sie ist das kleinste Säugetier der Welt. Doch für Forscher Peter Vogel ist die Etruskerspitzmaus das Allergrößte. Eine Geschichte über nagende Ungewissheiten.

Erwin Koch
Die Etruskerspitzmaus ist kaum größer als eine Fingerkuppe.
Die Etruskerspitzmaus ist kaum größer als eine Fingerkuppe.Foto: Universität Lausanne

Seit einer Woche waren sie unterwegs, der Spitzmausfänger und seine Frau, Lotti und Peter Vogel, Professor emeritus der Universität Lausanne, vier Monate vor seinem 70. Geburtstag, Oktober 2011. Hinter Berg und Wald ging die Sonne auf, Vogel stellte den Motor ab, ein kühler Morgen im Tessin. „Einer der besseren Tage meines Lebens!“

Dann half er seiner Frau, die nicht mehr gut gehen kann, aus dem großen weißen Wagen, nahm einen Eimer und ein Blatt Papier, darauf Zahlen und Striche, und sagte vielleicht: Lotti, bin gleich zurück.

„Einer der besten Tage überhaupt!“, lobt Vogel jetzt am hellen Tisch, ein Buch liegt bereit, Säugetiere der Schweiz, daneben die Liste dessen, was Vogel im Laufe seines Lebens publiziert hat, 135 wissenschaftliche Aufsätze und Werke. Beobachtungen zum intraspezifischen Verhalten der Hausspitzmaus (Crocidura russula Hermann, 1870); Abwehrlaute afrikanischer Spitzmäuse der Gattung Crocidura Wagler, 1832; Verteilung des roten Zahnschmelzes im Gebiss der Soricidae; Besondere Haarstrukturen der Soricidae und ihre taxonomische Bedeutung.

In Marokko sind sie einst gewesen, Lotti und Peter, in Burkina Faso, Bulgarien, Frankreich, Finnland, unter freiem Himmel haben sie geschlafen und manchmal zu essen vergessen, weil die Hoffnung, es könnte etwas in der Falle sein, die Kretaspitzmaus vielleicht, keinen Hunger zuließ. Italien haben sie befahren, Malta, Algerien, Norwegen, Spanien, Rumänien, die Elfenbeinküste und die Türkei, selbst die Hochzeitsreise durchs Tessin, zwei Wochen im Herbst 1966, geschah aus Passion zur Familie der Soricidae, Spitzmäuse aus der Ordnung der Soricomorpha, Spitzmausartige. Kirchlein um Kirchlein besuchten sie, beide verliebt und 24, weil sie dachten, Schleiereulen, also Mäusefresser, hausten dort unterm Dach und würgten Gewölle aus, Haare und Knochen, darunter auch solche der seltenen Etruskerspitzmaus, Suncus etruscus, erstmals beschrieben von einem gewissen Paolo Savi 1822, kleinstes Säugetier des Planeten, zwei Gramm schwer, nicht größer als ein Hirschkäfer.

„Bis wir merkten, dass es die Schleiereule im Tessin gar nicht gibt“, lacht Vogel ins Esszimmer, „war die Hochzeitsreise vorbei.“

Lotti, die nicht mehr gut gehen kann, sagte vielleicht: Geh nur, Peter, ich warte hier. Also zog er los, den Eimer in der einen, das Blatt in der anderen Hand, Striche und Zahlen darauf, stapfte durch den Weinberg hinter Vacallo, Bezirk Mendrisio. 30 Fallen, nummeriert, lagen seit Tagen im Gelände, versteckt in Mauerritzen, bestückt mit Mehlwürmern, Vogel krümmte sich zur ersten. Leer.

Was treibt einen 70-Jährigen an, Mäuse zu fangen?

Damit das klar sei, lehrt der Professor mild, Spitzmäuse seien keine Mäuse. „Mäuse im eigentlichen Sinn sind Nagetiere, sie haben Nagezähne und leben fast ausschließlich vegetarisch.“ Und Spitzmäuse? „Fressen Insekten, Würmer, Maden, Ameisen, Grillen, Spinnen, Heuschrecken.“ Und haben ein entsprechendes Gebiss? „Ein Fleischfressergebiss, furchterregend anzuschauen unter der Lupe.“

Die Spitzmaus, sagt der Zoologe, sei mit der Maus so verwandt wie der Fuchs mit dem Hirsch.

Herr Vogel, Sie wuchsen mit Spitzmäusen auf?

Kopfschütteln.

Am Anfang war der Dachs, den Peter Vogel, Sohn eines Gärtners und einer Gärtnerin aus Bern, im nahen Wald entdeckte, abends, da kroch das scheue Tier aus dem Bau, kratzte und leckte den Pelz, minutenlang, und entrückte das Kind, das ihm zusah, zehnjährig. Die Mutter kannte die Namen aller Pflanzen und Vögel, sonntags fuhr die Familie ins Seeland, mit Ferngläsern, und schaute den Kiebitzen zu, den Enten, Reihern. Der Bub schrieb sich später, um näher bei den Vögeln zu sein, beim Ornithologischen Verein ein – dort war ein Mädchen, Lotti, sie in der Verwaltungslehre, er am Gymnasium.

Wann aber fanden Sie zur Maus?

„Zur Spitzmaus!“

Auf die Spitzmaus wäre er nie gekommen, hätte ihn, damals Biologiestudent an der Universität Basel, nicht sein Doktorvater darauf gestoßen. Zwei Dissertationsthemen habe der ihm offeriert, 1965, über die Anordnung der Federn bei Hühnern – was Vogel langweilte –, oder über die Embryonal- und Jugendentwicklung einheimischer Soricidae.

Diese Spitzmausliebe, das gab nie Probleme mit Ihrer Frau? „Zweimal tippte sie meine Dissertation ins Reine, Lotti begleitete mich auf fast allen Reisen, Gewebepräparate machte sie für mich. Und publizierte sogar mit mir.“

Und Ihre fünf Töchter?

Vogel kichert. Na ja, mit den fünf Töchtern, na ja, da habe die eine oder andere, wenn man zu siebt nach Griechenland gefahren sei, mit Mikroskop und Zentrifuge und Flüssigstickstoff im VW-Bus, auf Kreta zum Beispiel oder Sizilien oder in Marokko, einer Spitzmaus dicht auf der Spur, na ja – einmal habe eine geschimpft, vor lauter Spitzmäusen bekäme man in dieser Familie nichts zu essen. Aber im großen Ganzen, sagt Vogel, sei eine Tochter so wunderbar wie die andere.

Woher aber Ihr Flammen ausgerechnet für die Etrusker, eine von 335 Spitzmausarten weltweit, zehn davon in der Schweiz?

„Elf!“ Er lacht und schlägt das Buch auf, Säugetiere der Schweiz, blättert bis zum Kapitel Arten, deren Anwesenheit in der Schweiz nicht bestätigt ist, findet dort, was er am Morgen des 15. Oktober 2011 siebenfach in Lebensblüte fand, Suncus etruscus.

Eine Woche bereits waren Lotti und Peter, im Gepäck einen Kübel Mehlwürmer und den Hund Sunai, durchs Tessin gefahren. Wo immer er Rebberge sah und alte Steinmauern, hielt Vogel an, stieg aus, gab Mehlwürmer in eine leere Plastikflasche, schloss sie mit dem Deckel, in den er einen Schlitz geschnitten hatte, steckte die Flasche in eine Mauerritze, umgab sie mit weiteren Würmern und zeichnete ihre Lage auf ein Blatt Papier, Nummer so und so, zwölf Schritte bis zum nächsten Gefäß.

Die Fallen sind Ihre Erfindung?

Keine Fallen, sagt Vogel im Esszimmer, Blick auf den Genfersee, die Flaschen dienten nur zum Anfüttern, auf dass die Etruskerspitzmäuse sich Nacht für Nacht hineinzwängten, bis Vogel schließlich, nach sechs Tagen, die Flaschen durch Fallen ersetzte, an derselben Stelle, nummeriert.

15. Oktober 2011, ein kühler Morgen am Südende der Schweiz, Vogel krümmte sich zu Falle 2. Leer. Zwölf Schritte bis zu Falle 3.

Wie also, Herr Vogel, begann Ihre Liebe zur Etrusker?

„Der Grund ist furchtbar banal“, sagt er. „In meiner Dissertation verglich ich drei Arten heimischer Spitzmäuse – Haus, Wald, Wasser. Was mir fehlte, war die Etruskerspitzmaus. Die Frage, die mich umtrieb, 45 Jahre lang, hieß: Ist sie tatsächlich Teil der Schweizer Fauna oder nicht?“

Im Sommer 1968, bereits Vater einer Tochter, fuhr Vogel mit seiner Familie in die südfranzösische Camargue und verbrachte eine Woche auf der Forschungsstation Tour du Valat. Deren Direktor lächelte: Viel Glück, Monsieur, schon viele haben hier versucht, Suncus etruscus zu fangen.

Am Fuß einer alten Ruine, wo einst – so stand es in der Literatur – Gewöllschädel der Etruskerspitzmaus gefunden worden waren, setzte Vogel blecherne Dosen in den Boden, ebenerdig, ohne Deckel, und wartete. In nur zwei Nächten plumpsten fünf Exemplare hinein. Er nahm sie mit nach Basel, baute ihnen gläserne Terrarien mit einer Wand aus Gips, aus der er Gänge ausgeschnitzt hatte, stellte sie ins Institut, eines gar ins heimische Schlafzimmer, fütterte die Tierchen mit Grillen, Mehlwürmern und Fliegenpuppen und freute sich sehr, als eines Tages Junge durch die Gänge rannten.

Eines Tages aber vergaß Vogel, seine Gefangenen zu füttern, ein Wochenende lang. Als er sich montags zu den Spitzmäusen beugte, lagen sie leblos im Nest, nur eine bewegte sich leicht. Er steckte das Tier, um es zu wärmen, in die Hemdtasche, es erholte sich schnell, fraß mit Lust. Als Vogel es zurücksetzte in den Käfig, besah er sich die anderen. Er merkte, dass auch die noch lebten und, als er sie berührte, langsam erwachten. Er fütterte sie, kam also zum Schluss, dass Etruskerspitzmäuse bei Futtermangel in einen sogenannten Torpor verfallen, eine Hungerstarre ähnlich dem Winterschlaf, alle Körperfunktionen auf Sparflamme, Stoffwechsel, Puls, Temperatur. Student Vogel, aus Missgeschick um eine Erkenntnis reicher, publizierte, Kälteresistenz und reversible Hypothermie der Etruskerspitzmaus, Zeitschrift für Säugetierkunde 39, 78-88.

45 Jahre lang suchten Sie die Etrusker in der Schweiz. Wozu?

Er schweigt. Es sei ja nicht so, sagt er endlich, dass er sich zeit seines Lebens als Zoologe nur mit der Etruskerspitzmaus befasst habe, und es sei auch nicht so, dass die Welt jetzt, da erwiesen sei, dass die Etruskerspitzmaus auch auf Schweizer Boden lebe, eine andere oder bessere geworden sei. Aber die Lust, dieser Welt zu beweisen, dass Suncus etruscus hier heimisch sei, Teil der Schweizer Fauna, diese Lust sei ihm irgendwann zur Leidenschaft geworden.

„Die Etruskerspitzmaus war mein kleines privates Nessie.“

In Deutschland gibt es keine Etruskerspitzmäuse.

15. Oktober 2011, noch zwei Schritte bis zu Falle 3 im Weinberg hinter Vacallo, Professor Vogel, Mitglied der Schweizerischen Akademie der Naturwissenschaften, der Schweizerischen Zoologischen Gesellschaft, der Deutschen Gesellschaft für Säugetierkunde, Member of the British Mammal Society, elffacher Großvater, zieht die Falle langsam aus der Mauer, öffnet sie über einem Eimer, damit, falls ein Tier darin ist, es nicht sofort entweicht ...

„Einer der besten Tage meines Lebens!“

Die Etruskerspitzmaus ist, zusammen mit der Schweinsnasenfledermaus, das kleinste und gefräßigste Säugetier der Welt. Meistens ist sie auf Nahrungssuche, nachts noch umtriebiger als am Tag, sie frisst täglich bis zum Dreifachen ihres Körpergewichts. Selten ruht sie länger als 30 Minuten. Sie frisst, wie alle Spitzmäuse, solche Mengen, weil sie, in Form von Wärme, über ihre Haut ständig viel Energie verliert. Die ersetzt sie durch Nahrung: Spinnen, Grillen, Maden, Ameisen.

Die Etruskerspitzmaus, von der Nasenspitze bis zum Schwanzansatz etwa 40 Millimeter lang, hat ein großes Herz, pro Minute schlägt es bis zu 1500-mal, öfter als bei jedem anderen Warmblüter, die Zahl ihrer Atemzüge beträgt 900 pro Minute. Meistens ist Suncus etruscus unterwegs, immer suchend, ihre Skelettmuskulatur erlaubt rasche Bewegungen, ihre Schnauze ist mit langen Tasthaaren begabt, kein anderes Tier hat einen so gut entwickelten Tastsinn. Die Etrusker schlägt ihre Beute schnell und gezielt, selbst bei völliger Dunkelheit. Sie lebt territorial, nicht kolonial, und vertreibt ihre Artgenossen mit Zischgeräuschen. Nützt die Drohung nichts, greift sie an.

Ein Jahr nach ihrer Geburt ist sie geschlechtsreif, ihre Tragzeit dauert rund 27 Tage, sie gebärt dann zwei bis sechs Junge. Die Etrusker lebt, nimmt man an, monogam, begnügt sich also mit einem einzigen Partner, während die Weibchen anderer Spitzmausarten – vor allem die Rotzahnspitzmäusinnen – pro Wurf die Brut von 3,5 Vätern in die Welt setzen.

„Herzklopfen, ja!“

Vogel, eine Schweizer Etruskerspitzmaus in Falle 3, drehte sich zu Lotti, seiner Frau, und schrie: Lotti, Lotti, ich habe eine!

„Tränen, nein!“

Schnell ging er zum Auto, stieg ein, schloss die Tür, zeigte das Tier der Frau, legte die Falle in einen tiefen Eimer, sicher war sicher.

Falle 4: leer.

Herr Vogel, was war die beste Zeit Ihres Lebens?

Er verschränkt die Finger, schaut hinaus auf den See. „Die Jahre in der Elfenbeinküste. Alles war neu, das Leben ein Projekt.“

Im November 1970 reiste Peter Vogel mit Frau und zwei Kindern nach Abidjan, war dort, gewählt für drei Jahre, Direktor des Centre Suisse de Recherches Scientifiques, Lotti übernahm die Verwaltung, Peter die Angestellten, Besucher und Spitzmäuse. Gemeinsam fuhren sie nach Mali, nach Burkina Faso, in den Nimbabergen von Guinea und Liberia fingen sie eine Zwergotterspitzmaus, dann noch eine, noch eine, zuvor bekannt nur von sieben Exemplaren.

1973 berief die Universität Lausanne Peter Vogel auf den Lehrstuhl für Zoologie und Ökologie, fortan unterwies er Studenten der Biologie und Medizin in Vergleichender Anatomie, Ökologie und Evolution, 34 Jahre lang. Den Spitzmäusen blieb er treu, er reiste Sommer nach Sommer durch Europa, vier oder fünf Töchter im VW-Bus, stellte Fallen, präparierte, analysierte, publizierte, bestätigte als Erster, dass die Alpenwaldmaus eine eigene Art ist, dass die Spitzmäuse Kretas und Siziliens Überlebende aus dem Pliozän sind, dass die europäische Schneemaus in Asien entstand und nicht umgekehrt. Zu Hause im wilden Garten am See versah er die heimischen Hausspitzmäuse mit elektronischen Chips und Sendern, verfolgte ihre Wege und wusste über Soriciden, ihre Arten und Vorlieben, Habitate und Chromosomen bald mehr als jeder andere auf Erden – was Vogel so nie sagen würde.

„Aber die Etrusker fehlte.“

Falle 5 – leer.

Falle 6 – leer.

Falle 7 – Lotti!

Falle 8 – leer.

Falle 9 – Lotti, was für ein Tag!

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