Lesbische Frauen in der NS-Zeit : Verstoß gegen das "gesunde Volksempfinden“

Vom Verhör bis zur KZ-Haft: Nicht nur schwule Männer, auch lesbische Frauen litten im „Dritten Reich“.

Claudia Schoppmann
Der Film „Aimee & Jaguar“ (1999) mit Juliane Köhler und Maria Schrader zeigte das Schicksal eines Berliner Paares in der NS-Zei
Liebe im Untergrund. Der Film „Aimee & Jaguar“ (1999) mit Juliane Köhler und Maria Schrader zeigte das Schicksal eines Berliner...Imago, United Archives

In dem Buch „Wir erlebten das Ende der Weimarer Republik“, herausgegeben von Rolf Italiaander, beschreibt eine lesbische Modezeichnerin, wie sich ihr Leben in der NS-Zeit änderte. Bereits in den 1920er Jahren arbeitete sie in einem großen Berliner Verlag. Die Modelle, die sie und ihre Kolleginnen zu zeichnen hatten, trugen, „weil das damals als mondän galt, lange Zigarettenspitzen, die sie mit gespreizten Fingern, elegisch blickend, von sich hielten. Kurz geschnittene Haare waren Mode, der ,Bubi-Kopf‘“.

Nach der Ernennung Adolf Hitlers am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler und der Machtübertragung an die NSDAP und ihren nationalkonservativen Verbündeten DNVP wehte plötzlich ein anderer Wind. Als Vorlage dienten nun Fotos von „typisch deutschen“ Frauen, „meistens blonde bäuerliche Typen, mit einer phantasielosen Kleidung, die an Volkstrachten erinnerte. Auch war jetzt nicht mehr der ,knabenhafte‘ Typ gefragt, sondern – wie wir lästerten – die Modelle mussten ,gebärfreudige Becken‘ haben, ,um dem geliebten Führer recht viele Kinderchen schenken zu können‘.“

Vermieterin über Intimleben ausgefragt

Während diese Vorgaben aus dem Propagandaministerium alle Kolleginnen betrafen, schildert die Modezeichnerin nun die Auswirkungen auf sie persönlich: „Natürlich begann die Maskierung auch im privaten Leben. Ich lebte schon seit Jahren mit meiner Freundin zusammen. Manchmal munkelten die Leute: ,Haben die was zusammen?‘ Als das Dritte Reich ,ausbrach‘, hieß es dann bösartig: ,Die haben doch was zusammen!‘ Da waren die Hauswarte und Blockwarte, die in unser Privatleben ,hineinleuchteten‘ und Meldungen erstatten sollten. Unsere Zimmervermieterin wurde ausgefragt, ob sie etwas über unser ,Intimleben‘ wüsste. Eines Tages kam unser Chefredakteur zu mir ins Atelier und sagte ungeduldig, ich müsse endlich heiraten oder er könne mich nicht weiter beschäftigen.“ Die Modezeichnerin und ihre Freundin beschließen schließlich, ihre zwei schwulen Freunde zu heiraten.

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In der Pflege-WG für schwule Männer

Für lesbische Frauen gab es eine Vielzahl von Verhaltensweisen; sie reichten vom Rückzug ins Private, Veränderung des Aussehens, Wechsel des Wohnorts bis zur Flucht in den Untergrund.

Zu den sexualpolitisch vordringlichsten Maßnahmen gehörte nach der Machtübernahme die Zerstörung der öffentlichen und organisierten Homosexuellenbewegung, bildete sie doch mit ihren emanzipatorischen Forderungen und ihrer Infrastruktur einen sichtbaren Widerspruch zur NS-Sexualmoral. Die großen, weit über Berlin hinaus bekannten Organisationen, etwa das Institut für Sexualwissenschaft und der Bund für Menschenrecht, aber auch kleinere Vereinigungen wurden aufgelöst, Lokale geschlossen oder überwacht und Periodika verboten.

Homosexualität "ausmerzen"

Basierend auf rassenhygienischen Vorstellungen wollte das NS-Regime Homosexualität „ausmerzen“; gleichgeschlechtliche Betätigung sollte verhindert werden. In einem „Männerstaat“ (Heinrich Himmler) wie dem Nationalsozialismus hatte dies jedoch unterschiedliche Auswirkungen auf homosexuelle Männer einerseits und Frauen andererseits. Dabei darf nicht außer Acht gelassen werden, dass das Leben lesbischer Frauen, wie das aller Menschen im „Dritten Reich“, von unterschiedlichen Faktoren geprägt war: der Schichtzugehörigkeit, weltanschaulichen Einstellungen und ganz besonders der rassistischen Zuordnung.

Wie viele Scheinehen im „Dritten Reich“ eingegangen wurden, ist aus naheliegenden Gründen nicht feststellbar. Eine der prominentesten war sicher die 1936 geschlossene Ehe zwischen Gustaf Gründgens, dem Intendanten des Staatlichen Schauspielhauses in Berlin, und der Schauspielerin Marianne Hoppe. Heinrich Himmler, Reichsführer-SS und Chef der Deutschen Polizei ab 1936, schätzte die Zahl der Scheinehen gar auf eine Million. In einer Rede im Juni 1937 vor einem wichtigen bevölkerungspolitischen Gremium im Reichsinnenministerium sah er eine große Gefahr darin, dass homosexuelle Männer zur Tarnung heirateten und das „Fortpflanzungspotenzial“ der Ehefrauen auf diese Weise „blockierten“.

Im günstigsten Fall – wie dem eingangs geschilderten – konnte eine lesbische Frau einen schwulen Mann heiraten. War der Ehemann jedoch nicht über die lesbische Orientierung seiner Gattin informiert oder war er nicht bereit, darauf Rücksicht zu nehmen, musste diese ihre „ehelichen Pflichten“ erfüllen, wozu nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch (§1353 und §1568) auch die eheliche „Beischlafpflicht“ gehörte.

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