Medical Humanities : Was Geschichte und Ethik mit Medizin zu tun haben

Bei der neuen Charité-Professur für „Medical Humanities“ geht es nicht nur um die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit, sondern auch um den kulturell geprägten Umgang mit Krankheit und Tod.

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Mahnmal für die Opfer der Euthanasie
Den Euthanasie-Opfern gedenken. Psychiater waren in die Aktion T4 verstrickt.Foto: picture alliance / dpa

„Der Anfang war eine feine Verschiebung in der Grundeinstellung der Ärzte.“ So beschrieb es der in Österreich aufgewachsene, wegen seiner jüdischen Herkunft zur Emigration in die USA gezwungene Psychiater Leo Alexander als Sachverständiger bei den Nürnberger Ärzteprozessen. Die Entwicklung führte schließlich dazu, dass Mediziner die Unterscheidung zwischen wertem und „unwertem“ menschlichem Leben akzeptierten. Dass sie tatenlos zusahen, wenn ihre jüdischen Kollegen sich bedroht fühlten, ihre Stellen verloren und zur Flucht gezwungen waren. Dass sie vielleicht sogar die Vorteile begrüßten, die sich ihnen für die eigene wissenschaftliche Karriere dadurch boten. Zum Beispiel in der Charité, die zwischen 1933 und 1936 fast ein Drittel ihres Lehrpersonals „verlor“.

Es hat lange gedauert, doch inzwischen haben sich viele medizinische Fachgesellschaften mit den dunklen Kapiteln der eigenen Historie auseinandergesetzt, unter anderem die Psychiater, deren Fachgebiet für die „Euthanasie“ eine bedeutsame Rolle spielte. In Berlin fand das zum Beispiel seinen Niederschlag in der Gedenkstätte zur Aktion T4 in der Tiergartenstraße, neben der Philharmonie.

Die Aufgabe erschöpft sich nicht im Aufstellen eines Gedenksteins

Brauchen wir wirklich noch mehr Forschung, brauchen wir mehr Orte, an denen an die unrühmliche Rolle von Ärzten in der NS-Zeit erinnert wird? Das wird sich mancher gefragt haben, als vor Kurzem das Projekt mit dem ambitioniert wirkenden Namen „GeDenkOrt.Charité – Wissenschaft in Verantwortung“ vorgestellt wurde. Nun beginnt im Rahmen dieses Projekts Heinz-Peter Schmiedebach, Professor für Geschichte und Ethik der Medizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, seine zweijährige Tätigkeit als erster Gastprofessor für Medical Humanities. Die deutschlandweit einzigartige Stiftungsprofessur wird von der Friede-Springer-Stiftung unterstützt.

Eine der Aufgaben Schmiedebachs besteht darin, auf dem Gelände des Campus Mitte – im Herzen der alten Charité – in Kooperation mit der Universität der Künste die Gestaltung eines solchen Gedenkortes voranzutreiben. Er denkt ihn sich mehrteilig, in Stationen, zu denen auch das Medizinhistorische Museum der Charité gehört. „Neben einem materiell gestalteten Etwas stelle ich mir eine Art virtuelles historisches Labor vor. Das hätte den Vorteil, veränderbar und interaktiv zu sein", überlegt Schmiedebach. „Auf keinen Fall erschöpft sich die Aufgabe im Aufstellen eines Gedenksteins.“

Der Umgang mit Geburt, Sterben und Tod ist kulturell geprägt

„Medical Humanities“, so heißt schließlich im internationalen Sprachgebrauch ein noch recht junges Forschungs- und Lehrgebiet, in dem vorwiegend Themen rund um Gesundheit, Krankheit, Kommunikation, Entscheidungsfindung und Behandlung, aber auch die sozialen und kulturellen Prägungen im Umgang mit Geburt, Sterben und Tod interdisziplinär zusammen mit Vertretern der Geistes-, Kunst- und Sozialwissenschaften bearbeitet werden.

„In den Studiengängen für angehende Ärztinnen und Ärzte werden diese Fragen heute in aufgesplitteter Form behandelt“, sagt Schmiedebach. Einerseits wird sich der Gastprofessor in diese vom Lehrplan vorgegebene Struktur an der Charité „eintakten“. Zusätzlich wird er Arbeitsgruppen einrichten, an denen neben Studierenden der Medizin auch solche der Pflegewissenschaften teilnehmen können. Außerhalb des Curriculums, aber nur für Teilnehmer, die sich gründlicher in ein Thema einarbeiten möchten. „Die Freiheit, so etwas anzubieten, ist mir jetzt gegeben“, sagt er. Rund zehn Prozent der Studierenden hätten Interesse, sich persönlich in medizinethische und medizinhistorische Fragestellungen zu vertiefen, so seine Erfahrung. „Man kann das nicht verordnen.“

Wann kippten anfangs aufrechte Forscher?

Was die Forschung zur NS-Zeit betrifft, ist an der Charité schon viel geleistet worden. Schmiedebach findet es wichtig, sich nun den Feinheiten einzelner Forscher-Laufbahnen zuzuwenden – um aus diesem Wissen heraus Sensibilität für problematische Entwicklungen zu entwickeln. Was förderte oder hemmte die Karrieren von Wissenschaftlern? Wie wurden grenzwertige Experimente konkret gestaltet? Wie war die Haltung gegenüber als problematisch und schwierig geltenden Patienten, etwa in der Psychiatrie? Wann und unter welchen Umständen kippten anfangs aufrechte Forscher angesichts politischer Repressalien um? „Fragen, die sich teilweise auch auf die DDR-Zeit beziehen“, sagt Schmiedebach.

Keiner, der in die medizinische Forschung einsteigen will, keiner, der Menschen behandeln möchte, kommt um das Nachdenken über diese Fragen herum. Dabei könnte es durchaus sein, dass die Reflexion ihren Preis hat. „Ein bestimmtes Maß an Naivität ist vielleicht zunächst notwendig, um naturwissenschaftliche und medizinische Fortschritte zu erzielen“, meint der Medizinethik-Professor. Und scheint damit schon ein neues Forschungsprojekt ins Visier zu nehmen.

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