Menschliches Denken : Wer im Kopf die Strippen zieht

Dass der Wille nicht vollständig frei ist, ist bekannt. Dass menschliches Denken auch durch Sprache, Bilder und Schriften geprägt wird, weniger. Diesen Mustern ist die Kulturwissenschaft auf der Spur.

Sigrid Weigel
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Wer lenkt hier die Liebe? Der menschliche Wille ist keineswegs frei. Er wird durch Lüste und Ängste, Träume und Traumata und...Foto: dpa

Aus der Perspektive der Kulturwissenschaften, die den historischen Wandel von Vorstellungen, Gefühlen und Verhaltensweisen erforschen, wirkt die Debatte um die Willensfreiheit wie der Streit um ein Phantom. Das heißt nicht, dass der freie Wille eine „bloße“ Konstruktion sei. Denn ohne den Willen zum „freien Willen“ sähe die menschliche Kultur ganz anders aus, wäre die Ausbildung von Sittlichkeit und der Idee von Selbstbestimmung und Verantwortung nicht möglich gewesen. Zumindest die Produkte des menschlichen Willens sind real: in der Art und Weise, mit der soziale, moralische und kulturelle „Gesetze“ von den einzelnen Subjekten inkorporiert werden. Doch weiß man nicht erst seit der Erforschung des Unbewussten durch die Psychoanalyse, dass der Wille keineswegs vollständig frei ist. Menschliches Handeln und Denken unterliegt nicht nur vielfältigen äußeren Begrenzungen, sondern auch den Bedingungen der psycho-physiologischen Existenz. Sie werden durch körperliche Bedürfnisse, Ängste und Lüste, durch Träume und Traumata motiviert und gelenkt. Aber sie werden ebenso durch Vorstellungen geprägt, die durch Sprache, Gebärden, Bilder und Schriften überliefert sind.

Der Streit darum, ob einzelne Handlungen entweder durch einen bewussten Willensakt gesteuert oder durch neuronale Prozesse festgelegt, das heißt kausal verursacht oder determiniert werden, gründet in Gegensätzen, deren Begriffe spekulativ und anachronistisch sind wie Wille- Neuronen, mind-matter, Bewusstsein-Gehirn, in älterer Diktion: Seele-Leib. Solche Konzepte missachten, dass die Menschen nicht nur zahlreiche Anteile ihres Handelns an Apparate delegiert, sondern auch Symbole, Kulturtechniken und Medien hervorgebracht haben, mit denen sie kommunizieren, inter agieren, Wissen generieren, ihre Lebenswelt gestalten und Erfahrungen überliefern. Wie diese bedeutungsgebenden Systeme die Art und Weise prägen, wie wir wahrnehmen, uns artikulieren und agieren, wie sinnliche Reize und körperliche Manifestationen distinkte Bedeutungen erhalten, ist Gegenstand kulturwissenschaftlicher Forschung. So orientieren wir uns zum Beispiel im Raum gänzlich anders als unsere Vorfahren, seit wir gewohnt sind, mit isometrischen Stadtplänen umzugehen.

Die kulturelle Tradition hat sich ins Gehirn des Einzelnen eingeschrieben

Zudem ist ein großer Teil unserer Handlungen habitualisiert, das heißt durch Einübung und Gewohnheit erlernt und buchstäblich in das neuronale Netz des Hirns eingeschrieben, ohne dass wir deren Regeln bewusst gelernt haben. Wenn die Neurowissenschaften mit Hilfe bildgebender Verfahren heute in der Lage sind, aktive Partien im neuronalen System, die mit bestimmten kognitiven oder motorischen Leistungen verbunden sind, zu lokalisieren und Erregungs- und Aktivitätsmuster zu identifizieren, die spezifischen Äußerungen, Absichten oder Bewegungen entsprechen, dann sind sie genau den Mustern auf der Spur, mit denen sich die kulturelle Tradition ins Gehirn des Einzelnen eingeschrieben hat – Muster, deren Bedeutung und Medien die Kulturwissenschaft immer schon erforschen.

Durch welche Prozesse jedoch dieses Erbe der Kulturgeschichte zu einem je individuellen, dem einzelnen Organismus gleichsam inkorporierten Erbe wird, ist noch wenig erforscht. In den Biowissenschaften galt zu lange das Dogma rein genetischer Erbgesetze, unter deren Herrschaft die Aufmerksamkeit für epigenetische Phänomene (das heißt über die DNA hinausgehende oder ihr nachgelagerte Prozesse) als lamarckistisch diskriminiert wurde. Erst nach der Desillusionierung über die Fortschritte, die man sich von der Entschlüsselung des Human Genoms versprach, kam es zu einer Renaissance von Epigenetics: mit der Erforschung jener biochemischen Prozesse in der Embryologie (Methylierung), die für das „An-/Ausschalten“ einzelner Gene verantwortlich sind, der Untersuchung von Imprinting-Defekten in der Embryologie, Forschungen zur „phänotypischen Plastizität“ als Effekt der Umwelt der Mutter des Embryos und so weiter.

Da neuere Experimente zur Blockade von Gedächtnisfunktionen gezeigt haben, dass bei sogenannten genetischen Gedächtnisschaltern ebenfalls Methylierung im Spiele ist, darf man vermuten, dass es bisher noch unbekannte Zusammenhänge zwischen der Modifikation der DNA in der Embryonalentwicklung und dem Gedächtnis gibt. Vielleicht lagen diejenigen Wissenschaftler, die vor über einem Jahrhundert nach der „Vererbung erworbener Eigenschaften“ gefragt haben, gar nicht so falsch – wie etwa Ewald Hering, der in seiner Theorie zum Gedächtnis als allgemeiner Funktion der organisierten Materie (1870) davon ausging, dass dem Embryo neben dem „großen Erbgute des ganzen Geschlechts“ noch ein „kleines Erbe“ mitgegeben wird, welches „im Leben des mütterlichen Organismus erworben wurde“. Dieses kleine Erbe wäre gleichsam das Tor, durch welches das kulturelle Vermögen in das biologische System eintreten kann.

Man wünscht sich mehr Willen zur Verantwortung in der Forschung

Weiter ist die Erforschung der Prozesse, mit denen die neuronale Plastizität in den ersten Lebensjahren ausgebildet wird, etwa das Zusammenspiel von visuellen und akustischen Reizen, durch das unter anderem Grundlagen für das Erlernen von Sprache und Schrift ausgebildet werden. Wie und an welcher Stelle aber die neuronalen Muster in bestimmte Empfindungen und Bedeutungen verwandelt werden, ist nach wie vor ein Rätsel. So fortgeschritten heute die bildgebenden Verfahren sind, mit denen man das „Feuern“ der Neuronen lokalisiert, so wenig weiß man tatsächlich über die bedeutungsgebenden Prozesse des Denkens – jedenfalls soweit es jene Sphäre betrifft, die diesseits von Sprache, Bewegungen und Handlungen liegt. Erfolgsberichte aus den Laboren der Hirnforschung lassen in letzter Zeit häufig verlauten, dass es gelungen sei, Handlungen, Absichten oder Gedanken „zu lesen“ oder „vorauszusehen“. Zum einen sind die Muster neuronaler Aktivitäten, die dabei zum Beispiel nachfolgende Handlungen signalisieren, zuvor qua Lernen bzw. Habitualisierung ausgebildet, das heißt kulturell eingeschrieben worden. Zum anderen können sie den jeweiligen Aktionen nur zugeordnet werden, weil diese Entsprechungen in vorausgegangenen Experimenten identifiziert wurden. Insofern ist die Identifizierung der neuronalen Muster immer von der Verknüpfung mit bereits bekannten Bedeutungen kognitiver Leistungen, Empfindungen oder Handlungen abhängig. „Voraussehen“ meint hier: die neuronale Entsprechung eines schon gewussten Wissens identifizieren.

Die angewandte Forschung kann von solchen Erkenntnissen enorm profitieren, etwa bei der Entwicklung von Prothesen und Brain-Machine-Interfaces. Wenn aufgrund der empirischen Forschung aber ein Menschenbild konstruiert wird, in dem die „menschliche Natur“ allein als System genetischer, neuronaler und hormoneller Vorgänge beschrieben wird – womöglich noch ergänzt um die Forderung rechts- und sozialpolitischer Konsequenzen – dann wünschte man sich nicht nur mehr erkenntnistheoretische Reflexion, sondern auch mehr Willen zur Verantwortung. Und über diesen Willen zu verfügen, werden Wissenschaftler wohl nicht ablehnen wollen.


- Die Autorin ist Direktorin des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung. Zum Thema erschien von ihr u.a.: Genea-Logik. Generation, Tradition und Evolution zwischen Kultur- und Naturwissenschaften, München: Fink 2006

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