Museum Karlshorst wiedereröffnet : Ein Krieg, der nur Verlierer kannte

Das wiedereröffnete Deutsch-Russische Museum zeichnet eine erschütternde Spur der Verbrechen nach: die gnadenlose Verfolgung politischer Kader, das Aushungern der sowjetischen Zivilbevölkerung und der Kriegsgefangnen, die Politik der "verbrannten Erde".

von
Aus dem Land treiben. Mit Postkarten wie „Das abscheuliche russische Klima“ versuchte die sowjetische Propaganda die Kampfmoral ihrer Armee aufrechtzuerhalten .
Aus dem Land treiben. Mit Postkarten wie „Das abscheuliche russische Klima“ versuchte die sowjetische Propaganda die Kampfmoral...Foto: Thomas Bruns/Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst

Geschichte wird von den Siegern geschrieben. Da hatte Deutschland zumal zur Zeit seiner staatlichen Doppelexistenz vor 1990 schlechte Karten. Deutschland hat die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts verloren und stellte sich stets auf die Seite der jeweiligen Sieger. Für die DDR war das die Sowjetunion. Ort der Erinnerung daran, wie es zu diesem Bündnis kam, war das „Museum der bedingungslosen Kapitulation des faschistischen Deutschland im Großen Vaterländischen Krieg 1941–1945“. In dem biederen Gebäude – dem Offizierskasino einer Wehrmachtspionierschule – in Karlshorst war am späten Abend des 8. Mai die Kapitulation der Wehrmacht besiegelt worden, so spät, dass bereits der 9. Mai angebrochen war, der in Russland als „Tag des Sieges“ gefeiert wird.

Auch nach der gestrigen Wiedereröffnung des Deutsch-Russischen Museums Berlin-Karlshorst – wie es seit 1995 heißt – nach einjährigem Umbau steht die Kapitulation im Mittelpunkt des Hauses. Im großen Speisesaal wurde sie vollzogen. Filmaufnahmen von der Unterzeichnung laufen als Endlosschleife im Vorraum des historischen, aber erst 1967 rekonstruierten Saales. Der Film ist interessanter als die mit DEFA-Mobiliar nachgestellte Geschichte. Er zeigt den bis zur letzten Sekunde eitlen deutschen Oberkommandierenden Generalfeldmarschall Keitel, der später als einer der Hauptkriegsverbrecher hingerichtet wurde. Sowjetmarschall Schukow schaut angemessen ernst. Ob er, der größte aller sowjetischen Kriegshelden, in diesem Moment an die hunderttausende gefallener Rotarmisten denkt, die seine Siege ebenso säumen wie seine Niederlagen?

Von Siegen und Niederlagen ist im Museum kaum noch die Rede. Ein einziger der zehn Themenräume ist der „Chronik des Krieges“ gewidmet. Und selbst die ist kursorisch genug. Stalingrad kommt selbstverständlich vor, die Schlacht am Kursker Bogen im Sommer 1943, obwohl sie den Krieg erst wendete, fehlt.

Vielmehr steht die Eroberungs- und Besatzungspolitik von NS-Regime und Wehrmacht im Mittelpunkt der vom heutigen Donnerstag an geöffneten Dauerausstellung, „Deutschland und die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg 1941–1945“. Annonciert wird sie als „grundlegende Neubearbeitung“ dessen, was seit 1995 gezeigt wurde, „an den aktuellen wissenschaftlichen Forschungsstand angepasst“. Das bezieht sich insbesondere auf den „verbrecherischen Charakter des deutschen Krieges gegen die Sowjetunion“. Einen Ausstellungskatalog gibt es noch nicht, er ist erst für Ende des Jahres angekündigt.

Heutigen Sehgewohnheiten angepasst wurde die Präsentation der Objekte – bei Flugblättern oder Fotografien meist Faksimiles. Ein Faksimile ist auch das zentrale Dokument der Vorgeschichte des Krieges: die Landkarte zum Hitler-Stalin-Pakt, auf der Stalin und NS-Außenminister von Ribbentrop die gemeinsame Grenze quer durch das kurz darauf beidseitig besetzte Polen zogen.

Die Zahl der Ausstellungsstücke wurde verringert und konzentriert auf Leitobjekte wie den abgetragenen Mantel eines sowjetischen Kriegsgefangenen. 5,7 Millionen Rotarmisten gerieten in deutsche Gefangenschaft und wurden per Wehrmachtsbefehl dem Hunger überlassen, rund drei Millionen überlebten die zumeist in den besetzten Gebieten selbst vollzogene Internierung nicht. Der „Kommissarbefehl“ vom Mai 1941 zur Erschießung der Politkommissare der Roten Armee wird dargestellt, samt einer brieflichen Anfrage an das Wehrmachts-Oberkommando, ob auch die niederrangigeren „Politruks“ wie Kommissare „zu behandeln“ seien: Ja, so die Antwort. „Behandeln“ hieß ermorden.

2 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben