Wissen : Muskeln zeigen

Wie die FU Berlin Dubais Scheich Maktoum die Ehrenmedaille aberkennt

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Foto: Thilo Rückeis
Foto: Thilo Rückeis

An der FU hängt der Haussegen schief. Die erste Sitzung des neu gewählten Akademischen Senats (AS) am Mittwoch verlief für das erst seit dem Sommer amtierende Präsidium ungemütlich. Nicht nur scheinen jetzt mehr streitlustige Mitglieder im AS zu sitzen als früher. Auch bekam FU-Präsident Peter-André Alt zu spüren, dass es nach den Gremienwahlen im Januar nun eine Mehrheit jenseits seiner Professorengruppe, der „Vereinten Mitte“, und deren Partnern gibt.

Letzteres hielt der Studierendenvertreter Mathias Bartelt dem Präsidium auch triumphierend vor und errang gemeinsam mit der Sinologieprofessorin Mechthild Leutner und dem Informatikprofessor und einstigen Kandidaten für die FU-Präsidentschaft Raúl Rojas mehrere Punktsiege gegen die Leitung. Am Ende der über vierstündigen Sitzung nahm das Gremium sogar mit großer Mehrheit einen Antrag Rojas’ an: Dubais Herrscher, dem Scheich Maktoum, soll die Ehrenmedaille aberkannt werden, die die FU ihm 2008 für Verdienste um Wissenschaft und Kultur verliehen hatte. Das Präsidium hätte sich gewünscht, die Sache nicht an die große Glocke zu hängen.

Rojas hatte erklärt, der Scheich sei maßgeblich an der Entführung von Tausenden von Kindern aus dem Ausland beteiligt gewesen, die als Jockeys versklavt wurden. 13 AS-Mitglieder stimmten Rojas’ Antrag zu, eines dagegen, sieben enthielten sich. Tatsächlich sind in den Emiraten mehrere tausend Kinder als Jockeys für Pferde und Kamele versklavt worden, manche dabei auch zu Tode gekommen. Seit 2005 sind Kinder als Jockeys verboten. Die Organisation „Anti-Slavery International“ geht jedoch davon aus, dass die Regierung das Verbot nicht strikt durchsetzt.

Präsident Alt hatte vergeblich versucht, die Wogen zu glätten. Die Rolle des Herrschers von Dubai bei den Kinderjockeys müsse erst noch geklärt werden, außerdem habe Maktoum sich offenbar für die Rückführung von Kinderjockeys in ihre Heimat eingesetzt.

Student Bartelt forderte, dass die FU in ihrer Satzung klärt, wer an der Uni Ehrungen vergibt und nach welchen Maßstäben. Es sei auch nicht akzeptabel, dass Suzanne Mubarak, die Frau des einstigen ägyptischen Staatschefs, noch unter den Geehrten sei. Alt sagte am Freitag auf Anfrage, Bartelts Idee einer Satzung sei gut. Im Fall Maktoum müsse die Uni-Leitung aber zunächst klären, ob der AS berechtigt sei, die Medaille abzuerkennen. Bartelt veröffentlichte am Freitag ein Papier von Rojas mit dem Titel „Ewige Scham“, in dem Rojas sich selbst und der Uni vorwirft, „eine solche Monstrosität“ – die Verleihung der Medaille an Maktoum, einen „Menschenhändler“ – nicht verhindert zu haben.

Dem Beschluss vorausgegangen waren im AS langwierige Diskussionen zwischen Student Bartelt und der Uni-Leitung über die Geschäftsordnung des AS, die Tagesordnung und Zuständigkeiten. Auch der Juniorprofessor Martin Nawrot, ein Mitstreiter von Rojas, fragte den Vizepräsidenten Michael Bongardt gereizt, wen dieser eigentlich meine, wenn er von „wir“ spreche – das Präsidium oder das Gremium?! –, und mahnte einen tenure track für Nachwuchsforscher an.

Dann forderte die Sinologieprofessorin Leutner zum Entsetzen der Uni-Leitung und anderer Professoren, die FU solle ihre Anstrengungen, die Systemakkreditierung zu erhalten, bis auf Weiteres auf Eis legen und zunächst über ihre Qualitätsbegriffe diskutieren. FU-Präsident Alt sagte, ein solcher Beschluss würde die Leitung „wirklich schwächen“, der Psychologieprofessor Arthur Jacobs befürchtete Folgen für das Image der FU und im Exzellenzwettbewerb, Kanzler Peter Lange sagte, wer sich mit dem Berliner Senat anlegen wolle, müsse wissen, „ob er die Muskeln dazu hat“. Der Senat von Berlin erwartet, dass die Unis ein internes Qualitätsmanagement etablieren („Systemakkreditierung“), damit nicht mehr jeder Studiengang von Agenturen mit viel Aufwand und für viel Geld geprüft werden muss. Nur nach stundenlangen Diskussionen erreichte das Präsidium mit seinen Mitstreitern einen Aufschub der Entscheidung. Anja Kühne

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