Nachruf : Otto Prokop: Wissenschaftler zwischen den Fronten

Forscher, Hochschullehrer, Aufklärer, Kriminalist: Zum Tod des Charité-Rechtsmediziners Otto Prokop.

Hartmut Wewetzer

In den Krimiserien des Fernsehens sind Gerichtsmediziner nicht mehr wegzudenken. Sie sezieren nicht nur, sondern lösen Mordfälle und haben als Hauptdarsteller den Kommissar oder Detektiv abgelöst. Otto Prokop hätte gut in eine solche Serie gepasst. Der langjährige Leiter der Charité-Gerichtsmedizin, am vergangenen Dienstag im Alter von 87 Jahren gestorben, war eine farbige und temperamentvolle Persönlichkeit, ein namhafter Wissenschaftler und nicht zuletzt ein Aufklärer. Seine für das allgemeine Publikum bestimmten Sonntags-Vorlesungen an der Charité waren beliebt, Prokop trat im Fernsehen auf und schrieb 650 Fachartikel und 60 Bücher. Der gebürtige Österreicher verkörperte in der DDR ein Stück Weltläufigkeit, ja Weltbürgertum.

Prokops Markenzeichen waren die Fliege („Mein Bruder hat 250, ich ein paar weniger“, hat er dem Tagesspiegel einmal verraten) und sein österreichischer Tonfall. Das machte ihn zu einem unverwechselbaren Exoten in der DDR, erst recht im preußisch-spröden Berlin. Während ansonsten die Ärzte in hellen Scharen aus dem sozialistischen Deutschland flüchteten, ging Prokop den umgekehrten Weg von West nach Ost.

In St. Pölten geboren, blieb Prokop nach Wehrdienst und amerikanischer Kriegsgefangenschaft in Deutschland und studierte und habilitierte sich in Bonn. Dann der große Schritt: Die Charité bot dem jungen Wissenschaftler die Leitung des Instituts für Gerichtliche Medizin an. 1957, mit 35 Jahren, übernahm Prokop den Posten, den er 30 Jahre lang innehaben sollte. „Kollege, drüben leben auch deutsche Studenten“, soll Prokop durch Paul Martini, seinen Bonner Vorgesetzten, ermutigt worden sein.

Prominenter Wissenschaftler ohne Parteibuch

Bald sollte Prokop noch mehr leiten. Die verwaisten Gerichtsmedizin-Institute in Halle und Leipzig musste er zeitweise übernehmen, ebenso die Blutbank und die Physiologie der Uniklinik. Trotz des Mauerbaus gelang es Prokop, sein in Grenznähe gelegenes Institut vor der Abschottung zu bewahren. Mit seinen Forschungsarbeiten erwarb er sich internationales Renommee, wurde vielfach ausgezeichnet und zu einem wissenschaftlichen Wanderer zwischen den Welten, inmitten des Kalten Krieges.

Dieser Sachverhalt ist umso erstaunlicher, wenn man sich vor Augen hält, dass an Prokops Institut auch die Mauertoten obduziert wurden. Am 17. August 1962 etwa sezierte Prokop den Flüchtling Peter Fechter, der im Mauerstreifen unter den Augen der Weltöffentlichkeit gestorben war. Prokop diagnostizierte einen Beckendurchschuss, wobei die Kugel eine Arterie und eine Vene durchschlagen hatte. Peter Fechter war verblutet.

Prokop schrieb die Wahrheit – aber die blieb geheim, der Obduktionsbefund kam unter Verschluss. Als prominenter Wissenschaftler ohne Parteibuch musste er eine Gratwanderung bestehen und sich immer wieder durchlavieren, um unabhängig zu bleiben. Auch in der DDR wurde er mit hohen Ehrungen bedacht, genoss einen herausgehobenen Status. Und doch: Gleichzeitig wollte ihn die DDR-Führung 1967 dazu bringen, die Annahme des Beccaria-Preises – des „Nobelpreises der Kriminalisten“ (Prokop) in Frankfurt am Main abzulehnen. Prokop widersetzte sich erfolgreich. Vielleicht konnte selbst die DDR-Führung seinem Charme, seinem Enthusiasmus und seiner intellektuellen Brillanz nicht widerstehen.

Homöopathie - ein "Schildbürgerstreich"

Prokop hat Zehntausende von Leichen untersucht. Sein Institut war eine wichtige Ausbildungsstätte für angehende Rechtsmediziner und Forscher, und seine Vorlesungen begeisterten viele Studenten. Wissenschaftliche Schwerpunkte waren die Genetik angeborener Störungen und Fehlbildungen und die Erforschung der Blutgruppen.

In späteren Jahren wendete Prokop sich der Parapsychologie und Alternativmedizin zu – allerdings in kritischem Sinn. Er geißelte mangelnde Wissenschaftlichkeit und Geschäftemacherei. Die Homöopathie bezeichnete er gar als „Schildbürgerstreich“. Dass diese in den Augen mancher Skeptiker inzwischen an der Charité hofiert wird , hätte sicher den Widerspruch des streitbaren Professors herausgefordert.

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