Nachruf : Verfechter der Vernunft

Der Aidsforscher und Mediziner Reinhard Kurth ist tot. Er hat nicht nur das Robert-Koch-Institut in Berlin geprägt.

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Reinhard Kurth
Reinhard Kurth (1942 bis 2014)Foto: Frank Ossenbrink/ RKI

Die Seuche war neu, die Ängste und die Verunsicherung waren 1987 entsprechend groß. Auf der einen Seite standen jene, die HIV-Infizierte wie Gegner behandelten, denen man mit einer Law-and-Order-Politik beikommen sollte. Dem Virologen und Arzt Reinhard Kurth lief angesichts der Forderungen ein Schauer über den Rücken. Wirkungslos, nicht durchführbar und gefährlich, befand er und wandte sich an die damalige Bundesgesundheitsministerin Rita Süßmuth. Sie hörte zu. In der Gesundheitspolitik gewann der Verstand und nicht die Panikmache. Es war für Reinhard Kurth fortan ein Beispiel gelungener Politikberatung.

Reinhard Kurth mischte sich ein. Er beschrieb nicht nur als Grundlagenforscher die Eigenschaften des Immunschwächevirus HIV und suchte nach Impfstoffkandidaten. Er arbeitete auch mit Selbsthilfegruppen zusammen, propagierte einen rationalen Umgang mit der Krankheit. „Heute ist das selbstverständlich“, sagt Jörg Hacker, Präsident der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina. „Er übernahm Verantwortung, verband Forschung und Wissenschaftsmanagement und verlor dabei den einzelnen Menschen nicht aus den Augen.“

1942 in Dresden geboren, wuchs er in den Ruinen der Stadt auf. Sein Vater, ein Papiergroßhändler, hatte in der Bombennacht alles verloren. Später, als Siebenjähriger in Hamburg, erkrankte er an Tuberkulose. Er ließ die Krankheit hinter sich, studierte in Erlangen und Philadelphia Medizin und Philosophie. Schließlich wandte er sich der Forschung zu, interessierte sich für Retroviren, die in der Vergangenheit ihr Erbgut ins menschliche Erbgut eingeschrieben haben. Von dort zu HIV war es nur ein kleiner Schritt.

Er überzeugte nicht nur durch Redegewandtheit

„Er war für uns eine charismatische Leitfigur“, sagt Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) in Langen. Von 1986 bis 2001 war Kurth dort sein Vorgänger. Als dem Institut die Verantwortung für die Zulassung und Chargenprüfung von Blut und Blutprodukten übertragen wurde, legte Kurth die Grundlagen für die heute exzellente Blutsicherheit. Er überzeugte Politiker und Fachkreise nicht nur durch Redegewandtheit, er war ein Fachmann und guter Kommunikator. Um die regulatorische Arbeit kompetent ausführen zu können, brauche ein solches Institut auch experimentelle Forschung. Er hielt Kontakt zu den Besten seines Fachs und holte sie für Vorträge nach Langen. „Das hat den internationalen Ruf des PEI begründet“, sagt Cichutek.

Ab 1996 übernahm er die kommissarische Leitung des Robert-Koch-Instituts in Berlin, von 2002 bis 2008 die Präsidentschaft. Auch diesem Bundesinstitut drückte er seinen Stempel auf: Er schaffte flachere Hierarchien und flexiblere Strukturen, betonte die Bedeutung der Grundlagenforschung, hatte eine offene Tür für jeden und schwor die Mitarbeiter auf ihre Wächterfunktion ein: Wenn sich in der Welt eine gesundheitliche Gefahr zusammenbraut, müssen wir die Politik rechtzeitig und fundiert informieren! So entstand zum Beispiel ein nationaler Grippepandemieplan, der 2005 veröffentlicht wurde. Nebenbei pendelte er etwa 200 Mal im Jahr nach Bonn, wo er von 2004 bis 2007 kommissarischer Leiter des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte war.

Am 2. Februar 2014 ist er nach schwerer, langer Krankheit gestorben. „Wir haben nicht nur einen exzellenten Wissenschaftler und Public Citizen verloren“, sagt Günter Stock, Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. „Er war für viele von uns ein guter Freund.“

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