Position : Der digitale Tsunami erfasst die Unis

In den USA schreitet der Einsatz digitaler Medien an Hochschulen rasant voran, Deutschland steht noch am Anfang. Fest steht: Die Hochschulen müssen sich besser auf das E-Learning vorbereiten, sonst droht Wildwuchs.

Hans N. Weiler
Vorlesung und Prüfungen am Laptop? Hans N. Weiler mahnt Qualitätsstandards für digitale Angebote an.
Vorlesung und Prüfungen am Laptop? Hans N. Weiler mahnt Qualitätsstandards für digitale Angebote an.Foto: dpa

Deutsche Universitäten beginnen gerade erst, Online-Vorlesungen und andere Formen des E-Learnings für sich zu entdecken. Die US-Hochschulen sind sehr viel weiter. Dort zeigt sich aber auch, welche Schwierigkeiten mit einem wachsenden digitalen Angebot verbunden sind. Von keinem Geringeren als dem Präsidenten der Stanford University, John Hennessy, stammt die Aussage, dass die amerikanischen Hochschulen im Bereich der digitalen Lehrangebote mit einem veritablen „Tsunami“ zu rechnen und sich darauf entsprechend einzurichten hätten.

Für das bevorstehende Herbstquartal hat Stanford soeben ein Angebot von 16 Online-Lehrveranstaltungen angekündigt, deren Themen von Kryptografie bis zum Verfassen wissenschaftlicher Texte und vom Management von Technologieunternehmen bis zur Finanzwissenschaft reichen. Die meisten der Kurse sind neu auf dem digitalen Markt, aber einige waren auch schon vorher im digitalen Angebot, darunter der Kurs über Technologieunternehmen (der im Frühjahr 37 000 studentische Registrierungen erreichte), oder eine Veranstaltung über die Interaktion Mensch-Computer (mit 29 000 Einschreibungen).

Neben der Online-Plattform „Coursera“, die gemeinsam von Stanford und einigen anderen Universitäten (zunächst Michigan, Princeton, Pennsylvania, inzwischen erheblich erweitert, auch um Universitäten außerhalb der USA) entwickelt wurde, kommen in diesem Herbst in Stanford zwei neue Plattformen zum Einsatz: „Class2Go“ als „open source“-Plattform und „Venture Lab“, speziell entwickelt für Lehrveranstaltungen, in denen Studierende in Teams arbeiten. Das ist – zumal in so relativ kurzer Zeit – eine eindrucksvolle Entwicklung, die sich im Hinblick auf das gesamte Angebot von Coursera (im vergangenen Jahr 680000 Einschreibungen in 43 Lehrveranstaltungen) noch einmal um ein Erhebliches multipliziert. Ist das schon der „Tsunami“, den Hennessy vorhersagt?

Wahrscheinlich (noch) nicht, aus zwei nur scheinbar widersprüchlichen Gründen. Zum einen dürfte die nationale und vor allem internationale Nachfrage nach Online-Angeboten noch längst nicht ausgeschöpft sein – neben Coursera haben sich inzwischen weitere Konsortien wie edX (Harvard und MIT) und Udacity erfolgreich etabliert, das Letztere eine Initiative des aus Deutschland stammenden Stanford-Professors Sebastian Thrun, dessen Online-Veranstaltung über künstliche Intelligenz vor einem Jahr mit 160 000 Studierenden aus 190 Ländern digitale Geschichte machte. Zum anderen aber hat ein massives digitales Angebot („massive open online courses“) auf dem Weg zu seinem endgültigen Erfolg noch manche Hürde zu überwinden.

Dazu gehören Fragen der Qualitätssicherung, der Anerkennung und des Transfers von online erworbenen Leistungsnachweisen und der Vermeidung von Täuschung im Erbringen von Leistungen. Mindestens ebenso problematisch dürfte es sein, die ökonomischen Parameter eines umfangreichen, offenen und im Prinzip kostenlosen Online-Angebots mit dem traditionellen Geschäftsmodell vor allem privater Hochschulen in Einklang zu bringen.

Welches Konfliktpotenzial auch für die Governance von Hochschulen in der Frage nach dem Stellenwert von Online-Angeboten steckt, war erst kürzlich an der University of Virginia zu besichtigen, wo eben diese Frage zur (inzwischen wieder rückgängig gemachten) Entlassung der Universitätspräsidentin durch den Board der Universität führte.

Der wirkliche Tsunami im E-Learning an Hochschulen wird nicht aufzuhalten sein, aber er wird noch ein wenig auf sich warten lassen. Die Klugheit gebietet allerdings, der Vorbereitung auf den Tsunami, der Nutzung seiner Energien und seiner Vereinbarkeit mit den wertvolleren Merkmalen des amerikanischen Hochschulwesens noch sehr viel mehr Aufmerksamkeit zu widmen.

Der Autor ist Professor Emeritus für Erziehungs- und Politische Wissenschaft an der Stanford University. Der Text ist im Projekt „UniGestalten“ der Jungen Akademie Berlin und des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft entstanden.

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