Psychologie : Die Wissenschaft vom Lächeln

Jeder Mensch lächelt ab und an, egal wo er zu Hause ist. Die Kultur beeinflusst jedoch, wie das Lächeln zum Einsatz kommt. Und was es bedeutet, muss man lesen können.

von
lächelndes Kind
Ist das Lächeln echt oder aufgesetzt? Lange dachte man, dass die Muskeln um Augen es verraten. Doch stimmt so nicht, sagen...Foto: JorgeAlejandro Fotolia

Diese Szenen wird man lange nicht vergessen: Müde Kinder, Frauen und Männer mit abgekämpften Gesichtern wurden nach ihrer langen Reise an deutschen Bahnhöfen wie nahe Verwandte und Freunde umarmt. Einheimische Helfer kamen den Geflüchteten mit einem strahlenden Lächeln entgegen.

War das ein Septembermärchen? Ganz sicher ein Fall für die Forschung. „Wenn Fremde erstmals aufeinandertreffen, sagt die Präsenz eines Lächelns zuverlässig voraus, dass man sich vertraut und bereit ist, Ressourcen zu teilen“, sagt Paula Niedenthal von der Universität Wisconsin in Madison. Die Psychologin konnte belegen, dass die Migrationsgeschichte eines Landes maßgeblich dafür ist, wie leicht dieses Lächeln seinen Bewohnern im Alltag fällt.

Niedenthal und ihre Kollegen verwendeten Kennziffern für „historische Heterogenität“. Diese Zahlen fassen zusammen, aus wie vielen Staaten die Vorfahren heutiger Einwohner im Laufe der letzten 500 Jahre ins Land gekommen waren. Kanada steht mit einer Kennziffer von 63 in diesem Index weit oben. China und Japan haben wegen ihrer extrem homogenen Bevölkerung die Kennziffer eins, Deutschland liegt im Mittelfeld. Anschließend befragten die Forscher Bürger unterschiedlicher Nationalitäten, wie sinnvoll es sei, in aller Öffentlichkeit Gefühle zu zeigen.

Ein Ausweis der Vertrauenswürdigkeit

In den Ländern mit vielen Einwanderern herrschte die Meinung vor, man solle mit den eigenen Emotionen nicht hinter dem Berg halten. Vor allem nicht mit den positiven. Neben Kanada taten sich Neuseeland und die USA durch eine „Kultur des Lächelns“ hervor, schreiben die Forscher im Fachblatt „PNAS“. In Ländern, in denen die Bevölkerung über Jahrhunderte homogen zusammengesetzt war, seien die Reaktionen der anderen leicht vorherzusagen – unabhängig von der Sprache, meint Niedenthal. Minimale Mimik genüge, um sich zu verstehen.

Ist ein Land dagegen aufgrund seiner Geschichte bunter zusammengewürfelt, dann war es immer wieder nötig, Gefühle und Absichten möglichst unmissverständlich zum Ausdruck zu bringen – mithilfe der Gesichtsmuskulatur. Zu den unausgesprochenen Regeln gehört es dann auch, selbst Unbekannten ein Lächeln zu schenken. Einen Ausweis der Vertrauenswürdigkeit, den ein Mensch nicht so leicht einbüßt wie seine Papiere.

Weltlachtag auf dem Tempelhofer Feld
Das Lachen vergeht einfach nicht an diesem Sonntag auf dem Tempelhofer Feld – und wer nicht hören kann, muss nur vom Eingang Columbiadamm aus den sonnigen Smileys an den Mauern folgen.Alle Bilder anzeigen
1 von 8Foto: Doris Spiekermann-Klaas
06.05.2012 20:15Das Lachen vergeht einfach nicht an diesem Sonntag auf dem Tempelhofer Feld – und wer nicht hören kann, muss nur vom Eingang...

Der freundliche Gesichtsausdruck hat nicht nur die Kraft, Bindungen zu knüpfen und zu stärken oder jemanden zu belohnen. Er kann eine dritte Aufgabe übernehmen: Wer wann und wie lächelt, das offenbart unter Umständen Hierarchien und kann sie zementieren. Etwa wenn Untergebene ihren Chefs schöntun und den Ärger über ihnen aufgebrummte Mehrarbeit unbemerkt hinunterschlucken. Dieser Aspekt des Lächelns, das zeigte eine Befragung von 726 Menschen in neun Ländern, ist in den Gesellschaften mit homogener Bevölkerung und stabilen Hierarchien bedeutsamer. In Ländern mit hohem Heterogenitäts-Index wird es dagegen überwiegend als freundliche Geste gedeutet. Ein soziales Schmiermittel ist es allemal.

Schon Babys kommunizieren lächelnd

Mund- und Augenringmuskulatur sind bei Menschen aller Kulturen von klein auf im Einsatz, um den charakteristischen Gesichtsausdruck des Lächelns zu formen. Es beginnt damit, dass Neugeborene ihr Gesicht, meist im Schlaf, zu etwas verziehen, was wie ein Lächeln aussieht, jedoch noch keines ist. „Engelslächeln“ sagt der Volksmund zu diesem zauberhaften ersten Anflug. Mit vier bis acht Wochen beginnen Babys wirklich, andere anzulächeln. Erst dann ist das Gehirn reif dafür.

Wahrscheinlich stehe und falle alles damit, dass die Nervenzellen, die die tief im Gehirn liegenden Basalganglien vernetzen, mit einer Myelinschicht ummantelt werden, meint die Neurobiologin Lise Eliot von der Chicago Medical School. Denn erst damit sind diese Strukturen unterhalb der Großhirnrinde, die jede willkürliche Bewegung steuern, voll funktionsfähig.

„Das soziale Lächeln ist wahrscheinlich der universellste aller Meilensteine in der Entwicklung des Menschen“, schreibt sie in ihrem Buch „Was geht da drinnen vor?“. Sogar von Geburt an blinde Säuglinge sind dazu in der Lage. Universell ist vermutlich auch, dass Eltern dahinschmelzen, sobald sich die kleinen zahnlosen Münder öffnen und die Mundwinkel sich dank fein abgestimmter Muskelkontraktionen leicht nach oben ziehen.

Das Timing sitzt schon nach kurzer Zeit

Bereits mit ein paar Monaten beherrschen Babys die Kunst, den optimalen Zeitpunkt für ihr Lächeln zu finden. Entwicklungspsychologen und Robotik-Spezialisten von der Universität Kalifornien in San Diego haben das auf ungewöhnliche Art bewiesen: Sie beobachteten zuerst, wie Säuglinge und ihre Müttern miteinander umgehen.

Anschließend programmierten sie einen kleinen Roboter mit Puppengesicht so, dass er die Gesichtsausdrücke seines Gegenübers „erkannte“ und unterschiedliche Strategien der Interaktion beherrschte. Ahmte „Diego San“ genau das Verhalten nach, das den Babys abgeschaut war, so konnte er unter sparsamstem Einsatz eigenen Lächelns besonders viel Gegen-Lächeln auf die Gesichter der Probanden zaubern. Dass schon Säuglinge ihre Mimik bewusst einsetzen, wollen die Forscher damit selbstverständlich nicht behaupten.

Das Angstgrinsen der Affen

Lise Eliot hält Lächeln für das menschliche Begrüßungssignal schlechthin. Für die uns allen angeborene Möglichkeit zur gegenseitigen Kontaktaufnahme. Dazu passt, dass Babys meist kurze Zeit später die ersten sprachnahen, brabbelnden Versuche zur „Protokommunikation“ starten. Also ferne Vorboten der Sprache.

Lächeln auch Tiere, denen die Sprache fehlt? Marina Davila-Ross von der Universität Portsmouth und ihre Kollegen haben bei Schimpansen Anzeichen dafür gefunden. Sie analysierten Filmaufnahmen und sahen bei den Menschenaffen – meist von lach-ähnlichen Lauten begleitet – Gesichtsausdrücke, die denen lächelnder Menschen ähnelten. Das sei ein Vorläufer unseres Lächelns, vermuten sie. Ob und welche Gefühle bei den Schimpansen damit einhergehen, ist eine andere Frage.

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben