Psychologie : Leben im falschen Film

Depersonalisation – Menschen mit dieser Störung empfinden ihren Körper als fremd und die Welt als unwirklich.

Mascha Elbers
Neben sich stehen: Der eigene Körper erscheint einem fremder als ein Spiegelbild, die Wirklichkeit surreal verzerrt. In extremen Stresssituationen flüchtet sich das Gehirn mitunter in eine Depersonalisation, eine Trennung von Persönlichkeit und Körper.
Neben sich stehen: Der eigene Körper erscheint einem fremder als ein Spiegelbild, die Wirklichkeit surreal verzerrt. In extremen...Foto: mauritius images

Wenn Laura Bergmann (Name geändert) aus dem Haus geht, dann ist es nicht sie selbst, die über die Straße läuft. Es ist dieser merkwürdige Körper, der das alles von alleine macht. So zumindest kommt es ihr vor. Laura Bergmann leidet seit zwei Jahren an einer Depersonalisationsstörung. Das überwältigende Gefühl der Entfremdung vom eigenen Körper betrifft sogar ihre eigenen Empfindungen: „Ich weiß, wenn der Körper Schmerzen hat. Aber das sind nicht meine Schmerzen, sie berühren mich nicht.“ Ebenso wie der eigene Körper wirkt bei der Krankheit meist auch die Außenwelt surreal und unerreichbar. Deshalb spricht man auch vom „Depersonalisations- und Derealisationssyndrom“. Außerdem scheinen Ereignisse oft wie in Zeitlupe oder im Zeitraffer abzulaufen. Es handelt sich dabei jedoch nicht um Wahnvorstellungen, denn die Betroffenen wissen, dass die Ursache in ihrer eigenen Wahrnehmung liegt. Gerade deshalb haben sie oft Angst, den Verstand zu verlieren. Doch wenn sie zum Arzt gehen, wird die Störung nicht selten verkannt und stattdessen etwa eine Depression diagnostiziert. Dabei ist die Krankheit weder neu noch selten. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts wurde sie in der psychiatrischen Literatur beschrieben. Neuere Studien haben ergeben, dass in den westlichen Ländern ein bis zwei Prozent der Menschen die Symptome einer Depersonalisationsstörung aufweisen. Demzufolge könnte es in Deutschland mehr als eine Million Betroffene geben.

Auch Marihuana löst Entfremdungszustände aus

Wer schon einmal kurzzeitig einen Zustand der Depersonalisation erlebt hat, braucht sich allerdings keine Sorgen zu machen. Vorübergehende derartige Erfahrungen sind nicht ungewöhnlich. Sie treten vor allem bei großer Anspannung auf, manchmal aber auch in Momenten der Erschöpfung. Auch Drogen wie Marihuana lösen typischerweise Entfremdungszustände aus, die aber meist als angenehm empfunden werden.

Weniger harmlos ist die Depersonalisation hingegen, wenn sie als Begleitsymptom psychischer Krankheiten wie Panikattacken und Angststörungen oder einiger neurologischer Beschwerden wie Migräne und Schwindel in Erscheinung tritt. Von einer Depersonalisationsstörung spricht man aber erst dann, wenn häufige oder durchgehende Entfremdungsgefühle selbst das größte Leid verursachen. Meistens entwickelt sich die Krankheit schon im Jugendalter. In einigen Fällen gibt es einen bestimmten Auslöser wie zum Beispiel eine Panikattacke oder eine Drogenerfahrung (üblicherweise einen „Horrortrip“), nach welcher die Entfremdungsgefühle nicht mehr verschwinden wollen. Zur Diagnose der Störung hat sich die Cambridge Depersonalisation Scale bewährt, ein Fragebogen, der vom Psychiater Mauricio Sierra-Siegert zusammen mit seinem Kollegen German Berrios entwickelt wurde.

Schutzmechanismus des Gehirns

Sierra-Siegert ist überzeugt, dass die Krankheit auf einem Schutzmechanismus unseres Gehirns beruht. Er betrachtet die Depersonalisation als Gegenstück zur Kampf-oder-Flucht-Reaktion für Gefahrensituationen, in denen ein Kampf oder eine Flucht nicht möglich sind. Dann schaltet das Gehirn sozusagen in den Autopilot-Modus und lässt uns auf diese Weise weiter funktionieren, ohne dass wir von Angstgefühlen gelähmt werden. Ein anschauliches Beispiel dafür bieten Berichte von Überlebenden schwerer Unfälle oder Gewalttaten, die Forscher der Universität Iowa 1977 gesammelt haben. Fast drei Viertel der Befragten berichteten von Symptomen der Depersonalisation im Angesicht des Todes, so wie zum Beispiel in folgender Schilderung: „Ich hörte das Splittern des Glases wie in Zeitlupe. Ich hatte das Gefühl zu schweben und die Realität zu verlassen. In diesem Zustand hatte ich keine Kontrolle über meinen Körper, aber alles schien in Harmonie abzulaufen.“ Wenn dieser an sich nützliche Mechanismus zum Dauerzustand wird, entsteht eine Depersonalisationsstörung. Typischerweise geschieht dies, wenn Menschen in einer schwierigen Lebenssituation feststecken und sich ihr hilflos ausgeliefert fühlen. Wenn die Störung einsetzt, geraten sie oft in einen Teufelskreis, denn durch die Symptome fühlen sie sich noch hilfloser.

Der Zustand der Depersonalisation zeigt sich auch darin, dass Betroffene beim Anblick verstörender Bilder ungewöhnliche und meist schwächere körperliche Reaktionen zeigen als gesunde Vergleichspersonen. Es scheint, dass sie einerseits zu heftigen Angstgefühlen neigen, die dann aber andererseits von der Depersonalisation weitgehend ausgeschaltet werden. Ein Blick ins Gehirn zeigt, dass bei ihnen bestimmte Bereiche des Präfrontalen Kortex überaktiv sind, deren Aufgabe unter anderem die Kontrolle von Emotionen ist. Diese Areale schicken hemmende Signale an die Emotionszentren des Gehirns wie z. B. die vordere Inselrinde und die Amygdala. Dadurch fühlen sich die Betroffenen nicht nur abgestumpft und gleichgültig, sondern es kommt ihnen auch die emotionale Färbung der Welt abhanden. Normalerweise lösen nämlich selbst die kleinsten Dinge eine Gefühlsantwort in uns aus, die signalisiert, womit wir uns wohlfühlen und was wir lieber vermeiden sollten. Fehlt diese Gefühlsantwort, dann scheint die Welt gar nichts mehr mit uns zu tun zu haben – sie erscheint unwirklich.

Ständig im Alarmzustand

Für die Fremdheitsgefühle in Bezug auf den eigenen Körper sind hingegen wohl Regionen im vorderen Scheitellappen des Gehirns verantwortlich. Der Gyrus Angularis beispielsweise hat unter anderem die Aufgabe abzugleichen, inwiefern unsere Handlungen unseren Intentionen entsprechen. Laufen unsere Handlungen anders ab als beabsichtigt, schlägt der Gyrus Angularis Alarm. Bei Patienten mit Depersonalisationsstörung scheint er sich in einem Daueralarmzustand zu befinden. Das könnte erklären, warum es ihnen so vorkommt, als hätten sie keine Kontrolle über ihre Handlungen.

Dass wir uns normalerweise als einheitliche Person hier und jetzt in der Welt empfinden, verdanken wir also offenbar einem hochkomplexen Zusammenspiel verschiedener Gehirnregionen. Ist es gestört, dann kann uns die Wirklichkeit von einem Tag auf den anderen entgleiten. So ist es kein Wunder, dass die Erfahrung viele Betroffene existenziell verunsichert. „Ich frage mich, ob womöglich der Normalzustand die wahre Illusion ist“, grübelt Bergmann. Dennoch wünscht sie sich nichts sehnlicher, als „sich endlich wieder wie ein Mensch zu fühlen“.

Linderung durch Verhaltenstherapie und Medikamente

Mit den derzeitigen Behandlungsmöglichkeiten hat sie gute Chancen, zumindest eine deutliche Linderung zu erreichen. Eine Verhaltenstherapie hilft den Patienten, ihre Krankheit besser zu verstehen und aus dem Teufelskreis der Angst auszubrechen. Überdies können sie Ängste und Selbstwertprobleme aufarbeiten, die der Depersonalisationsstörung oft zugrunde liegen. In vielen Fällen ist eine zusätzliche Behandlung mit Medikamenten sinnvoll. Da an den Gehirnprozessen der Depersonalisation verschiedene Neurotransmitter beteiligt sind, stehen ganz unterschiedliche Wirkstoffgruppen zur Auswahl. So zeigen sowohl eine Kombination von Antiepileptika und Antidepressiva, als auch Opioidantagonisten oder Angstlöser eine gute Wirkung. Jedoch schlagen die verschiedenen Mittel immer nur bei jeweils einem Teil der Betroffenen an. Deshalb muss man für jeden Patienten individuell ausprobieren, was ihm oder ihr am besten hilft. In Studien hat auch die transkranielle Magnetstimulation Wirkung. Dabei regen magnetische Spulen die von der Depersonalisation betroffenen Gehirnregionen durch den Schädel hindurch an. Die Erforschung der Depersonalisationsstörung und die Suche nach Therapieoptionen steht jedoch erst am Anfang. Psychiater Sierra-Siegert ist dennoch zuversichtlich: „Langsam kommt die Krankheit aus ihrem Schattendasein heraus.“

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