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Psychologie : Tödliche Langeweile

04.01.2013 15:27 UhrVon Hubertus Breuer
Langweilig. Jugendliche Zuschauer im Düsseldorfer Landtag lassen eine Debatte über die Ausbildungsplatzabgabe an sich vorüberziehen. Foto: dapdBild vergrößern
Langweilig. Jugendliche Zuschauer im Düsseldorfer Landtag lassen eine Debatte über die Ausbildungsplatzabgabe an sich vorüberziehen. - Foto: dapd

Wem die Zeit oft lang wird, der stirbt eher: Was Psychologen über das Gehirn im Leerlauf herausgefunden haben.

Das dauert. Im Schritttempo schiebt sich die Fahrzeugkolonne über die Autobahn, Sie mittendrin – und die Minuten dehnen sich wie zäher Teig. Nicht viel besser ergeht es Ihnen im Wartezimmer eines Arztes. Zwei Zeitschriften sind bereits durchgeblättert, die akzeptable Wartezeit längst überschritten. Oder, Gott bewahre, Sie lesen gerade noch diesen Absatz zu Ende und wollen schon weiterblättern, weil Sie sich auf der nächsten Seite eine aufregendere Geschichte erhoffen. Halt!

Offenbar traktiert uns in all diesen Fällen die Langeweile. Ein vertrautes, doch auch lästiges Gefühl, das man schnell abschütteln will. Psychologen lieben sie ebenso wenig.

Verglichen mit der schier endlosen Literatur über so machtvolle Primäremotionen wie Angst oder Aggression fristet die Langeweile-Forschung ein Schattendasein in der Wissenschaft.

Doch das ist womöglich ein Fehler. „Langeweile ist ein nicht zu vernachlässigender Risikofaktor“, sagt der kanadische Psychologe John Eastwood von der York-Universität in Ontario, der kürzlich eine ausführliche Studie über dieses komplexe Gefühlsgebilde in der Fachzeitschrift „Perspectives on Psychological Science“ publizierte.

Denn Forscher haben Langeweile nicht nur mit Depression, Alkohol- und Drogenmissbrauch in Zusammenhang gebracht, auch bei Chirurgen oder Lastwagenfahrern kann sie zu lebensgefährlichen Fehlern führen. Zudem verkürzt Langeweile womöglich unsere Lebenserwartung. Im Jahr 2010 analysierten Forscher vom University College London Fragebögen von mehr als 7500 Beamten im Alter zwischen 35 bis 55 Jahren aus den späten 80ern. Diejenigen, die sich zu einem hohen Maß an Langeweile bekannten, starben eher als jene, denen die Zeit selten lang wurde. Da erscheint die Redewendung „sich zu Tode langweilen“ in neuem Licht.

Gemeinsam mit kanadischen Kollegen hat Eastwood jetzt mehr als 100 Fachartikel zu dem Thema ausgewertet – und durchaus erhellende Erkenntnisse gewonnen. Während viele Menschen glauben, das Problem der Fadheit seien nur eine öde Umwelt und eintönige Beschäftigungen, liegt ihr Ursprung offenbar in uns selbst. Genauer: Aufmerksamkeit ist der Dreh- und Angelpunkt allen Langeweilens. Wenn wir nicht in der Lage sind, uns geistig zufriedenstellend zu beschäftigen, obwohl wir es gerne würden, entstehe Langeweile – das zumindest kristallisierte sich in Eastwoods Analyse heraus.

Experimente scheinen das zu bestätigen. So untersuchte die Psychologin Cynthia Fisher von der australischen Bond-Universität, wie Menschen auf Gespräche im Hintergrund reagieren, wenn sie eine geistige Aufgabe zu erledigen hatten. Mussten sie ein interessantes Managementproblem lösen, konnten sie die Unterhaltungen einfach ausblenden. Als jedoch dröges Korrekturlesen anstand, das nichtsdestotrotz ihre psychische Präsenz verlangte, fühlten sich die Probanden von dem Geplapper in Versuchung geführt, ohne ihm nachgeben zu können. Prompt erklärten sie sich mehrheitlich für gelangweilt.

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